Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 41 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. •ttplpfirumi nnh llntprfjaftunq nur jüdischem ^efiipli. HeraiiSgrgeben von Rabbrner Dr. Ludwig Pbilippjou in Bonn. [»io. 4i. \mi] Uct ditilt ZetUtliriU «ifiant uc4t*Uiä eine Nummer. Prei» det Sudr- «avg« l Tdlr. ^icneljäbnn 7 Ngr. SUt Buchbanklunge«. PvüSmier »nt ^«,nin«»erv«dittt»en uebmen Bestellung«» an. [J3. Jahrg. 4. Quartal. Zwei Bettler. (Schluß.) Als er die Höhe des Lebens bereits zu erklimmen begann, und er doch fand, daß es für den Menschen nicht gut, allein zu sein, wählte er sich eine stille Gefährtin, die »hren Zauber nie verfehlte, eine Freudens- und Letdensgenosj.n mit geringen Ansprüchen und großer Wirksamkeit, dre Flasche. Hier wurde ihm nun sein Mißgeschick zu großem Glücke, denn seine Armuth legte ihn» vas Joch der Mäßigkeit auf, so daß er oft und viel, iiiemalö aber zu viel trank. Lebenserfahrungen sammelte jedoch auch er, und diese machten ihn geschickt, seinem Berufe Nicht ohne Erfolg vorzustehen. Er las keine Zeitungen und war mit der auf- und niedersteigenden -Skala dir Börse niemals vertraut; aber er verstand die Physiognomie der Hauptstadt trefflich, und wußte daher die allgemeinen Glücks- und Unglückssälle bestens zu benutzen. Bei jeder Feuersbrunst war er mit abgebrannt; bei jeder Seuche hatte er Frau und Kinder zu begraben; be» jeder Siegesbotschaft spekulirte er auf das Triumphgesühl der Menschen; ke»n Reicher in der Gemeinde wurde krank oder starb, ohne daß er von ihm und den Hinterlaffenen den Tribut jener Barmherzigkeit abholte, durch welche die Pforten des Himmels selbst dem Unwürdigen geöffnet werden, uno warum sollte er einem Brautpaare an selnein Hochzeitstage nicht den Glückwunsch darbringen? So waren von Zeit zu Zeit seine Flasche und sein Zwiebelkörbcben doch reichlich gefüllt, und zum Sabbath und den Festlagen sorgte die Gemeinde für em gutes stärkendes Mahl. Auf diese Weise wurde der Lebensgang Bär's ganz eben und zuversichtlich. Wer von allen abhängig ist, ist es von Kemem; Bstr wurde stolz und gewöhnte sich gegen die, von welchen er nichts zu erwarten hatte, ein brüskcs und verächtliches Wesen an. Leute aber, die auch nichts besaßen, mtt ihm aber Nichtgemein haben wollten, haßte er, und darum that er den armen Leuten neben semer Kammer vielen Schabernack an. Als der Knabe der Oppenfelder ihm einst verweigerte, die Flasche berm nächste« Schankwinh für ihn füllen zu laffen, hätte er ihn sicherlich mißhandelt, wenn deffen Bater mit dem Täschchen nicht eben in die Hausflur getreten, und er sich dem jüngeren Manne nicht gewachsen geglaubt. Seitdem grmste er den schönen Knaben, wenn er chn traf, immer an, sang und heulte, wenn er merkte, daß drüben Unwohlsein und Kranlheit eingezogen, nnd hielt laute Hohnreden über Beitelstolz und die heruntergekommenen Reichen. Man hörte es in der andern Kammer sehr wohl, aber schwieg und duldete es. Aber der alte Filz hatte nicht zum Scherz gedroht. Am andern Morgen kam ein Polizist, und warf den alten Bär mit seinem Quersack auf die Straße. Einige Tage suchte dieser nach einpr ändern Schlafstätte und übernachtete in irgend einem Stall. Aber er fand all« Thüren verschloffen, selbst der erbärmlichsten 'Hütte", und da er fürchtete, als ein Vagabund in das ArbeitehaM gebracht zu werden, entschloß er sich endlich, in das llekdisdi bis auf bessere Zeiten zu ziehen. S(Öir wissen nicht, ob diese jemals kommen werden, oder ob unser Bär das Strohlager im Hintergebäude dieser armseligen Zufluchtsstätte erst mit der noch engeren Kammer in der Mutter Erde vertausche« werde. Seine Figur räumt hiermit für uns den Platz. — Aber so erbärmlich Geburt, Lebensweise und Thätigkeit dieses verkommenen Menschen waren, um wie viel glücklicher lebte er dennoch als seine Nachbarn, die Familie Lppenfelder, um deren Wiege die Fülle und der Glanz gestanden, und tausend Glücksgaben, wie man sie so zu nennen pflegt, ausgestreuet waren! Auch dies ein Mahnzeichen für den Werth des Reichthums — wer achtet aber darauf? Gehabt' haben und nicht mehr haben, welch ein bittres Loos, um wie viel bittrer als Niemäls zu haben! Du wirst sagen, lieber Leser: das weiß Jehermann, — Du weißt, aber auch, daß Jedermann, wenn er es auch weiß, es außer Acht läßt, und seine Zufriedenheit, sein Lebensglück und nicht selten auch das Heil seiner Seele darüber aufs Spiel setzt. Es muß daher immer wiederholt werden. Das Haus Oppenfelder 'war zu seiner Zeit das reichste und bedeutendste Bankgeschäft der Residenz, und denselben Rang nahmen di« Fuldaers im Bereiche der Manufaktur ein. Es war zugleich die Zeit, wo die gesellschaftliche Bilding in die Häuser der reichmJuden, namentlich der Hauptstädte ihren Einzug genommen, wo namentlich schöne und geistreiche Frauen uiid Töchter die intelligentesten und einflußreichsten Glieder der höheren Gesellschaft um sich versammelten, und so gerade die Häuser der reichen ^luden Mittelpunkte des socialen Lebens wurden. Es war aber auch die Zeit, wo die Religion, daS "Bekenntniß und die Uebung des Judenthums mit solchem Verkehr und einer derartigen Stellung für unvereinbar gehalten wurde, wo dieses deshalb mit einer Eilfertigkeit aus