Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 38 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 150 seine und der Seinigen Aussichten für die -Zukunft waren sehr dunkel . . . Als sie noch bei dem bescheidenen Mahle saßen, klopfte es an die Hauspforte. Die drei Menschen fuhren auf. Trotz der FreMdlichkeit und Heiterkeit, die. sie sich einander entgegen trugen, hatten sie doch Alle. einen Schmerz und eine Sorge im Herzen behalten, davon Keiner sich zu sprechen getraute. Simeon hatte zum Feste nicht geschrieben. Bei der Gewissenhaftigkeit und Liebe, die der wackere Jüngling immer bewies,chatte dies etwas Besorgniß Erregendes. Wer viel verloren, fürchtet noch immer mehr zu verlieren. Darum fuhren . sie auf, als sie das Klopfen vernahmen. „Dcrj Briefj träger!" rief die Tochter, und sp:ang hinaus. Er war cs; ein Brief des Sohnes! Und w>'lch' ein Brief . . . Aas überwallendem Herzen schrieb der Jüngling, daß das große Haus, in welchem er servirtc, mit dem Wiedereintritt des Friedens ein Filialcomtoir in Prag etabliren wollte, und den Herrn Afcbcr demselben vorzusetzen gedachte. Der Vater solle gleich nach dem Feste nach Wien eilends kommen, die Bedingungen auszusprechen. Eine cingeschlosiene Anweisung bor reichlich die Mittel zür Reise und zum Unterhalt der Seinigen während der nächsten Zeit . . . Das war ein „Leschonoh tauwoh thikkoßeif!" aus dem Füllhorn des Glückes! Wir haben dem Leser einige Bilder von Vorgängen vorgeführt, die an diesem Neujahrsfeste gewiß nicht zu den Seltenheiten gehören. Wir hätten dieselben um viele mehren können. Wir hätten namentlich auch solche schildern können, welche in die dunklen Schatten des vergangenen Jahres nicht die Hellen Lichter eines glücklichen Ausgangs mischen. Denn wer weiß nicht, daß es auch Verluste, giebt, deren Erlätz in so kurzer Zeit nicht, deren Ausgleicbung überhaupt nicht möglich ist. Dazu decken zu viele Grsiber die Leichen lbeurer Söhne, Brüder und Gatten: daru ist zu viel Familienbestand in Trümmer gesunken, als daß der Wiederaufbau so leicht von Statten ginge. . . Aber wir denken, daß das verflosiene Jahr;u viel der Schrecken und Aengste, des wirklichen und scheinbaren Mißgeschickes gebracht hat, als daß wir, im Augenblicke der festlichen Heiligung die schmerzliche Trauer durch Ausmalung der trüben Gemälde erhöhen und verstärken dürften- In wahrhaft edlen Gemütbern wird der Hinweis, daß die heilende Hand der göttlichen Vorsehung Vielen schnell die eben aufgerissenen Wunden wieder schließt, selbst dann, wenn dies bei ihnen nicht geschehen, keinen Schmerz, kein Murren, keine Frage her- | vorrusen: warum nicht auch mir? . . . sondern unter ihren eigenen Thränen werden sie dem Glücke Anderer zulächeln, und es mit Befriedigung vernehmen. Eine | solche hochherzige Seele trägt in ihrem Schmerze zugleich den Schmerz aller Mitleidenden in sich, und fühlt sich erleichtert, wenn die letzteren in ihrem Geschicke erleichtert worden. Es ist wohl wahr, daß es nicht zukömmlich ist, allzu schnell über die schweren Schläge hmwegzugehen, welche . das Gef^ick geführt hat — die große sittliche Wirkung wird dadurch geschwächt, zum Theil aufgehoben. Wir! sollen dabei verweilen, damit der Eindruck ein tiefer und bleibender werde. Da einmal dte Bitterkeiten des Lebens ein wesentliche Hebel der Religion und Sittlichkeit im Leben des Menschen sind, so sollen wir den Geschmack derselben nicht allzuschnell durch Honig und Zucker versüßen, weil dadurch die heilsame Wirkung zu früh beseitigt wird. Aber auch hier haben wir uns vor jeder Ueberfpannung wohl zu hüten. Denn wir Menschen bedürfen vor Allem des Äutbes und der Thatkraft. Davon besitzen wir kein großes Maaß. Zu sehr und zu lange gedrückt, verlieren wir die Spannkraft, um ven Truck von uns hinwegzuheben. Schlaffheit und Trägheit bemächtigen sich, unser, und dann sind wir für das Gute wie für das Böse verloren. Allzuviel Licht blendet unsre Augen, aber das bleibende Dunkel der Nacht macht uns trostlos, lähmt und feffelt uns. Ja, es war ein denkwürdiges, ein schweres Jahr, und noch haben seine Gewitterwolken sich nur zerstreut, und die elektrischen Wölkchen und Tunslstrcifcn fahren noch am Himmel hin, für uns ungewiß, ob sie sich wieder sammeln oder gänzlich verlieren mögen? Schon äußerlich. Der ganze Winter war voll Sturm und Regengüsse. Kein derber Frost, aber unaufhörliches Ungemach; der Frühling kurz und veränderlich; schnell große Hitze und Dürre, dann ein unbeständiger, kühler, von - feuchten Westwinden und dauerndem Regen ungenießbarer Sommer, sehr fruchtbar, aber die Früchte vielfach nicht zur Reife führend. Dann die schwere Seuche, welche zahllose Srtc zugleich ergriff, an vielen heftig wülhete, überall Beängstigung verbreitend. Dann in . Befürchtung eines riesenhaften Krieges und den koloffalen! Rüstungen zu demselben die gewaltige Geld- und Han- , delskrise. Endlich der blutige Krieg, der, wie in i'eincr kurzen Dauer, so in seinen ungeheuren Wirkungen wohl kaum Seinesgleichen in der Weltgeschichte hat. Die Gestalt Deutschlands gänzlich verändert, und Deutschland ist das Herz Europas. Wir brauchen nicht näher einzugehen. In unsrer Zeit, wo nicht blos zwischen den fernsten Theilen der Erde die engste Verbindung besieht, sondern auch zwischen Hütte und Palast, durch alle Mittelgebäude hindurch die Verhältnisie so völlig in einander gewachsen und verwebt sink, geht in der höchsten Region "Nichts vor, was nicht auch in der niedrigsten schwer empfunden wird, und umgekehrt. ^Einc Erfahrung hat sich uns aus allen unfern Erlebniffen aufgedrängt. Es ist die von dem Wechsel und Wandel der Dinge. Wer einen Berg hinaufsteigt, kann sicher sein, daß dieser von der andern Seite wieder hinabführt, in die Ebene oder doch in^ein Thal hinunter. Was ist gewisser, als daß selbst dös schlimmste Wetter sich wandeln und in den lachendstes Sonnenschein verkehren werde? So kommt nach trübem Geschick immer wieder ein heiteres, nach schwerer Bürde>eine Erleichterung, und wenn wir das Schlimmste auf unsre Schultern genommen, können wir der Hoffnung Raum geben, daß unser eine rechte Freude wartet. Ich habe einen Mann gekannt, der, wenn es ihm eine Zeit lang nach Wunsch ging, ordentlich froh war, wenn ihm ein Leides begegnete: er erwartete es nicht anders, und glaubte, nunmehr wieder hellere Aussicht vor sich zu haben. So geschehe es uns Allen an diesem Neujahrsfeste. Erheben wir unsre Blicke zu dem großen Larer und Meister alles Geschehenden; preisen wir ibn und danken, daß er uns erbalten, daß er uns durch alle Trübsal geführt und uns gvrettet das Ufer des rothen Meeres ersteigen ließ. Denn jedem