Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 51 (1866) · p. Seite 202

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
51 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4908862-5999396-6026839--3381-4911556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

202 ist im Talmud-getbeilter Meinung, ob ein Lehrer vorzu- ' ziehen sei, der dem Srbüler viel Stoff, wenn auch nicht mit.allzu großer Gründlichkeit bietet, oder der, welcher; das umgekehrte Verfahren hat. Im Allgemeinen verlangt ' der Talmud Gründlichkeit und neben Ausbildung des! Verstandes auch die des Gedächtniffes. Der Lehrer darf nicht jähzornig sein, vor Allem . muß er Geduld besitzen. „Unermüdlich, sagt R. Akiba. muß 1 der'Lehrer eine Sache so lange erklären, bi^ die Schüler! das Gesagte durch und durch verstehen."') Der Schulun- [ terricht wurde *n nsar-a ..Gotteswerk," genannt, dahin- > gegen über einen Lehrer, der im Unterrichte^lässtg war,! das sehr harte Wort ausgesprochen: rrutV'a ,frrr --j rt*nn ‘r. was Mamonides erläutert: Der Lehrer, ^er die Kinder sitzen läßt und fvrlgeht, oder eine frernde Ar- - beit mit ihnen vornimmt, oder lässig im Unterrichte selbst ist. gehört zu denen, von welchen es heißt: „Verflucht, der das Wort Gottes lässig handhabt." Um so größer war die Achtung, die dem Lehrer ge-; rollt werden sollte. Sie wurde seitens des Schülers der Ehrfurcht vor Gott gleichgestellt und der Ehrerbietung des Vaters noch vorangestellt. Es wurde gesagt: .^Jerusalem wurde zerstört, weil die Lehrer darin ver- ' achtet wurden." 3> Das richtige Alter, mit welchem der Unterricht des Kindes anfangen sollte, wird als das sechste bezeichnet. ..Nimm keinen Knaben — sprach Rab zum Elementarlehrer R. Samuel bar Silatb. vor seinen; sechsten Jahre in deine Sckmle aus."*', ' „ Wer seinen Sohn — heißt es an einer andern Stelle — vor seinem sechsten Jahre in die Schule giebt, läuft ihm nach und erreicht ihn nicht, d. h. — wird erläuternd hinzugefügt — er will ihn kräftigen und erhalten, und vermag es xicht, weil der ' Knabe wegen allzugroßer Schwäche dem Tode naheist."3 Wenn vorgeschrieben wird, daß bis zum zehnten Jahre der Bibelunterricht, bis zum fünfzehnten der Mischnaunterricht und von da ab der Gemaraunterricht betrieben werden solle, so haben die Talmudistcn hiermit gewiß und vrinzipiell aussprechen wollen. daß der Unterricht ein methodischer und stufenmäßiger sein müffe, ohne damit bei besonders -fähigen Köpfen nicht eine Ausnahme zuzugestehen. Denn sie wußten wohl, daß der Unterricht , sich der Fassungskraft des Schülers anpaffen müffe. ..Gott selbst hat sich auf dem Sin«—wird gelehrt3)— den Erwachsenen, den Eliten, den Kinderp, Allen nach der Ausfaffunaskraft rines jeden offenbaret, darum sei der Unterricht dem gleich." Es, war selbstverständlich, daß die schon genann- 1 Kiubin 54 b. 2. Jad Haehasaka Hilchoth T. T. II. 3. 3, Sabb. 119, b. 4) K^tnb. 50, a. f» Babfe bath. 21. a. Bekanntlich wird an anderen Stellen tatz sümfre ^abr zum Anfang des Unterrichts un» zwar in der Bibel bestimmt. MaimonideS u. A. suchen diese Differenz durch künstliche Auslegung auszugleichen. Allein wir glauben, daß das fünfte Jahr der Gleichförmigkeit wegen ausgestellt ist, da man mit dem zehnte» die Mischna. mit dem fünfzehnten , die Gemara anznfangen verschrieb, alio einen fünfzehnjährigen LvcluS verwenden wollte. - Redakt'. 61 Midrasch Rabba. 139 a und 144. ten drei religiösen Äerke den hauptsächlichsten Lehrstoff für die jüdische Aigend ausmachten. Eigenthümlich war es. daß man den Bibclunterricht M'l dem dritten Buche Mosis, d. i. der Lehre von den Opfern begann. Der Midrasch erklärt dies: „Warum soll der erste Bibclunterricht der Kinder mit der Lehre von den Opfern beginnen? Wesl die kleinen Kinder unschuldig und rein sind und die Opfer die Reinheit symbolisiren (insofern sie die ursprüngliche Reinheit des Menschen wieder herzustellen bestimmt sind), so mögen kommen die Reinen und sich beschäftigen mit der Lehre über die Herstellung der Reinheit durch die Opfer." J) Es ist dies recht schön gesagt, aber ein wirklicher pädagogischer Grund ist es nicht, denn in der That sind die Kapitel von den Opfern in der h. Schrift wohl diejenigen, welche einen fünf- oder sechsjährigen Knaben am wenigsten interefsiren können. — Dennoch empfiehlt der Talnrud das Studium fremder Sprachen ausdrücklich; es wird die ägyptische und aramäische Sprache! besonders hervorgehoben, vor allen aber die griechische Sprache ^bevorzugt. Es heißt: „Die Thora dürfe nur in die griechische Sprache übersetzt werden, weil!nur diese sie vollständig wicdergeben könne";*) ferner: „Die griechische Sprache ist in jeder Beziehung brauchb rr" rs).3) Eine schöne Stelle über Sprachen ist folgende: „Vier Sprachen, — heißt es — die in und uist Palästina gesprochen wurden, zeichnen sich durch besondere Vorzüge aus: das Griechische klingt schön wegen seines Rhythmus im Gesänge (Dichtkunst), das Römische wegen seiner volltönenden Männlichkeit im Kampfe, das Syrische wegen seiner zahlreichen dumpfen Selbstlaute im Klagelied, und das Hebräische wegen seines hellen Klanges in der Rede."4) Wir brauchen nicht zu erwähnen, daß auch Mathematik. Astronomie und Naturkviffenschaften den Talmudisten nicht fern lagen; wie wert dieselben aber schon im Jugendunterricht gelehrt wurden. ist nicht abzusehen. Die Talmudisten empfahlen' die Urbung des Gedächtniffes, überhaupt aber wollten sie, daß dem jungen Menschen zuerst Wiffensstoff gegeben werde, bevor er zum „Erkennen" angeleitet werd?; jedoch sollte der Lehrer nicht zu viel Stoff auf einnzal geben, sondern kürzere Ziele und Ruhepunkte ansetzen. Jede Weitläufigkeit und Abschweifung iverde vermieden: „Stets belehre man seine Schüler auf die kürzeste Weise."5) Dabei soll die richtige Begründung und eine stete Wiederholung beachtet werden. „Rabbi Akkiba lehrt:-Der Lehrer müffe den Unterrichlsgegenstand seinen Schülern sowohl durch einleuchtende Gründe klar machen, al^ auch denselben unermüdet vortragen. bis sie sich ihn vtöllig angeeignet und auch äußere Fertigkeit darin erlangt haben."3) Besonders wurde den Schülern lautes Wiederholen empfohlen. Da in der Regel eine Schule vtzn einem Lehrer gehalten wurde, so empfahl man, die Schule zu wechseln, ganz besonders auch das Zusammenstudiren und den Disput. Vom letzteren 1) Wajikra Rabba, Ablchn. 7. 2) Talm. Jeruschalmi Megilla 8. 3i Megilla 18 a. 4) Talmud Jeruschalmi Megilla 1, 8. 5) Pesach, 3 a. 61 Erub. 54 h.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.