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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 41 (1866) · p. Seite 163

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
41 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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163 „Ich komme, Frau Oppenfelder, mir die rückständige Miethe zu holen. Ich wartete freilich schon lange darauf, daß Ihr Mann sie mir bringen würde, hoffe daher, daß Sie mir, da ich selbst komme, sie um so weniger verweigern werden." Mühsam gewann die Frau etwas Fassung, und stammelte leise: „Mein Mann ist nicht zu Hause; ich werde es ihm bei seiner Rückkehr sagen, und er wird Sie, sobald er es kann, befriedigen." „Das sind Flausen, Frau Oppenfelder, auf die ich mich gar nicht mehr einlassen werde. Ich verlange mein Geld, und erhalte ich es nicht, so werde ich Sie morgen 'exekutiren und herausbringen lassen." Sein Blick flog hier abermals über das armselige Hausgerärh hin, schätzte es im Nu ab, und fand zu seinem Verdrusse, daß es kaum ein Drittel des aufgelaufenen Miethzinses tragen würde. Diese Schlußfolgerung vermehrte seinen Ingrimm, und er polterte zornig heraus: „Schämen Sie sich. Frau Oppenfelder, sammt Ihrem Manne, einen Hauswirth um seinen ehrlichen Ertrag zu betrügen. Sie haben gewiß noch Werthstücke aus ihrem verschwendeten Vermögen; aber da soll weiter gepraßt und weiter geputzt werden, und die Gläubiger das Nachsehen haben." „Wenn Sie wüßten, wie ich und meine Kinder darben und hungern. Sie würden so Etwas nicht sagen, wandte die Frau mit schwacher Stimme ein. Haben Sie Mitleid mit uns, wir sind so tief gesunken, daß uns jeder Fußtritt in den bodenlosen Abgrund stoßen würde!" „Mag sein; aber es werden sich doch unter den vornehmen Herrschaften, die Ihnen Ihre Habe vergeuden halfen und denen die Leckerbissen und Champagnerflaschen bei Ihnen gut gemundet, einige finden, die Ihnen aufhelfen. Warum soll ich denn allein der Mann der Barmherzigkeit sein, und thun, was Die unterlassen, welche sich die Taschen bei ihnen gefüllt habend" Die Frau seufzte tief auf, und antwortete: „So warten Sie doch, bis mein Mann konimt, der bringt gewiß Etwas mit nach Hause. Warum spannen Sie ein armes Weib auf die Folter?" »Ja, ja, der flanirt gewiß mit seinem Täschchen auf den Straßen umher und verbringt die Zeit in Müßiggang. Seine feinen Hände müssen sich an die Arbeit gewöhn nen; draußen an der Schanze findet jetzt Jeder seinen Tagelohn, wenn er seine Arme gebrauchen will. Warten kann ich übrigens nicht; ich werde meinen Gang fortsetzen und in einer Viertelstunde wieder hier sein." Damit verließ er die Stube und warf die Thüre mit Gewalt hinter sich zu. Die Frau fuhr erschrocken auf und fiel ohnmächtig in ihren Stuhl zurück. Kurze Zeit darauf öffnete sich die Thüre abermals, und Oppenselder trat herein mit dem vollgepfropften Täschchen in der Hand und einem Gesichte voll Freude: schien er doch eben nach der Gewohnheit aus guter, alter Zeit ein fröhliches Liedchen gepfiffen zu haben. Aber als er seine Frau erblickt hatte, fiel ihm die Tasche aus der Hand, und er eilte zu ihr hin, wehklagend und um Hilfe rufend — wer sollte ihn aber hier hören außer dem bösen Nachbar, der darum keinen Fuß rührte. Oppenfelder sprang zu seiner Frau, nahm sie in seine Arme, rief ihren Namen mit den zärtlichsten Ausdrücken, dann holte er Wasser herbei und sprengte es ihr ins Geicht, und als dies Alles Nichts half, holre er zwei harte Thaler aus seiner Brusttasche und warf sie auf Tisch in der Meinung, daß der lange nicht gehörte Si den berklang die wandernde Seele Mariannens aus dem Reiche der Vergessenheit zurückrufen werde. Allmälig ge chah dies auch, und1 als ihre Blicke das zurückkehrend« Bewußtsein verriethen, hingen sie wirklich an den glänzenden Thalerstückey. Kaum hatte ihr Mann dies bemerkt, rief er freudig ^„O Marianne, ich habe noch mehr!" und hob sein Täschchen auf, und öffneke es, und holte daraus ein Broh, ein'Stückchen Butter, ein halb Dutzend Eier und dergleichen Kleinigkeiten mehr. „Siehst du, das machst du zurecht, und wenn unsre Kinder kommen, wollen wir einmpl wieder mit einander lecker speisen." „Aber, David, wo hast du dies her?" „Ich habe eis Dir ja vorausgesagt; es war ^mir heute, als müßte ich eine Hülse finden. Da führte mich das Glück auf dem Markte dem ehrlichen Simon H«z entgegen, der mir noch 300 Thlr. schuldet. Ich faßte Muth, stellte ihm meine Lage vor und forderte das G^d zurück. Aber er hat selbst Nichts, und da theilte er mit mir die fünf Thaler', die augenblicklich sein ganzes Besitzthum ausmachen. Er versprach mir, wie er nur zu Etwas käme, immer mit mir zu theilen, bis seine Schuld getilgt wäre. O! es wird schon ganz^ut gehen. "Erhole dich nur, Marianne, fasse Muth!" Indem er diese Worte mit leuchtenden Augen sprach und selbst der bleiche Mund seiner Gattin zu en em Lächeln sich verzog, kam,über die Schulter des Manien eine knochige, gelbe Hand mit langen Fingern zum Vorschein und griff nach den beiden Thalern auf dem Tis he, und die heisere Stimme des Hauswirthes, dessen Eint ritt von dem Ehepaar nicht gehört worden, rief: „Ei, da ist ja Geld, Geld. Habe ich's nicht immer gest gt, Leute wie Oppenfelder und FuldaerS haben noch imrrer Ressourcen im Hintergründe, die unser Einem entgehen. Darum habe ich sie auch in mein Haus aufgenommm. Nun, Herr Oppenfelder, legen Sie die noch fehlenden zehn Thaler zwanzig Silbergroschen dazu, und wir fnd quitt, und Sie können hier wohnen bleiben, so lange es Ihnen gefällt und Sie mir pünktlich bezahlen." | Oppenfelder war bei der Operation dieses Mannes und seiner Ansprache wie vom Donner gerührt. „Geben Sie mir meine zwei Thaler her. rief, er wie außer sich, sie find die schwer erlangte Zuflucht auf die nächsten Tage für meine darbende Frau, für meine hungernden Kinder! Ich habe Hoffnung. Aussicht, Gewißheit, in der nächsten Zeit Alles zu bekommen, was ich Ihnen schuldig bin, und Sie sollen es bei Heller und Pfennig erhalten.. Nur geben Sie mir heute die zwei Thaler wieder herahs, ich habe Nichts weiter, ich war-so glücklich damit, sefen Sie nicht grausam, seien Sie kein Tiger! . . ." „Ei was; ein Narr, wer herauSgiebt, Was er schon hat. Schaffen Sie nur das Uebrige an, .bis Morgen um diese Zeit will ich Geduld haben, keinen Augenblick länger. Bei den Dingen, die da auf dem Tisch liegen, verhungert man nicht." Bei diesen Worten i wandte er sich zum Fortgehen. Aber Oppenfelder sprang auf ihn los, griff ihn an die Schultern, schüttelte ihn und rief *

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