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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 41 (1866) · p. Seite 162

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
41 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 jenen Häusern verschwand, daß kaum eine Spur davon zurückblieb. und die Kinder des Hauses religionslos erzogen wurden, da man mit aller Kraft darüber wachte, daß sie so "spät und so wenig wie möglich davon erfuhren. sie seien Sprößlinge dieses noch immer der Ausschließung verfallenen Stammes. Luxus und Eleganz herrschten in immer steigendem Maße in diesen Familien, und eine unbeschränkte Freigebigkeit wurde geübt, von welcher freilich nur der geringste Theil auf fruchtbaren Boden siel. David Oppenselder war daZ einzige Kind seiner Eltern; Mariannen Fuldaer erging es ebenso. Beide Kinder wurden von ihren Eltern vergöttert und auf die unsinnigste Leise erzogen. Was ihnen nützen konnte, lernten sie nicht, und was sie lernten, nützte ihnen Nichts. Elegante Formen, feines Benehmen, Geschmack in der Toilette, gesellschaftliche Tournüre waren das Ziel. das sie auch glücklich erreichten, für welches sie aber Unkenntniß aller wirklichen Lebensverhältnisie, Unerlahrenheit und Unfähigkeit, etwas Tüchtiges zu leisten, als Preis Einnahmen. Es war natürlich, daß diese Eltern die Bereinigung ihrer beiden Kinder wünschten, und glücklicher Weise waren die lefteren hierzu nicht abgeneigt, und beiratbeten einander. Ein großes, prächtig ges.imücktes Haus nahm das junge Ehepaar auf, und ihre ersten Jahre schwanden im heitern Nichtsthun und Wohlleben hin. Da starben die Eltern schnell «ach einander, und der junge Oppenfelder sollte an die Spitze der beiden großen Häuser treten. Dazu fehlte cs ihm aber an Einsicht und an aller Arbeitskraft. Er mußte die Geschärte Miethlinaen überlassen, welche sich die Unwissenden ihres Chefs weidlich zu Nutzen machten. Beide Geschäfte gingen rückwärts, wurden verdrängt, hatten große Verluste, der junge Mann wußte und verstand es nicht. Ein alter Freund des Hauses rieth ihm, das eine Geschäft zu verkaufen, und so die noch vorhandenen reichen Mittel auf das Bankgeschäft zu verwenden. Der Rath wurde befolgt, aber unglückliche Conjuncturen und treulose Verwaltung brachten auch dieses herunter. Jetzt überzeugte sich Lppcnfelder von dem furchtbaren Rückgang. den sein Besitzstand genommen, gab das Geschäft lieber aus, um von dem Ertrage seines noch immer bedeutenden Vermögens zu leben. Daß aber hiermit die reichsten Quellen zu stießen aufhörten und Einschränkung und Ordnung in seiner Lebensweise nothwendig wurden, begriff er nicht und wußte es noch weniger seiner jungen Frau, die er anbetete, und die ihm nach und nach zwei wunderschöne Kinder geschenkt, begreiflich zu machen. Sie lebten ganz in der alten verschwenderischen Weise fort, denn das erforderte ja schon die Ehre ihres Hauses und Namens. Ein noch größeres Unglück kam hinzu. Die Oppenfelders waren selbstverständlich Mäcene der schönen Künste, und dem jungen Manne hatten die Künstler und die Schmarotzer des Hauses eingeredet, daß er ein ausgezeichneter Kunstkenner fei. Er kam daher jetzt auf den Gedanken, sein Talent nutzbar zu machen, Kunstsammlungen anzulegen und sie gelegentlich mit großem Gewinne zu veräußern. Dies war ein unglücklicher Gedanke. denn in Wirklichkeit hatte er einen sehr verkehrten Geschmack. .Glänzendes Colorit und auffallende Formen entschieden bei ihm das Urtbeil, alles innere Verständniß fehlte'. So wurde er der Mittelpunkt von Halbkünstlern und Betrügern, unter deren schmutzigen Händen die Summen verschwanden, die ihm noch geblieben. Seine Ehrenhaftigkeit verhinderte ihn. seinerseits trügerische Künste in Anwendungen zu bringen und einem drängenden Gläubiger die Zahlung zu versagen. Es war dies die einzige Tugend, die er aus dem väterlichen Hause mitgenommen. Jetzt klopfte die Bedrängniß und bald auch die Noth an die Pforte seines Hauses; sie sprang vor den beiden Schwestern auf, weit auf, und diese ttieben die unglücklichen Bewohner bald hinaus. Es wurde Alles veräußert, und mit kleinen Resten ein bürgerliches Quartier bezogen. Das war ein plötzliches Erwachen zum Entsetzen für die Tochter des reichen Fuldaer. aber das Wehegeschrei und die Thränen halfen zu Nichts, und Marianne mußte sich fügen und finden. Die beiden Eheleute thaten es bald mit Würde und Anstand. Der Friede unter ihnen ward nicht gebrochen, und sie trafen in dem einen Punkte völlig zusammen, der Welt zu verbergen, was sie litten, den Schein nach Außen-möglichst zu wahren und wenigstens ihren stillen Gang ohne Klage und ohne Hülfe Anderer zu gehen. Das war ein furchtbarer Kamps, das Ringen eines Ertrinkenden nach der Oberfläche des Stromes, der ihn immer wieder herunterzicht in die Tiefe. Ja, in die Tiefe — denn dieser äußere Schein und Anstand kostete sie die letzten Mittel, und die bitterste Armuth räumte bei den Unglücklichen Alles auf und trug es zu den Trödlern und in das Leihhaus. Von einem Stadtviertel in das andere, immer entferntere, von einer armseligen Wohnung in die andere, immer elendere, bis in das Hintergebäude des kleinen Hauses, worin wir sie fanden, und zu der die Schritte des geizigen Hauswirthes jetzt sich gelenkt. Das Benehmen 'Mariannens war mehr als musterhaft, war heldenmüthig. Sie verbarg ihrem Manne all ihren Seelenschmcrz, all ihren Kummer, so weit dies möglich war. Kein Murren, keine Vorwürfe in Wort und Blick. Immer einverstanden mit ihm in der peinlichen Berathung, wie nun weiter? Immer thätig und arbeitssam Tag und Nacht, für Mann und Kinder zu schaffen, so weit nur ihre Kräfte reichten. Aber welche Verheerung erfuhr sie an ihrem'Körper! Die Fülle der Jugend war längst verschwunden, die Gestalt zerbrochen, die Wangen eingefallen; ein böser Husten zeigte sich und wollte nicht weichen, ihre Kräfte nahmen sichtlich ab. Sie wußte, was dieses zu bedeuten. und so wurde selbst das einzige Glück, das sie bis jetzt beseffen und mit dem ganzen Herzen genoffen, der Blick auf ihre erblühenden Kinder, zum tiefsten Schmerz — sie wußte, daß sie diese bald verlaffen müffe. Dem armen Weibe klopfte das kranke^perz hoch auf, als sie die Schritte ihres unbarmherzigen Hauswirthes auf die Thüre ihres kleinen Zimmers zukommen hörte. Todtenbläffe bedeckte ihr Gesicht, auf welchem die rothen Flecken nur um so greller hervortraten. Sie vermochte aul das Klopfen des Mannes nicht herein! zu rufen, der es aber auch gar nicht abwartete, sondern alsbald eintrat. Er warf einen unzufriedenen Blick in die Stube umher und auf die zitternde Frau, daraus der scharfsichtige Kenner der Armuth sofort erkannte, wie wenig seine Erwartungen auch hier erfüllt werden würden. In mürrischem Tone begann er daher:

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