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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 39 (1866) · p. Seite 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
39 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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155 stand, auf welchem der kleine Miffethäter reiten sollte; er verschwand aber bald und wurde zu einer Mythe. Auch einen Carcer hatte es gegeben. Nachdem aber Knaben in der dünnen Mauer des betreffenden Stalles Steine auSgebrochen und nach Hause gelaufen, kam auch er aüßer Gebrauch, und noch lange guckten wir Kinder durch das Loch neugierig in das geheimnißvölle Dunkel, um die Mysterien dieses Ortes zu erschauen, der früher die Seufzer unserer Kameraden gehört, jetzt aber dem Profoß zur Rumpelkammer diente. Als kleiner Knabe lief ich gern um die Schule herum; dafür mußte ich einmal in der Klaffe auf Erbsen knieen und man rief mein jüngeres Brüderchen herein, um die Schmach des älteren Bruders zu schauen. Es war ein schrecklicher Moment, der aber bald vorüberging, und auch dieses Strafmittel war bald darauf verschwunden. ES blieben nur noch die Hand und der Stock der Lehrer übrig, und diese wurden weidlich in Bewegung gesetzt, auch in der ersten Klaffe noch. Im Ganzen waren wir bei den Lehrern ruhig und aufmerksam, welche uns zu interessiren oder Furcht einzuflößen verstanden; bei den übrigen half Alles Nichts, und es ging seht tumultuarisch zu. Bor dem Direktor hatten wir großen Respekt, obgleich er niemals einem Schüler etwas that. Aber feine imponirende Erscheinung — denn er war ein sehr schöner Mann — und daß das Zauberwort der Versetzung von einer Klaffe in die andere aus seinem Munde floß, feffelte uns. Es ist dies der Vorzug einer vielklassigen Schule, daß der Ehrgeiz und das Bedürfniß der Versetzung auf den Fleiß und die Disciplin der Schüler großen Einfluß üben. Wir waren ein sehr lebhaftes Völkchen, flink und munter, und je freier die Bewegung war, die man uns gestattete, desto weniger kamen Hartnäckigkeit und Bosheit, störrischer Sinn und Widersetzlichkeit zu Tage. Eine Stunde vor Beginn der Lektionen sammelten sich bereits die Schaaren auf dem großen Platze vor dem Schulhaustz und da ging es dann rauflustig genug zu, bis die Pforten sich öffneten und wir in die Klaffen eingelaffen wurden. Da aber begann das Lärmen erst recht, da die Lehrer nicht gar zu pünktlich waren. Die Klaffen unter einander führten Krieg, und die ergötzlichen Scenen hörten nicht auf, und dennoch lief es ziemlich gütlich ab, und abgeriffene Rockschöße und kleine Wunden kamen nur selten vor. Fensterscheiben klirrten freilich oft genug zusammen, und noch als ich in der Prima saß, warf rch durch einen geschickt geführten Stoß einen koloffalen Gegner in den alten Kachelofen, daß dieser donnernd zusammenstürzte. Unsre Lehrer machten zu solchen Vorgängen ernste Mienen, waren aber gescheidt genug, uns kein Verbrechen daraus zu machen, und mit einigen Hieben und wo es Noth that Schadenersatz war die Sache abgethon. Eines eigenen Spaßes, der sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzte, mag ich noch erwähnen. Der Conrektor konnte das Gymnasium erst mit dem Schlage eilf verlaffen, um sich nach unsrer ziemlich weitab gelegenen Schule zu begeben, wobei seine ruhige Würde keinen Schnellschritt zuließ. Wir hatten also freie Zeit vor seiner Ankunft. Und da stellten wir un.s regelmäßig echelonweise an den Ecken der Straßen, die er passiren mußte, auf, um zu erspähen, wann er erschiene. Sowie er um eitte-Ecke bog, rannte der Haufen an der Ecke zu dem andern an der nächsten Ecke, und zwar auSLebeSkrästen, bis dann von der letzten Ecke die ganze Klas e wie ein Schwarm verscheuchter Tauben nach der Schu e lief, um bei der Ankunft des Schulmonarchen ruhig aif den Bänken zu sitzen. Der gute Herr wußte nicht, well « Schaaren kleiner Feinde er jeden Tag vor sich herttiel; wohl aber wußten es die Einwohner der Sttaßen, für die es ein Zeitmesser war. Der Conrektor ist schon vorbei, galt soviel wie ein Viertel nach eilf. Ein Mal geschah eS jedoch, daß der Mann auS irgend einer Deranlaffung seinen Weg durch andere Sttaßen nahm und .so zu seiner großen Ueberraschung die Klaffe fast leer fand, bis die einzelnen Trupps nach vergeblichem Warten nach und nach anllngttn. Er gerieth in Zorn und erfuhr das ganz« Manoeuvre, ohne verhindern zu können oder zu wollen, daß es bald wieder in vollen Gang kam. Man sieht, in unsrer Schule waltete etwas Naturwüchsiges vor, wodurch allein eS erklärlich ist, daß bei so mangelhafter methodischer Einrichtung und Führung doch so viel Gutes und Anerkennungswerthes erzielt ward. Freilich witd man mir einwenden, daß bei zweckmäßiger Methodik Ungleich mehr hätte geleistet und noch Bedeutenderes aus dem vorhandenen Stoffe hätte gebildet werden könnest. Ich stelle dies durchaus nicht in Abrede, meine aber doch, daß wir die Lehre herausziehen mögen, daß auch die Methodik jede allzu große Künstlichkeit zu vermeiden habe, so daß sie die freie Entwickelung nicht hemmen, sondern vielmehr nur leiten dürfe. Es ist ein altes Wort: „Aus der.Schule plaudern^ Genau genommen,! wendet man eS an," wenn man vchr einem Institute, das eines guten Namens sich rühmen darf, und diesen durch Erfolge verdient, die kleinerest Mängel und Lückest bespricht, die sich an demselben vor- , finden. Als solches harmloses „Plaudern aus der Schuld ' mag diese kleine Erinnerung ausgenommen werden. j I Eine schwere Versündigung. Man findet es jetzt, namentlich in größeren Städtest, j nicht selten, daß jüdische Ettern chre Kinder besonder- I in den ersten Schuljahren an dem christlichen Religionsp : unterricht Theil nehmen lassen. ES ist dabei nicht ihre Absicht, ihre Kinder zum Abfall zu erziehen, sondern geschieht meist aus dem Grunde und mit der Rechtfertigung^ daß ihre Kinder sich nicht von ihren Mitschülern unters scheiden sollen, wenigstens nicht so frühzeitig, und mst der Entschuldigung, in diesem Alter schadete eS nocß nichts. 1] Gerade diese^ Entschuldigung ist durchaus falsch. Die Seele des Kindes wirft ihre Fäden nach dem Bodest aus, wo sie wurzeln können, und da, wo sie dies einmal gethan, halten diese Fäden mit merkwürdiger Kraft fest, meist für-das ganze Leben. Begriffe, welche die Seele des Kindes einmal in sich ausgenommen, bleiben ihr für das ganze Leben verttaut. Welch ein Nachtheil also für die väterliche Religion, wenn nicht allein des Kindes Geist nicht an diese gebunden wird, sondern, ganz entgegengesetzte Glaubenslehren in sich aufnimmt! Wenn man

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