Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 49 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 fröhnt zu haben. Du hättest einen großen Theil der Aktien auf deinen Namen übernommen, während der öffentliche Verkauf derselben der Stadt einen besseren Cours eingebracht hätte, und da dies zu einer Zeit geschehen, wo notorisch während der Handelskrise deine Geschäftsverhaltnisse stockten, so sei es klar, daß du die Stadt zu deinem Vortheil geschädigt haben müsiest. Man behauptet den Nachweis sür alles dieses führen zu können?' Elkahn war ernst geworden, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck der Betroffenheit. Bald aber richtete er fein Haupt wieder auf, ergriff die Hand des Freundes und führte ihn zum Fenster. „Gut ausgesonnen. Pater Lamormain. Aber siehst du, theurer Freund, siehst du dort die kleine graue Wolke, welche die leuchtende Sonne verdeckt? So gewiß, wie in wenigen Minuten diese Wolke vorübergezogen sein und die Sonne nur um so glänzender ihre Strahlen uns zuwerfen wird, so gewiß wird diese Lerläumdung in kürzester Zeit der Wahrheit weichen müffen." „Ich weiß es, Freund, Du bist ein starker Mann, und trägst eine Zuversicht in deiner Brust) die jeden Schlag des Geschickes unerschütterlich zu verwinden vermag. Gerade darum aber wünsche ich von dir zu hören, wie du dieser Anklage entgegenzutreten gedenkst, weil ich eben fürchte, daß du in dieser deiner Sicherheit die Sache zu leicht nehmen möchtest. Das Bewußtsein der Unschuld wird stets eine Befriedigung für dich sein, aber deinen Freunden genügt es nicht, wenn sie einen Makel auf deiner Ehre nicht sofort wieder weggewischt sehen sollten." „Wahrlich, das wäre mir auch nicht gleichgültig, und ich bin durchaus kein solcher Stoiker, daß ich ruhig umherginge, wenn man mit Fingern auf mich wiese- Dennoch kann ich dir zu meinem Bedauern den vollen Aufschluß über diese Angelegenheit in diesem Augenblicke noch nicht geben, da das Geheimniß eines Andern dabei im Spiele ist, der jedoch bei solcher Sachlage genöthigt sein muß, das Geheimniß Preis Hu geben. Nimm jedoch, werther Freund, die volle Zusicherung entgegen, daß ich nicht im Geringsten daran betheiligt bin, und die Reinheit meiner Hände ohne Weiteres zu Tage kommen muß. Ich bin dir dankbar, daß du mich bei Zeiten benachrichtigt hast, und werde sofort die nöthigen Gänge thun, um übermorgen die ganze Chikane aufdecken zu können." „Ich wollte, ich könnte deine Ruhe, theilen. Aber dem ist nicht so. Ich sehe zu wenig klar, um über den Ausgang ruhig zu sein. Die-Wege der Jntrigue find in der Regel verschlungen, und der Gerechteste ist nicht immer" im Stande, das Netz der Ränkesüchtigen zu zerreißen. Jedenfalls muß es doch nun mit-deinem Abendfeste übermorgen unterbleiben, bevor wir nicht den Ausfall der Debatte kennen." „Nein, Freund. Nun erst recht nicht. Damit würde ich ja selbst Zweifel an meine Sache kundgebm. Wenn du mich lieb hast; so sage mir zu." Diesen mit einiger Heftigkeit ausgestußenen Worten begegnete Herz mit Kopfschütteln. „Ich kann nicht, sprach er, mein bekümmertes Herz läßt es nicht zu. Welch' einen üblen Eindruck würde es machen, wenn wir banquettirten, falls nur der geringste Zweifel, sei es auch nur für's Erste, in deiner Angelegenheit zurückbliebe. Unterlaß es, Freund. Ich weiß, du kommst mit deiner Einladung zuerst zu mir; setze dich also einer Weigerung bei den Andern nicht aus, die du einladen wolltest."- „Also so tzM-rst es schon gediehen, sagte zögernd Elkahn. Und so soll es meinen Feinden doch gelungen sein,' mir bereits eine der größten Freuden meines Lebens zu verbittern? Gerade weil mein Sohn sich ganz allein durch eigene Kräfte heraufgearbeitet hat, daß die schweren Verluste, die mich seit Jahren betroffen, meine Unterstützung zur Erlangung seiner nunmehrigen Stellung unmöglich machten, ist der Stolz meiner Seele, und diesem hätte ich so gern einen unschuldigen Ausdruck gegeben. Aber es sei so. Es ist mir schon Schlimmeres wiederfahren. Lebe wohl, Freund." „Und du zürnst mir doch nicht?" „Nicht im Geringsten. Vielleicht hätte ich unter ähnlichen Umständen ebenso gehandelt. Auf freudiges Wiedersehen!" Er ging. Die Frau kam in das Zimmer zurück. Sie fand ihren Mann in Nachdenken versunken. „Nun, ftagte sie ihn, hast'du dich mit ihm verständigt?" „Allerdings, wenn es ihm auch vielen Kummer zu ver-! Ursachen schien, mehr Kummer, als die ihm drohende Gefahr. Es ist ein merkwürdiger Mensch, liebe Klara, und ich muß dir doch Etwas über ihn erzählen. Seine Eltern waren in meiner Vaterstadt von großem Ansehen. Nach dem frühzeitigen Tode des Vaters zeigte es sich, daß das vermeintliche große Vermögen nur in sehr dürftigen i Resten bestand, und die Familie sank bis zu schwerer! Armuth herab, ohne jedoch nach außen ihren noblen Charakter aufzugeben. Zwischen diesen beiden scharfen Klippen, der Dürftigkeit und dem vornehmen Tik hätte i man voraussetzen sollen, daß mein Freund eine bittere! Jugend verleben mußte, die ein schwermüthiges und reizbares Gemüth zur Folge gehabt. Aber gerade das i Gegentbeil fand statt. Mit großer Besonnenheit und j einem geistigen Blick, die ihm unter den Kameraden stets > ein Uebergewicht verschafften, verband er einen leichten! Muth. der ihn niemals außer Fassung kommen und i jede Verlegenheit bestehen ließ. Mochte hundert Mal .seine Armuth zum Vorschein kommen, was bei der Jugend : viel mehr heißen will, als man sich denkt, er wußte es j so leicht hinzunehmen und mit einem Scherz zu behan- . deln, daß sein Ansehen bei den Kameraden durchaus!-nicht darunter litt. Er machte glänzende Fortschritte, , ging zum Gymnasium über und erhielt ein vorzügliches Abgangszeugmß. Aber die drängenden Verhältnisse seiner; Familie nöthigten ihn, vom Studium abzugehen und sich dem Geschäfte zu widmen. Er kam nach einer j fernen Stadt, und wir begegneten uns erst an diesem > Orte wieder, wo er sich unter günstigen Umstanden niederließ. Sein Geschäftskreis wurde ein ausgedehnter, er! erwarb ein bedeutendes Vermögen. Aber sein Leben! war eine fortwährende Kette von Prüfungen. Er lebte! in einer glücklichen Ehe, aber seine Kinder starben eins nach dem andern, wenn sie vier oder fünf Jahre erreicht | hatten. Erstand mit seiner Gattin an den Gräbern von sechs