Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 40 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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160 wird bald kommen. Ihr bekommt so keinen Anderen in dieses Loch hinein, das selbst die Ratten verschmähen, die einen geräumigen trockenen Keller vorziehen. Geht also, Männchen, in die zweite Stube, da bei den vornehmen Leuten; versucht da Euer Glück, da geht es Euch vielleicht besser." Und hiermit legte er sich auf den Strohsack zurück, schloß die Äugen und begann wieder zu schnarchen. Der lange Mann machte ein grimmiges Gesicht, befolgte aber den Rath, der ihm gegeben worden und schritt zur zwei-! ten Tbüre. ' Der alte Bär hatte vollkommen Recht, die Drohungen; seines Hauswirths' zu verachten. Er war frei, zwar! nicht so frei wie der Vogel in der Luft, nicht so frei ( wie der Schmetterling, der von Blürhe zu Blüthe fliegt, wohl aber wie der Regenwurm, der überall ein Loch in : der Erde findet, um hineinzukriechen. Er war frei, denn, er hatte weder Familie noch Eigenthum.' und war gewiß, j paß man seinen Quersack und seine Lumpen ihm nach- I werfen werde. Fand er in'den Quartieren der Annuth i kein Unterkommen mehr, weil die Hauswirthe ihn gar zu; gnr kannten. so wußte er, daß die Gemeinde ihm in! ihrem freilich'sehr.zerfallenen Spital, llekdiscli genannt, ein Stroblager von Wohltbätigkeit und Polizei wegen: geben mußte. Er hätte dies, da sich seine gegenwärtige! Situation schon oft genug wiederholt hatte, längst auf» , gesucht, wenn nicht daselbst doch ein gewisier Grad von; Aussicht und Lrdnung geübt wurde, dem sich zu unter- , ziehen er gar keine Lust verspürte, und es daher für den späteste»? Abend seines Lebens sich vorbehielt. i Dennoch war Bär reicher als seine Väter, welche mit ' Frauen und Kindern gesegnet gewesen. Sein Vater War aus Polen eingewandert, und hatte neben der Bettelei einen Lumpenhandel getrieben, bis die zahlreiche Familie ihm sswst die Bänder und Bilder aufgezehrt, gegen welche er die Lumpen von den Mägden und Kindern eintauschte. Er sank daher noch tiefer, und begnügte sich, die Lappen und Papierstreifen' aus dem Kehricht der Straßen auszusuchen, der allerdings in jener Zeit ergiebiger war als jetzt, wo die Polizei eine große Strenge ausübt. Zu diesem Geschäfte verwendete er auch seine Kinder, sobald sie nur durch die Straßen der Residenz lausen konnten, und dies war das Schicksal unsres Bär, in rvelchem er erwuchs und groß ward. Eine Schule besuchte er niemals, entweder weil damals noch kein Schulzwang siattfand, oder weil Niemand an den eingewanderten polnischen Juden dachte. Als die Eltern geftcrben. trennte sich die Schaar der jungen Bären, und jeder suchte an irgend einem Platze dieses Erdballs sein eigenes Revier; nur unser Bär verblieb in der Heimath und dein väterlichen Gewerbe in seinem ganzen Umfange treu. Er wußte und kannte nichts Anderes, und befand sich dabei auch ganz wohl. Nur wollte es ihm in der! seinem Stamme doch fremden Heimath nicht gelingen, eine . Gefährtin auf seiner Lebensbahn zu finden, denn die j Töchter des Landes sahen ihn zu sehr über die Achseln j an. Er ließ sich dies nicht verdrießen; wußte er doch,; daß weder sein Gewerbe noch selbst seine Familie aussterben werde, so daß über dem Grabe des letzten Bettlers und Bars das Wappenschild zerbrochen werden müßte. (Forts, folgt.) Anekdoten. In Breslau bestand vor Kur e n eine Kompagnie Soldalm fast aus lauter jüdischen Freiwilligen und Reservisten, mit einem Feldwebel, Namens Rezmberg an der Spitze, der, obwohl geborner Christ, sich nur im jüdischen Jargon mit seinen Untergebenen unterhielt. Als er nun einst den Hauptmann von Weitem kommen sah und den Soldaten sich in Reihe und Glied zu stellen befehlen wollte, sagte er zu ihnm: „Schtike. der Baldower boh!" Zu einem der Herrm von Rothschild kam eine Dame, seine Unterstützung zu irgend einem wohlthätigen Werke zu erbitten. Er überreichte ihr ein Bankbillet von 50V Frcs. „Ei, sagte die Dame, von Ihnen habe ich mehr erwartet, Herr Baron! Ihr Herr Sohn hat mir 1000 Frcs. gegeben." — „Das mag sein, erwiderte der Baron, mein Sohn kann es auch, der hat einen reichen Vater!" — Notiz. Aus Wien wird gemeldet:*Herr Sonnenthal hat sich von der Direction des Burgtheaters für heute und morgm einen Urlaub erbeten, um den jüdischen Versöhnungstag im Kreise seiner Familie zubringen zu können; aus ähnlichem Anlasie figurirt auch Fräulein Bettel- Heim weder heute noch morgen auf dem Zettel des Lperntheaters. — Herr Sonnenrhal und Frl. Bettelheim gehören bekanntlich zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des wiener Theaters. Ein Witz. Was ist für ein Unterschied zwischen den Ahnen der Rittergeschlechter und den Ahnen der Juden? Jene hausten, und diese hausirten. — Allgemeine Zeitung de« JudeurbumS. Nv.^DÄGt>6. Inhalt: Leitende Artikel: Betrachtung. —?n den Bestrebungen auf Abschaffung der besonderen Förmlrlkkeiken bei Abaahme der Zudeneide in Preußen. — Literarischer Wochenbericht. Zeitung«« ach richten: Deutschland: Bonn. Hannover. Oefterreichischer Kaiserstaal: Au« Böhmen. Großbritanieu: Au« Nordenglaud. Donausürsteulhümer: Zasiy, Bukarest. Notizen. Eorrespoudenz: Di« Einweihung der neuen Synagoge zu Berlin. Bon Emil Bre«lanr. ®y Zu beziehen durch jede« Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich yA Thaler. Verantwortlicher Netackeor Dr. H. Lotze. PftUfl von San«gänarr'».Bmbbandlang in reivüa- — Druck von ®. Ärtofinjg in Leikuz. i