Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 39 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
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156 sich wundert, daß Glaubenssätze, welchen die Vernunft doch so sehr widerspricht, von vielen Millionen Menschen unerschüttert festgehalten werden, so stiegt der Erklärungsgrund allein darin, daß sie jene in ihrer frühesten Kindheit in sich ausgenommen, wo der Geist noch ohne Prüfung Alles annimmt, was ihm von bewährter Hand gereicht wird. Nichts ist daher sicherer, als daß jüdische Kinder * durch die Theilnahme am christlichen Religionsunterrichte in ihrem väterlichen Glauben außerordentlich geschädigt werden. — Lder aber die Aeltern und Umgebungen deS Kindes tteten dieser Einwirkung dadurch entgegen, daß sie den Kindern die in der Schule gehörten Lehren für irrig und falsch erllärm, und sie durch Verneinung oder Belächeln bekämpfen und.aus den Kindern wieder wegschaffen wollen. Welche unvernünftige Erziehung! Sie stellen der Autorität des Lehrers, die Autorität der Eltern gegenüber, dem Ansehen der Schule das Ansehen des Hauses. Sie versetzen den kindlichen Geist auf das Gebiet der Krttik, auf welchem es Alles zu mißachten lernt, was ihm übergeben wird, sie zwingen es. in Dingen selbst Richter zu werden, die weit über' seine Fassung hinausgehen, und gegen welche es daher.einen Widerwillen faßt. Die Wurzeln der Kindheit werden ihm abgeschnitten. Später wundern sich dann die Eltern, daß ihre Kinder frühzeitig blasirt sind, daß sie von Respekt, Achtung, Ehrfurcht, Gehorsam, wahrhaftes Zuneigung, so wenig wiffen; sie ahnen nicht, daß sie selbst die Ursache alles deffen sind. Und was will erst jene ihre Rechtfertigung sagen? Meinen sie, daß die Mitschüler ihrer Kinder nicht dennoch wiffen, daß ihre Kinder Juden sind? Und wenn nicht, wie lange wird es dauern? Und wollen sie so ihren Kindern schon in frühester Zeit .die Mißachtung ihrer Religion und Abstammung, die Scham über -tiefe einimpfen? . . . Du lieber Gott, tragen doch solche Eltern selbst dazu bei, Judenthum und Juden, verachtet zu machen. Denn unverschuldeter Mißachtung kann wirksam nur durch würdevolle Selbstständigkeit, Eharakter und Selbstachtung begegnet werden. Nach welcher Seite hin wir also die Sache betrachten. ist jenes Verfahren jüdischer Ellern eine ,schwere Versündigung! Möge dies, von Manchen in Erwägung gezogen werden, und sie die Gefahr von ihren Kindern und sich zur rechten Zeit abwenden! Ueber die Neujahrsgebete. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß die eigentlichen und wesentlichen Gebete der hohen Festtage in der für diese bestimmten Tbepliillah zu Schachariih und Mussapli, oder wie man sie gewöhnlich nennt 8cl»ewone Esreh*) * Obichon diele Bezeichnung nur für die Wochentage paßt, aldie 18 für diele bestimmten Bevediciionen benennend. . bestehen. Denn alle übrigen für die Feste bestimmten Gebete oder Piutim find späteren Ursprung-. Jedermann aber, wer die beiden Thephillah's für Rosch Hai schanah in der Ursprache versteht, wird deren Trefflichkeit an Gxist und Sprache bewundern, besonders die des > Muffaph. Die letztere ist von Abba Areia, meisthin; kurzweg Rab (Lehrer) genannt, verfaßt, und werden daj her Tekiaia di be Rab *) genannt. Bevor wir einige nähere Blicke in diese Gebete selbst werfen, wollen wir das Leben dieses merkwürdigen Mannes kurz skizziren (nach Grätz). In Babylonien, wo eine sehr zahlreiche Mische Be- ' völkcrung wohnte, und von eigenen Exilsfürsten geleitet und vertreten (Reseh-Glatha), war Nahardea der Sitz der! Gelehrsamkeit,wenn auch dreineisten und bedeutendsten Lehrer ' an der dorttgen Schule wiederholt nach Palästina wanderten, um sich dort auszubilden und dann nach ihrem Vaterlande zurückzukebren, nicht selten auch, um im heiligen Lande zu sterben. Um das Jahr 165 n. d. gew. Zeitt. wurde Abba geboren, der den Zunamen Areka führte, wahrscheinlich weil er in dieser bedeutenden, in Susiana am Tigris gelegenen Stadt geboren war. Zwei Mal wan- bette er nach Palästina, studirte unter den Patriarchen Juda l. und Gamaliel lll. Das erste Mal kehrte er um 189 in seinem 24. Lebensjahre, das zweite Mal dreißig Jahre später zurück. Vom h. Lande her ging ihm ein großer Ruf der Gelehrsamkeit in den Traditionen und des Scharfsinns in der Auslegung voran, so daß . ihn die namhaftesten Männer schon am Euphratkanal erwarteten. Selbst das Schuloberhaupt zu Nahardea, , R. Schila, erkannte willig sein Uebergewicht an, nach dem Tode des Letzteren sollte er deffen Nachfolger werden; allein er wies es ab und verlangte, daß sein Freund Samuel, obgleich dieser jünger war, in dieses Amt eingesetzt werde, weil Nahardea deffen Heimath war. Abba begnügte sich dagegen mit dem Amte der Aufsicht über richtiges Maaß und Gewicht. Der Exilsfürst Anan wollte auch, daß er die Marktpreise überwache, ein Ansinnen, welchem Abba aus halachischen Bedenken nicht gehorsamte. Darüber erzürnt warf ihn der Fürst ins Gefängniß, das der unbeugsame Abba nicht eher verließ, als bis der; Exilsfürst durch Freunde von seinem Unrecht überzeugt wurde. 1 (Forts, folgt.); *) 2-n »ny’pn jer. Refch H-schan-h l, 5. u. a. O. > _ ' _! Allgemeine Zeitung des JudenrhumS. No. 33. 18<>6. | Inhalt: Leirende Artikel: WaS haben wir zu thun? — Die Annexionen. — Literarischer Wochenbericht, i Zeitungsnachrichten: Deutsch!« nd: Bonn, Berlin, > Rakel, Berlin, Hamburg. Oesterreichischer Kaiserstaat: ' Wien. | 3^ Zn beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. | Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % .Tbaler. Verantwortlicher Redackenr Dr. H. Lotze Verlag von B»u«gärtner'g Sllchh»odls»g in Üeipiig. — DrnS von <0. Ikreysiug in üeipjij-