Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 40 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt Zur j tieleörunci uni) Hnteröaftung auf jüöilchem Hebiele. Heraokgegeben von Rabbiner vr. Ludwig P-ilip-so« in Bonn. l«o. 40. 186^ von bitk* flang« *{riti<britt niaciit ein« ’NunMer. Preis des 3abr> bli. SUtrteljabrtfl 7W «gt. JtQe PuLbanelunge». Poüa»,er unk .^eimngeekvedinoacn neb«en Vefteounge, «n. ^13. ^lahrg. 4. Quarta Ueber die Nenjahtsgebete. (Fortsetzung.)^ Als Marktmeister mußte Abba durch alle babylonischen Landschaften reisen, in welchen eine jüdische Bevölkerung lebte. Bald hatte er sich hierdurch überall bekannt und geehrt gemacht, und selbst der letzte Partherkönig Artaaban schätzte ihn hoch und beschenkte ihn mit fverthvollen Persien. Aber er selbst wurde auch mit der tiefen Unwissenheit bekannt, in welcher die dortigen Juden bezüglich der traditionellen 'Gesetze lebten, so daß z. B. an manchen Orten die Scheidung zwischen Milch- und Fleischspeisen ganz unbekannt war. Hierdurch sah sich Abba zu Zwiefachem bewogen. Bon der einen Seite erschwerte er vielfach die Gebote, um sie dadurch dem Volke noch mehr einzuprägen, und viele seiner Erschwerungen erhielten durch sein Ansehen Gesetzesgültigkeit. Bon der anderen Seite sah er ein, daß eine neue PftaNzstätte der jüdischen Gesetzeskunde gegründet werden müsie, und erwählte hierzu Sura, woselbst er sein Lehrhaus stiftete. Fast acht Jahrhunderte von dieser Zeit an ward Sura ein Hauptsitz der jüdischen Gelehrsamkeit. Nach seiner zweiten Rückkehr (um 219), als er im 54. Lebensjahre stand, eröffnet« Rab, wie er nunmehr genannt wurde, sein Lehrhaus, und 1200 Schüler strömten aus allen Gegenden ihm zu. Er mußte, so groß war der Zudrang von Zuhörern, das Lehrhaus durch einen Garten erweitern. Alle unbemittelten Schüler, so groß auch ihre Anzahl war, verpstegte Nab auf eigene Kosten, was er nur durch die eigentbümlichen Einrichtungen vermochte, wie sie damals bei dem Unterrichte getroffen waren. Er besaß viele Aecker und bebaute diese selbst. Die Schüler versammelten sich nämlich zwei Mal des Jahres in Sura, jedes Mal aus einen Monat, nämlich Adar und Ellul, also im Anfang des Frühlings und des Herbstes. Während dieser Monate fanden die Borträge tagtäglich statt und man gönnte sich kaum, ein Frühstück einzunehmen. Auf diese Weise konnten die Schüler während der übrigen Theile des Jahres, und nicht minder der Meister selbst, ihrem Broderwerbe nachgehen. Außerdem hielt Nab die Woche vor den hohen Festtagen öffentliche Borträg« und zwar nicht blos für seine Schüler, sondern für das ganze Voll, welches sich in solchen Maffen versammelte, daß die Stadt sie nicht faffen konnte, und sie sich im Freien am Ufer des Surasees lagern mußten. Deshalb wurde auch während dieser Zeit die Thätigkeit der Gerichtshöfe suspendirt. und kein Gläubiger konnte seinen Schuldig - vor Gericht verfolgen. '--L. Aber nicht blotz für die Kenntniß und Ausübung des Gesetzes wirkte Rah, sondern* auch für die Sittlichkeit des Volkes. Es! hatten sich in ehelicher Beziehung mancherlei Unsitteri eingeschllchen, welche das Gesstz^statt zu verhindern, zu schützen schien. Rab verbot, ohne vorangegangene Bewerbung zu heirathen, schärfte den Vätern ein, ihre Töchter reicht ohne deren Einwilligung und um so weniger vor tjer Mündigkeit zu verheirathen, den Heirathslustigen, vor der Verlobung mit dem Mädchen^ i ihrer Wahl Bekanntschaft zu machen u. s. w. Er hob-.' das Ansehen der Gerichtshöfe, bekleidete die Gerichtsdiener , mit amtlicher Autoirität, führte gegen Widersetzlichkeit den Bann ein, welcher in Babylonien eine größere Wirkung übte als irgendwo^ Wir haben oben gesehen, daß sich Rab ebenso durch die Tugend der Äescheidenheit und—der Freundesliebe, wie durch Festigkeit des Charakters, Ausdauer und Beharrlichkeit auszeichnete. Aber ebenso sehr wird keiffe.» Geduld und Versöhnlichkeit gerühmt. Er hatte das Unglück, ein böses, zänkisches Weib zu haben, die ihms möglichst zuwiderhandelte. Aber er übte die größte Geduld an ihr. Auch von ihm wie von Sokrates wird die Anekdote erzählt, daß sein Sohn die Bestellungen seines Vaters atr seine Mutter in entgegengesetztem Sinne abgab. um dadurch gerade die Ausführung der väterlichen Wünsche A bewirken. Wenn aber von Sokrates hierbei erzählt wirv, daß er dies seinem Sohne verwies, indem er ihn aufp merksam machte, daß, wenn er, Sokrates, sich dieser. Lisit bereits bedient hätte, ihm durch das Verfahren des Soh- ~~ nes keine Willfährigkeit geschehen wäre, untersagte es Rab seinem Sohne, weil auch der Schein der Lüge zur Angewöhnung der Lüge führe. Als Rab in seiner Jugend etwas gegen R. Chanina, das SchulhaupNvon Sepphoris, versehen hatte, ging er wiederholt zu ihm, seine Verzeihung zu erbitten, und als er einen Mann aus dem Volke beleidigt zu haben glaubte, ging er am Vorabend des Versöhnungstages zu ihm, um ihn zu versöhnen. Um sich vor Hochmuth zu schützen, rezitirte er stets, wenn er sich, von einem großen Volkshaufen begleitet, in das Lehrhaus begab, den Vers aus Hiob „Wenn die Größe de- Menschen bis zum Himmel reicht, so vergeht sie doch ebenso plötzlich." Begab er sich tu die Gerichtssitzung, so sagte er zuvor: „Freiwillig begebe ich mich in den Tod; nicht meines Hauses Angelegenheit besorge ich hier, und leer kehre ich in mein Haus zurück!;