Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 50 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
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m bald vergessen, Alles, was er dem Allentheile zu leisten hat, wird zu einer drückenden Last, allmälig geschmälert, so weit es geht, und damit ist die Quelle der Zwistigkeiten geöffnet, aus der ein scharses Gift kür die Familien hervorfließt. Ich mag die Sache hier nicht weiter ausmalen, sie gehört zu den Nachtseiten im fyeife der bäuerlichen Bevölkerung. Jedenfalls gehört Obiges zur Charakteristik aus einfacher, aber wahrer Beobachtung. Ties getroffen. Ein Eharatrerbild. 4 I (Schluß.) i Diese mit erlern Zorne ausgesprochene Aufforderung | machte einen liefen Eindruck. Bald aber erhob sich > Einer von der entgegengesetzten Seite und erwiederte: „Ich ' begreife nicht., und finde eS auch durchaus nicht angemeffen, daß der Vorredner diesen Saal, in welchem nur rricdliche Verhandlungen, die das Wohl der ganzen Stadt betreffen, vorgenommen werden sollen, zum Tummelplätze persönlicher Streitigkeiten machen will. Zank und Hader können an andern Orten ausgemacht werden. Wenn üble Gerüchte umhergehen, denen doch auch wohl Thatsachen zu Grunde liegen, so ziemt eS nicht, sie an diesem Platze zum Austrag zu bringen. Fühlt sich der Vorredner von allgemeinen Aeußerungen, die hier gefallen fein sollen, getroffen, desto schlimmer für ihn. Das Volkssprüchwort sagt: Wen es juckt, der kratzt sich, ^ch bitte, die Sitzung zu schließen." Elkahn wollte antworten, aber der Vorsitzende erklärte die Sitzung für geschloffen. Elkahn fühlte sich von diesem Verlause seiner Angelegenheit tief erschüttert. Es blieb ibm auch nicht lange verborgen, wie dies gekommen. Der Bürgermeister batte die Häupter seiner Gegner Zst si<b berufen und ihnen mitgetheilt, daß er dte Papiere Elkahn's, so wie die Akten über den ganzen Vorgang durchaesehen, und daraus erkannt habe, daß sie ihre Anklage nicht durchführen könnten, diese vielmehr zu ihrem eigenen Nachtbeil, ja zu ihrer großen Beschämung aus- : 'allen würde. Er wies ihnen dieses auch, so weit es; ging, ohne ihn selbst zu betheiligen, nach, und rieth: ihnen, die Cache fallen zu laffen. Diesqn Rathe folgten sie. suchten aber aus den bisherigen Vorbereitungen so. viel wie möglich eine für Elkahn nachtheilige Wendung herauszubringen. Dies war ihnen in der^ Sitzung gelungen. Bei reiflicher Erwägung beruhigte sich Elkahn allmälig. nahm aber seine Zuflucht zur Oeffentlichkeit. In dem Wochenblatte der Stadt wiederholte xr seine Aufforderung, und zeichnete Zugleich die wahre Sachlage, ohne den Bürgermeister zu nennen. Die ganze Voraussetzung, wies er nach, beruht auf der Behauptung, daß die Aktien durch öffentlichen Verkauf einen höheren Ertrag abgeworfen haben würden. i Abgesehen davon, daß, wäre hierzu Aussicht gewesen, die städtischen Behörden den öffentlichen Verkauf angeordnet und nicht einen Commiffarius ernannt hätten, so brauche man nur auf die damaligen Verhältnisse zurückzusehen und wie die Mehrzahl der Zeichner ihre Aktien fallen ließen, um sich von dem Ungrund jener »Behauptungen zu überzeugen. Ja, er veröffentlichte den ganzen Fall, damit die Staatsbehörde, wenn sie irgend einen Anhalt darin fände, zu weiteren Erörterungen und nöthigenfalls zur Anklage schreiten möge. Die Wahrhaftigkeit und der Offenmuth, die sich in dieser Ansprache ausdrückten, und das gekränkte, edle Bewußtsein, das sich darin kundgab, machten den besten Eindruck auf Alle, welche solche Eigenschaften zu würdigen und solche Angelegenheiten zu prüfen verstehen. Der große Hause, dem eine Skandalgeschichte entgangen war, nahm die Sache anders auf, und blieb bei seiner vorgefaßten Meinung. Elkahn kümmerte sich hierum nicht. Er hatte das Seinige gethan, und seine Gegner verblieben im Dunkel. Aber das öffentliche Amt war ihm verkvidct, und als nach einem halben Jahre sinke Amtszeit zu Ende war, erklärte er öffentlich, daß er eine neue Wahl nicht wieder annehmen würde. Nach so langer Dienstzeit war er auch gesetzlich nicht d^zu verpflichtet. Seine Gegner deuteten dies zwar anoers und zwar als die Gewißheit, daß er doch nicht wieder gewählt worden wäre. Sie hatten aber ihren Zweck erreicht und den ttefflichen Mann verdrängt, der ihren Machinationen oft genug entgegcngetreten war. Bald war die ganze Cache vergessen; Elkahn aber zog sich immer mehr zurück und verminderte selbst seinen Geschästskreis. Das Wenige, was er brauchte, besaß er, und für seinen Sohn hatte er nicht mehr zu sorgen; dem war ein schöner Lebenskreis eröffnet, und, so jung er war, machte er seinen Weg mit Sicherheit und Erfolg. * “ Wohl mehr als ein Jahr war seit dem erzählten Vorgänge verfloffen. Elkahn hatte längst seine Ruhe wieder erlangt, und wenn er auch für sich seinen stillen, gemcffenen Charakter, seinen würdevollen Ernst behielt, quoll aus seinem tiefen Gemüthe bei jeder Berührung mit Anderen die heitere, liebenswürdige Laune wieder wie vordem. Gegen Abend saß er einst in seinem Comptoir, Gehülfen hatte er nicht mehr, arbeitete und erwartete die letzte Post des Tages. Da trat Freund Herz ein. Elkahn, der eben mitten in einem Briefe war, achtele nur auf deffen Schritte und Gruß, und bat ihn, Platz zu nehmen, er werde gleich ferttg sein. Hätte er einen Blick auf das Antlitz seines Freundes geworfen, so würde er alsbald deffen verstörte Züge bemerkt haben. So aber richtete er lächelnd nur die Frage nach dem Befinden von Frau Herz und den Kindern an jenen. Herz hingegen sah seinen Jugendfreund prüfend und forschend an, und murmelte, da er deffen Stirn so klar, deffen Züge so eben und freundlich fand, die Worte vor sich hin: „Er weiß noch Nichts; wie wird es ihn treffen, den armen, unglücklichen Mann!" In Herzens Seele wallten Schmerz und Unmuth durch einander; denn es ist eine schwere und mißliche Aufgabe. Jemanden, der^ man liebt, mit einem plötzlichen Mißgeschick bekannt machen oder docb bei dem Empfang solcher Nachtlicht zugegen sein zu sollen. Wie soll man es anfangen? Wie es ihm allmählig beibringen? Man zittert, man weicht zurück — und doch bedarf man des