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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 50 (1866) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
50 (1866)
Date
1866-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt. 1 Z« 4 ■Melefjrunq und iluteröaflunq auf jüdischem gebiete. Herau-gegrben von Rarbtner Or. Lud! ig Philippson in Bonn. sNo. 50. t866.j vo» dirkr 3<ik16rift rriArint BMotlit einr 9i«n«cr. Preis des 0«bt«!«■•< l Z|lt. I Viemljäbrift 1)4 Agr. 90< V,»b»odl»>ge». Po-Smier »Rd Aeil»»gser»«viNo«e» »eb«e» vefte>«»g«R a». C13. Zadrg. 4. Quartal* Aus dem Briefe eines alten Arztes. — Sie Wissen, daß ^-durchaus vorurtheilslos bin. Ich glaube, daß ein Avjt überhaupt sehr vorurtheilslos sein muß, es aber ackch in der Uebpng seine- Berufs liegt, vorurtheilslos zu werden. Ihm! muß das Individuum, welches Standes, Geschlechts, Alters, Besitze-, welcher Bildung und Sittlichkeit es sei, ganz gleichgültig sein. Er hat dies Alles nur so weit zu berücksichtigen, als es ihm über deffen Leiden, seine Ursachen und Behandlungsweise Aufschluß giebt. Dabei kann der Arzt jedoch seine Augen den Beobachtungen nicht verschließen, die sich ihm in der langen Reihe von praktischen Fällen, die ihm Vorkommen, wie von selbst aufdrangen. Was immer wiederkehrt und sich als eine allgemeine Erscheinung hinstellt, muß sich ihm zu einer Erfahrung gestalten, deren Ursachen ihm vielleicht unbekannt bleiben, die jedoch als wirklich vorhanden ihm zweifellos wird. Ich habe seit Jahren eine ausgedehttte Praxis auf dem Lande, in kleinen Flecken, Störten und Dörfern umher. Unter der zahlreichen ländlichen Bevölkerung wohnen auch einzelne jüdische Familien zerstreut, hier und da hinreichend, um eine kleine Gemein'>e zu bilden, dann und wann auch isolirt. Ich habe als Arzt, wie gesagt, mich vor jedem Vorurtheile für und vider zu bewahren gesucht. Namentlich in den ersten Ja! wen meiner Praxis habe ich selbst zu viel vonVorurtheilin zu leiden gehabt, und trotz günstiger Umstände zu vi-le Anstrengungen, sie zu überwinden, machen müssen, all daß ich nicht ihre Schädlichkeit, von welcher Seite sie euch kommen möge, zu würdigen wüßte. Trotzdem haben sich mir folgende Beobachtungen vom ärztlichen Standpunkt als sicher herausgestellt. Es versteht sich, daß ich mr von der Mehrzahl der Fälle spreche, ohne daß ich zahlreiche Ausnahmen ableugnen möchte. Bei den jüdischen Familien fand ich durchgehends, im Unterschiede von vielen Vorkommnisien bei der übrigen ländlichen Bevölkerung, eine große Sorgfalt für ihre Kranken, ja ich möchte sagen, eine Zärtlichkeit und Aengstlichkeit, die dem Arzte öfterselbst lästig wird. Der Jude, selbst der ungebildete, hält Nichts von sg. Hausmitteln, dem Rache alter Weiber oder gar Zaubermitteln. Er nimmt seine Zuflucht sofort zum Arzte, zeigt große Besorgniß in der Ausführung der ärztlichen Vorschriften, und bringt hierin, wie in der Verpflegung seiner Kranken, die größte» persönlichen und pekuniären Opfer. Die beschwerlichsten Wege, wie es da- Land mit sich bringt, um Arzt und Arznei herbei-uschaffen. Racht-! wachen und die Anschaffung kostspieliger DerpflegungSmittel gelten ihm Nichts, wenn es die Herstellung eines Patimten gilt. Jcd habe davon die rührendsten Beispiele erlebt. Ob sein Geschäft darunter leidet, auch danach frägt er Nichts. Mit dem Eintritt eines Erkrankungsfalles hören Zwist und Hader, wenn sie im Hause heii misch sind, auf, und alle Hausgenoffen vereinigen sich in dem Verlangen, dem Kranken beizustehen. Ich habe ge- | sehen, wie Mann und Frau, die nicht allzu einig lebten,! die unbedingteste Liebe und Anhänglichkeit bewiesen, sobald einer von beiden erkrankte. Am Krankenbette eines ' Kindes wird oft die heiligste Versöhnung gefeiert. Ich habe gesagt, daß diese übergroße Aengstlichkeit dem Arzt! oft lästig fällt. Aber gern sieht er hiervon ab^ weil sie ihm doch zumeist die Behandlung und das Heilverfahren! außerordentlich erleichtert. Leider! begegnet er be» der I übrigen ländlichen Bevölkerung allzu oft dem Gegentheile. j Der Bauer holt den Arzt in der Regel, wenn es sehr spÄ7 -wenn eS allzu spät ist. Er hilft sich, so lange er kann, mit Hausmitteln, und ist dem Aberglauben sehr zugänglich. Er berücksichtigt die Zeitumstände, die drin-! genden Geschäfte und^Arbeiten gar zu sehr, und sieht! sie als Notwendigkeit mr, vor der alle- Andere weichen müffe. Die Befolgung der ärztlichen Vorschriften ordnet er seinen überkommenen Meinungen unter. Mag z. B. der Arzt noch so dringend frische Lust, Diät, Waschungen u. dgl. vorschreiben, sein Vertraue» auf Hitze. Schwitzen, nach seiner Ansicht kräftige Nahrungsmittel bleibt überwiegend. Bei dem ärmeren 2cheile der ländlichen Bevölkerung wird der Arzt oft nur gerufen um der Bescheinigung in Todesfällen willen. 1 Ich gebe dies ohne alle Bemerkungen und Folgerungen, nur so-wie ich es erfahren. Analog hiermit ist das Benehmen der Kinder gegen , die bejahrten Eltern in den jüdischen Familien. Die Anl sprüche dieser an jene werden mit großer Gewiffenhaftigkeit beachtet. Wenn längst die Kinder die Erwerber und Ernährer geworden und die mittellosen Eltern zu erhalten haben, werden von jenen alle Opfer gebracht, ohne j sich deren allzu sehr bewußt zu sein, ohne sie zu btfonen und darauf zu pochen, ohne den Respekt für die Eltern aus den Augen zu setzen. Ein Krebsschaden in der ländliche« Bevölkerung ist dagegen daS sg. Altentheil. Wenn der junge Bauer heirathet, so werden die Bedm-! gungen festgestellt, unter welchen der Hof ihm übergeben > wird und was er den Eltern in ihrem Altentheil zu! leisten habe. Da wird nun die sittlich« Verpflichtung I

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