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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 50 (1866) · p. Seite 199

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
50 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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199 festen Entschlusses, des sicheren, wohlerwogenen Ganges allzu sehr. Als Elkahn die Feder niederlegte, fragte ihn Herz mit schwankender Stimme: „WaS hast du für Nachricht von deinem Sohne?" Elkahn fand in dieser Frage nichts Auffälliges, seine Mienen drückten zwar sofort etwas Besorgniß aus, aber er antwortete doch ruhig: „Der Schlingel läßt mich dies Mal längere Zeit auf seinen Brief warten. Sein letztes Schreiben traf vor drei Wochen ein, und doch, wie du weißt, theile ich jetzt außer meinem Geschäfte, meine Lebenszeit nach den vierzehntägigen Briefen ab, die ich von ihm bis jetzt so regelmäßig empfing. Jnd^schrieb er mir in seinem letzten Briefe, daß er vor einer »qngeren Geschäftsreise stehe, und ich rechne daher die Verzögerung auf diese Reise. Unterwegs ist man nicht immer Herr über sich selbst. Zwar waren auch seine letzten Briefe immer etwas kurz, und zeigten die Ruhe und die Ueberlegung nicht, welche sein Thun und Laffen immer bezeichneten, und die stets so wohlthuend sich auch in seinen Mittheilungen an mich bewährten. Allein die Geschäftsverhältniffc sind in der letzten Zeit, wie dir bekannt ist, etwas schwierig geworden, und das Haus meines Sohnes hat sich vielleicht etwas zu tief eingelaffen. Jungen Leuten brummt der Kopf gleich gewaltig, wenn sie etwas aus dem Fahrgleise gekommen. Run, auch ihm werden unangenehme Erfahrungen nicht erspart bleiben. Davor können Eltern ihre Kinder nicht schützen, wie die unsrigen es auch nicht vermochten. Es muß Jeder sehen, wie er durch das Leben kommt, unh das Glück ist für Niemanden beständig. Doch wir die Abendpost wird mir Etwas Der Sprecher hatte sich feistem Freunde zugewandt. Ein schmerzliches Zucken lief über des Letzteren Angesicht, er sagte sich selbst, daß der ents heidende Augenblick wohl nahe .bevorstehe, und schickte merkung an, wie: man dürfe werden sehen, ich hoffe, von ihm bringen." sich eben zu einer Bedoch wohl nicht ein so auffälliges Schweigen unbeachtet laffen, man könne doch nicht wiffen, was vorgefallen — als Elkahn's Hausdiener eintrat und ihm eine Anzahl Briefe von der Post brachte. Elkahn ergriff sie! musterte die Poststempel, und rief aus: „Da ist ja ein Brief aus B. — aber nicht von meines Sohnes Handschrift — wenn ich nicht irre, von seines früheren Prinzipals Hand —“ Erschrocken nahm er den Brief heraus, hastig öffnete er ihn, überflog seinen Inhalt mit schnellem Blick . . . da sank er todtenbleich in seinen Lehnstuhl zurück, seine Arme fielen nieder, der Brief glitt aus seiner Hand auf den Boden. ... ' Herz sprang voll Entsetzens auf; ihm selbst kam es nicht überraschend, aber der Anblick des ohnmächtigen Freundes erfüllte ihn mit Grauen. „Elkahn! Elkahn! Was machst Du " rief er aus, faßte den Freundin seinen Arm, schüttelte ihn und! rief seinen Namen. Aber Elkahn hörte ihn nicht und lag wie leblos da. Herz rief nach Hülfe; der Diener kam und einige Hausgenossen; man machte'alle Versuche, den Ohnmächtigen in's Leben zurückzurufcn. 'Man eilte nach dem nächsten Arzte. Dieser kam, ließ den Bewußtlosen, der nur noch wenige Zeichen des Lebens von sich gab, in'S Bett bringen und schlug ihm sofort eine Ader. Unterdcß hatte Herz den verhängnißvollen Brief aufgerafft und gelesen. Er lautete: „Sie wiffen, Jot« ich an Ihrem Sohne gehandelt. Er hat mir mit "fürchterlichem Undank gelohnt. Seit einigen Monaten hatte er seinen Lebenswandel geändert. Sein Wück mochte ihm zu Kopf gestiegen sein. Ich machte ihm Vorstellungen, aber sie halfen Nichts. Schon wollte ich Ernstere Schritte thun. Da ist er vor drei Tagen verschwunden. Es ergab sich, daß er die Bücher gefälscht, und eine Summe, die wir jetzt bereits auf 40.000 Thlr. anschlagen können, mit sich genommen. Er ist mit einer Schauspielerin, einer schönen, aber liederlichen Person, davongegangen. Er wird steckbrieflich verfolgt. Wenn Sie etwas von ihm wiffen, so fordere ich Sie als Vater auf, mir sofort Mittheilung davon zu machen. Bedenken Sie, eS gilt die Rettung Ihres Sohnes, der sonst ganz verloren sein wird. Ihr etc." „Armer, unglücklicher Freund!" sprach Herz vor sich hin, als er den Brief gelesen, der ihm freilich nicht viel Neues sagte, da,et bereits auS B. Nachricht über den Vorfall empfangest hatte. „Das konnte freilich den Stärksten niederschmettern, und der Stärksten Einer warst Du ja sonst immer. Wie wird dies enden! Was soll ich wünschen? Daß er aus der Nacht des Todes zurückkehre. oder in seiner Bewußtlosigkeit hinübergehe?!" Aber Elkahn 'kehrte aus der finsteren Umarmung des Todes zurück. Das Blut rann aus der Ader, Herz und Pulse belebten sich, der Athcm trat wieder ein und wurde merkbarer. Endlich schlug er die Augen wieder auf, aber es war ein starrer, todter Blick, der auS ihnen herausdrang. Bald zeigten sich die Symptome eines nervösen Fiebers. Schlummerlos lag er da, und ohne Nahrung zu sich zu nehmen, und seine Seele irrte in Phantasien umher. Von Zeit zu Zeit stieß er heftig Worte aus. die bekundeten, daß er an Nichts als seinen Sohn denke, aber seine Gedanken waren in die Vergangenheit zurückverlegt. Sein Sohn war noch Kind, Knabe. Bald freute sich der Phantasirende über die ersten Knabenkleider, über die ersten Lese- und Schreibeversuche seines Kindes. Bald fuhr er voll Entsetzens auf, und streckte seine Hände krampfhaft aus: ein toller Hund, eine giftige Schlange fuhr auf den Knaben los, der Vater wollte ihn retten; er stand an einem Abgrunde und sank hinein, der Vater wollte ihn zurückreißen; ein wilder Haufe gewaltthätiger Menschen stürzte auf ihn, der Vater wollte ihn vertheidigen. . . Dennoch siegten die kräftige Natur, die Kunst des Arztes und die unermüdliche Pflege des Freundes und seiner Gattin. Am neunten Tage versank der Kranke in einen tiefen und langen Schlummer, und der Arzt erklärte ihn Air vorläufig außer Gefahr. Es sei ein Wunder, meinte er, das sich hier zugetragen, aber einen günstigeren Dirlaus hätte das Uebel nicht nehmen können. Die Phantasien zeigten, daß kein Gehirnschlag eingetreten, und der jetzige Schlummer, daß das Fieber gebrochen sei. Als Elkahn aus seinem langen Schlafe erwachte, läch lte er seinen Umgebungen freundlich mild zu. Er schien vergessen zu haben, was seinem Erkranken vorantzegangen. Er war sehr matt, und mußte außerordentlich geschont werden. ^.Einige. Stunden später, da sich seine Kräfte schnell wiederlzu heben schienen.' wurde

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