Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 40 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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158 möchte ich bei meiner Heimkehr ebenso schuldlos sein, wie bei meinem Kommen." Rad hatte das Glück, einen Sohn, Chija, der in der Halachah sehr btwandtrl war,; und eine Tochter zu haben, die ^er in das Haus des Eyilfürsten verheiratbete, und deren Söhne würdige und' gelehrte Fürsten wurden. Einen andern 'Sohn, Aibu, der keine geistigen Anlagen besaß. bestimmte er zum Ackerbau, indem er ihm eim'chärste: „Lieber ein kleines Maß vom Felde, als ein großes vom Söller" (Waarenlager, also Handel). Im Jahre 247, also im 82. Jahre, nachdem er 28 Jahr in Sura als Lbcrhaupt der Lehrschule gewirkt, verstarbRab und wurde ein halbes Jahr von ganz Babylonien betrauert, so daß man selbst die üblichen Blumen- und Mvrlbenkränze am Hochzeitstage ablegte. Dieser Mann war auch der Verfasser der Tephillah zu Rosch - Haschanah. auf welche wir nun etwirs-näher eingehen wollen. »Forts, folgt.» Zwei Bettler. (£» war ein erbärmliches Häuschen, das in der schmutzigsten. Sackgasse in der entferntesten Vorstadt der Residenz stand. Sein Dachstuhl hing windschief nach der einen Seite, und viele Löcher auf dem mit verwitterten Ziegeln gedeckten Dache zeigten, daß der Besitzer nicht im Sinne habe, die hcruntergefallenen wieder zu ersetzen. Tie Balken waren rissig und verwittert und neigten * sich hierhin und dorthin, und die Steinsüllung war bauchig und voll Spalten. Die Glasscheiben der kleinen Fenster prunkten, so weit sie noch vorhanden waren, in Regenbogenfarben, und klirrten bei jedem Luftzug, der immerhin bewies, daß er das wichtigste Bedürfnis der Bewohner wohl kenne, nämlich nach frischer Luft in den dumpfen, feuchten Höhlen, die man Stuben nannte. Und dennoch war dies noch fast ein Palast gegen das Hinterhaus. .Hane man glücklich die dunkle Hausflur passirt und war nicht in eines der Löcher gefallen, welche die fehlenden Pflastersteine bei ihrem zufälligen Abgang hinterlasien, und war über den klonen Hof gelangt, so stand man vor dem Hinterhause. Der größte Theil des Hofraumcs ward von einem Düngerhaufen eingenommen, aus, welchem ein Hahn und einige Hennen ihr Leben zubrachten, um aus dem Miste ihre kärgliche Nahrung herauszuscharren, nebenbei aber den müden Bewohnern des Hauses den Schlaf zu verderben, und sie zu einem Leben voll Armmh und Entbehrung allzufrüh zu wecken. Links davon' befand sich eine Stallung, deren penetrirender Geruch "uns verrathen hätte, welche Erziehungsanstalt hier ihren Play gesunden, wenn nicht ein. beständiges Grunzen und Poltern diese Aufgabe übernommmen hätte. Das Hinterhäuschen, in welches man durch eine unverschlossene, halb zerbrochene und in den Angeln hängende Tbüre trat, enthielt zwei Zimmer. Aber welch' ein Mißbrauch der Sprache, die kleinen, engen, rauchigen Räume, deren Wände seit Jahrzehenden vom Pinsel des Maurers unberührt geblieben, so zu benennen. Wenn Jemand in einem derselben sich seine trüben Gedanken durch Auf- und Abschreiten hätte vergehen wollen, so wären sie sicherlich viel eher verdreht geworden; war doch kaum zum Umdrehen Platz genug. Dennoch sah es m den beiden sehr verschieden aus. In dem einem stand Nichts als eine halb zerbrochene. von Würmern durchnagle Äetrlade mit einem alten Strohsack, der lange . Zeit keine Erneuerung seines Inhaltes und keine Reinigung 1 seiner Hülle gesehen hatte. Zwei dreibeinige Schemel ohn? Lehne kvmpletirlen das Meublement. An einigen i Nägeln in der Wand hingen alte, zerrissene Klcidungs- ■ stücke, die ebenso gut in den Quersack des Insassen zu , den bunten Lappen gepaßt hätten, die darin aus den i Straßen gesammelt wurden. Es hingen, so zu sagen, j die Lumpen hier zu Tage, ohne Scheu, ohne Lust, sich irgend zu verbergen. Dieser Jnsasie selbst lag ausgestreckt » auf dem Strohlager, mit einem alten, grauen Soldaten-! mantel zugedeckt. Er war dem Greisenalter nahe, wenn! auch sein struppiger Bart nicht gut erkennen ließ, von! welcher Farbe er sei, da der Schmus dies unmöglich machte. . Dennoch zeigten seine Arme, Brust, Schultern und sein j Kopf, daß er noch immer eine ungewöhnliche Stärke be- 1 sitzen müsse. Nur seine rothen, triefenden Augen blickten ohnmächtig umher, als ob sie die Schwäche dieses Menschen bekunden wollten, eine Schwäche, die er einem > immer lauernden Feinde verdankte, mit welchem er den ' Kanipf nicht mehr zu übernehmen wagte. Die Augen ' waren auf den einen Scheniel gerichtet und stierten auf eine Flasche; aber die Flasche war leer^ . . Die andere Stube war etwas geräumiger, und hatte sogar eimn kleinen Blechofen in der Ecke, besten Röhre in einen Schornstein auslief. Es mochte wohl aber schon eine Reihe von Tagen her sein, daß der Qfcn nicht warm gewesen und der Schornstein nicht geraucht. Die Stube lag hinten hinaus, und ihr Fenster ging auf den kleinen Kohlgarten, der zum Hause gehörte, und freilich von den Wänden der Hütten ringsum eng eingefchlosten war. Daher kam es auch, daß der übelriechende Rauch aus diesen Hütten das Gärtchen eher [ ausfüllte als die frische Himmelsluft, die jenen vor sich her trieb. Doch schien die Sonne in das Fenster und : dies gab der Stube schon ein ganz anderes Aussehen.! Es war gut aufgeräumt. Alles an seinem Platze und j trotz der höchsten Dürftigkeit war ein Schein der Sau- ' berkeit bewahrt, so weit dies in solchen Umgebungen möglich. In der einen Ecke stand ein elendes, aber doch reinliches Bett; in der anderen war auf einigeck Brettern ein Strohsack gebreitet, der doch wenigstens nach frischem Stroh aussah. Ein weiß gescheuerter Holztisch und einige diko Stühle füllten den Ueberrest des Raumes. Auf einem Stuhle saß oder lehnte vielmehr eine Frau von nütrleren Jahren, welche das Bild der höchsten Abmagerung und Ermattung bot, und auf deren bleichen, eingefallenen Wangen sich die Flecken einer hektischen Rothe zeigten. In ärmlichster Kleidung, . konnte man ihr doch das Streben absehen, nichts Ungefälliges, Schmutziges an sich zu dulden, und die Haube, . die ihr schon ergrautes Haar bedeckte, war von schnee-! weißem Linnen. Sie sprach mit einem Manne, der am! Tische stand, und im Begriffe war, fortzugehen, denn ' er hatte ein kleines, ziemlich aufgebauschtes Täschchen : in der Hand. Es war ein werkwürdiger Mann. groß, > in gerader Haltung, schön an Gestalt und Gesicht. Er ■ mochte wohl fünfzig Jahre zählen, aber sein wohlgeord-