Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 40 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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159 netes Haar war weiß wie Silber. S-eme Haltung, seine Geberden, selbst seine Kleidung waren nobel und verriethen den Gentleman. Und doch waren seine Kleider so fadenscheinig, daß man sie mit dem Manne geworden. gewachsen und gealtert halten konnte. Da war kein Stäubchen auf dem langen grünen Rocke, der bis zum Halse zugeknöpft war. kein Stäubchen auf dem glanzlosen Hute, der seine Form^wohl bewahrt; eine schwarze Cravatte umschloß sehr weiße Vatermörder, und auch die vielgeflickten Stiefel waren rein abgeputzt. Seine Stimme war wohltönend und sanft, seine Sprache korrekt, fast gewählt. I „Du willst wieder zum Rhein geben, Adolf?" sprach die Frau mit hüstelnder Stimme. „Ja. liebe Marianne; ich will wieder baden, und habe Dein und der Kinder Hemd in die Tasche gesteckt, um sie tüchtig durchzuwaschen. >Die Sonne scheint, dann kannst du sie vor das Fenster zum Trocknen hängen." „Das ist schon gut, Adolf, silber die Kinder kommen glvich nach Hause und haben seiit gestern Mittag Nichts in dem Mund gehabt, die armen, armen Würmer. Womit soll ich ihren Hunger stilsen? Seit drei Wochen haben wir nichts Warmes genstffen. und nun sind die Kartoffeln zu (Lude, und der Bäcker gibt kein Brod mehr her. Ich fange an. zu verzweifeln. Kannst du denn keinen Freund mehr auffinden, pon dem Du dir Etwas leihen könntest; es kamen derer doch ehedem so viele zu uns, und ließen das leckere Mahl sich schmecken. . ." „Ich will sehen, will sehest, Marianne. Ich muß Etwas auffinden; ich komme nicht mit leeren Händen nach Haufe. Sag das den Kindern, sie sollen nur warten . bis ich nach Hause komnze. Was soll ich thun? Soll ich zu dem filzigen, spitzigen Bernhard gehen, dem Vorsteher der Armenkasse, der, wenn er mir begegnet, mich immer so von oben bis un^en betrachtet, als ob er sage: Kommst du denn noch nicht zu mir? Bist du noch nicht so weit herunter und gehemüthigt, daß du noch immer nicht die Hand nach mir ausstreckst?" „Nein, nein, fiel ihm die Frau in die Rede, nur das nicht; diese Menschen sollen nicht triumphiren und höbnen, wenn der Sohn und Erbe des großen Hauses Lppenfelder vor ihnen steht und ein Almosen erbittet für Marianne Fuldaer und ihre Kinder!" . . . „Aber es muß doch Etwas geschehen und harre nur aus, Marianne, ich komme nicht wie ich gehe; ich fühle es, heute begegnet mir etwas Gutes, sei dessen sicher, freu« dich darauf!" Mit diesen Worten ging er. Das arme schwache Weib sah ihm nach mit Blicken, die da sagten: So hat er schon oft gesprochen, und er ist doch gekommen wie er gegangen. Ich soll mich sreufn? Wie sieht die Freude aus? Ich habe sie seit vielen! Jahren nicht gesehen. Geht sie in Lumpen? Hungert si^? Setzt sie sich in einer schwarzgeräucherten Kammer nieder und sieht gierig nach dem Mahle, das drüben den grunzenden Thieren gebracht wird? . . . Dies waren hie Gedanken der Frau, und sie spann sie wohl weiter aus, als wir sie hier darlegen möchten. Da schrack sie.auf, denn sie hörte m der Kammer des alten Bettlers! lautes, polternde- Ge^ spräch, und die eine Stimme, wie sie durch die geborstene Wand hörbar wa d, war ihr wohlbckannt und erschreckte - sie. bis zum Tode. Es war der Besitzer des Hauses, ein filziger Wucherer?- welchem die gan >e Reihe dieser erbärmlichen Hütten gehörte, und der kurz, nachdem Oppenfelder mit seinem Täschchen das Hi us verlassen, eingetreten und zuerst in die Stube des alten Mannes gekommen war. Ob dieser wip lich eingeschlafen oder sich nur so stellte, wissen wir nicht. Aber seine Augen waren geschloffen und ein vernehmliches Schnarchen verkündete einen schweren Schlummer, in v eichen der Inhaber dieses armseligen Raumes verfallen sei. Der Eingotreteue war ein langer magerer Mann nit eingefallener vvrgebeugter Brust und sehr markirtci Gcsichts'zügen, insonders einer spitzen Nase und stechenden Augen unter buschigen Brauen. Als sein unruhige: Blick den Schläfer auf dem modernden Strohsack gew ihrt hatte, rief er mit scharfer Stimme: „Bär, alter Bär, wacht auf!" Der alte Bär!schien aber nicht auf vachen zu wollen, vielmehr ging seist Schnarchen in ein Brummen über, °das dem deS Thieres immer ähnlicher wurde, dcffen Raine er führte. Der Mann stieß mit dem Stocke, den er in der Hand hatte, auf den Boden, schlug mit ihm auf den einen Schemel, aber der.Bär wachte nicht aus. „Der alte Säufer hat gewiß wnder sein« letzten palr Pfennige in Schnaps aufgehen laffen!" schrie der Hau sbesitzer, und kam endlich auf den Einsall, mit dem Stoc'e auf die leere Flasche zu schlagen, die auf dem anderen Schemel «lag. Diese Mißhandlung seines Lieblings ha f dem Schläfer aus dem Traume. Er öffnete.die Auge», stierte den Mann an und richtete sich halb stuf. „WoS giebt's. was giebt's Herr? was wollt Ihr?" „Was ich will? Das könnt Ihr Euch doch denken, ich will mein Geld haben." \ „Euer Geld haben? Sonderbar. Das habt Ihr jst schon, En er Geld. Ich wollt', ich könnte es mit-Euch rhcilen. Aber fordern werde sch nichts von Euch. Denn seht, ich bin ein armer Bettler, und nehme, wo ich Etwast kriege. Aber von Euch verlange ich nichts-^ Ihr könnt, denken warum." i— „Was soll dieser Spaß? Ich verlang!» den Miethszins. Es sind jetzt sechs Wochen nach der Zeit, und { wenn ich binnen 24 Stunden die 2'/, Thaler nicht erhalte, so werfe ich Euch hinaus." „Ihr werft mich hinaus? das möchte ich doch sehen —" sprach Bär und lachte mit seinem breiten Munde, und streckte seine nervigen Arme dem langen, hagern Mann entgegen — „Kommt her, versucht'- einmal." „Eure dummen Reden langweilen mich. Ich bedanke mich, mich an Euch!-zu vergreifen, denn da würden meine Hände voll Scdm»!tz werden. Ihr versteht mich, ich meine der Executor wird kommen, Euch hinauswerfen und Eure Sachen mit Beschlag belegen." „Meine Sachen — und die Augen Bär'S flogen über die beiden Schemel, die leere Flasche und die zerlumpten Kleider ati der Wand — „die könnt Ihr behalten, und ich maÜ>e mir gar nichts daraus, aus diesem Loch zu kommen. I Aber bedenkt Euch wohl, ehe Ihr mich hinauswerfet^ dann bekommt Ihr gar nichts; so aber bezahle ich Euch, sobald ich Geld habe. Wann? weiß ich freilich selbst nicht, aber ich hoffe doch, die Zeit