Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 49 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
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195 Kindern. Nur ein Knabe blieb ihm, ei» Schmerzenskind, denn es war ein kränklicher Knabe, der oft darniederlag und der außerordentlichsten Wartung und Rücksichten bedurfte. Es ist derselbe Sohn dessen glücklichen Erfolg er übermorgen feiern wollte. Im Geschäftsleben gingen wiederholt harte Stürme über ihn dahin, nnd zuletzt verlor er fein Vermögen durch die Untreue von Verwandten und Freunden. Er erlebte den bittersten Undank, da, wo er die treueste Aufopferung gesäet hatte. Zuletzt machte ihn ein hitzige- Fieber seiner geliebten Lebensgefährtin in vierundzwanzig Stunden zum trostlosen Wirtwer. Aber Alles ertrug er mit Standhaftigkeit und Gleichmufh. Was er empfand, verschloß er in seine Brust und zeigte den Menschen stets dasselbe freundliche Gesicht, denselben ruhigen, zuversichtlichen Blick, dieselbe Frische des Geiste-, ja der heileren Laune. Ich habe ihn oft um die ^Quelle dieser Standhaftigkeit befragt, die ihn bei dem zartesten Gemüthe stets so sicher und ausdauernd erhalte. Er antwortete mir nur: was mich an mein Judenthum so unzertrennlich festhält, ist die unverwüstlich« Gottergebenheit, die durch alle seine Adern Pulsirt, die ihm sein erster Urheber Abraham für alle Zeiten als eigentlichen Herzschlag eingesetzt. Uebrigens, fügte er hinzu, legt die göttliche Vorsehung Niemandem mehr auf, als er feinen Kräften nach zu tragen vermag; sie vertheilt die Lasten und Uebel des Lebens nach dieser Befähigung, und so steht bei Jedem, der seinen Gott nicht verläßt, die Zunge der beiden Waageschaalen immer aufrecht in der Mitte. Aber ich kann Dir nicht verhehlen, meine Liebe, daß gerade in dem vorliegenden Falle diese seine gewohnte Zuversicht mich etwas unruhig macht. Sie hat ihn doch nicht vor großen Verlusten geschützt, und könnte cdies Mal nicht auch so sein? Ich bin um so unruhiger, da ich nicht klar sehe, weil er mir die Mittel zu seiner Vertheidigung verschweigen zu müssen geglaubt und ich darum auch Nichts thun kann. Dse Besorgniß verläßt mich nicht, denn seine Gegner sind sehr schlau und würden sich wohl kaum herauswagen, wenn sie nicht wüßten, wie schwer ihm seine Rechtfertigung werden müsse. Wir müssen es abwarten." Elkahn begab sich von seinem Freunde aus sofort zu dem Bürgermeister der Stadt. Was er bei diesem wollte, wird uns schnell einleuchten, wenn wir den eigentlichen Vorgang, welcher der unfern Freund bedrohenden Anklage zu Grunde lag, erfahren! haben werden. Wie wir bereits wissen, waren die Aushändigung der Gasactien und die Einzahlungen für Dieselben in die Zeit der großen Handelskrise von 1857 ^gefallen. Der größte Theil der Aktienzeichner konnte damals das Geld nicht zahlen, und man mußte sie von ihrer Verpflichtung entbinden. Geld war nicht zu beschaffen, alle Werthpapiere waren tief gesunken. Dennoch mußte die Stadt die und die Verlegenheit dieser Zeit hatte der Zahlungen für die Anstalt leisten, war daher sehr groß. Gerade zu Bürgermeister einen Theil des grrßen Looses in einer auswärtigen Lotterie gewonnen. Er mußte diegeheim halten, weil er in seiner amtlichen Stellung überaus compromittirt worden wäre, gegen da» Gesetz in einer auswärtigen Lotterie gespielt zu hjaben. Auch die desfallsige Geldstrafe scheuete er, und noch mehr, daß sein neuer Reiäthum ruchbar werde u»d zvon vielen armen Verwandten Anforderungen an ihn wecken würde. Da er nun seine Capitalien in den schwankenden Papieren anzulegen nicht für geeignet hielt, so wollte er die Aktien der Gasanstalt übernehmen. Elkahn war für deren Unterbringung von den städtischen Behörden zum Commiffarius gewählt worden. Der Bürgermeister kannte ihn als einen sicheren, charakterfesten Mann, und so eröffnet er ihm unter Forderung des tiefsten Geheimnisses seinen Glücksfall und sein Vorhaben. Elkahn sah hier die Befriedigung beider Parteien auf's Leichtiste gefunden, drang aber damit durch, daß die Aktien »I preiberechnet würden, so daß der Bürgermeister aus der Verlegenheit der Stadt und aus dem schlechten Stande anderer Papiere keinen Nutzen ziehe, was dieser um so eher konnte, da der aus der Gasanstalt fließende'Gewinn für die Aktionäre sicher als bedeutend vorausgesehen werden konnte. Dafür gAobte er dem Bürgermeister das tiefste Stillschweigen, und gab seinen eigenen Namen dazu her. Es versteht sich, daß man in der Stadt zu jener Zeit außerordentlich erfreut war, so ohne allen Schaden aus dem drohenden Dilemma gekommen zu sein und das Lob Elkahn's in Aller Munde war. Der Bürgermeister war ein sehr unzuverlässiger Mann, er hielt es gern mit jeder Partei, und da sich in dieser Stadt wie überall im Lande zwei schroffe Gegensätze gegenüberftanden, suchte er sich zwischen beiden hindurch zu winden, indem er bald der einen, bald der anderen Parteiskn Zugeständniß machte. Aber gerade dies erhielt war in seinem Amte. Die reaktionäre Seite rechnete, daß, wenn sie einen ihrer Parteigänger zum BÄtzermeister machen würde, dieser in der Mehrheit der Stadtverordneten den' entschiedensten Widerspruch, sollte aber ein liberaler in dieses Amt gelangen, sie den größten Nachtheil finden würde. Und ähnlich rechnete auch die Opposition. Beide waren daher zufrieden mit einem Manne, der sich von ihnen doch immer noch beeinflussen ließ. Als Elkahn ihn mit der Sachlage bekannt gemacht, stellte er sich sehr betroffen. Wir sagen, der Herr Bürgermeister stellte sich so, denn wahrscheinlich war er schon längst damit bekannt. Er beschwor Elkahn, ihn nicht zu verrathen, wie er sich ausdrückte, ihn nicht mit Weib und Kindern unglücklich zu machen; er pochte darauf, daß er das Geschäft nur unter der Bedingung gemacht habe, daß er selbst nicht dabei genannt werde. Elkahn hatte freilich etwas Anderes erwartet. Unter Umständen, wie sie jetzt Vorlagen, mußte nach seinem Dafürhalten der Bürgermeister keinen Augenblick anstehen, ihm gerecht zu werden, und durch die einfache Darlegung des Sachverhaltes jede Anklage gegen einen Ehrenmann Niederschlagen , der nicht den geringsten Nutzen gezogen, während die Stadt und der Bürgermeister die größten Vortheile genossen. Dies sprach er denn auch unverhohlen aus. „Mir kommt es nicht darauf an, fuhr er fort, daß Sie angeben, aus welcher Quelle Ihr Reichthum geflossen, wenn ich nur aussprechen darf, daß Sie die Aktien erhalten haben. Aber gesetzt, die Quelle Ihres BesitzthumS würde dabei aufgedeckt nnd die Behörde nähme Notiz davon, so ist da», was Sie dafür betreffen könnte. Nicht» gegen die Schmach und den Schaden, die ich zu tragen hätte, wenn die Sache nicht völlig