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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 38 (1866) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
38 (1866)
Date
1866-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksblatt- •Belefjrung unf) llnterfjaftung auf itiötfdjem Gebiete. Herau-gegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. ['.Hol 38. 1866.] <<cn vieler £ml<fcrih erlteinr irmfctntliA eint Nummer. Preis de« Jabr- ,ang« : Ibir. -«ierreMdna 7 Üqi. Tille Vuckbaadlunaen. Poftämrer aur .^tirull««experir>ouc» aebmeu BeKelluuge» au. [13. Jahrg. 3. Quartal. | Zum neuen Jahre. j (Schluß.)' Ist tiefem Augenblicke ging ein ältlicher Mann an der Gruppe vorüber, in ärmlicher Kleidung, und das durchfurchte Antlitz zur Erde gesenkt, schritt er. ohne sich umzusehen, andern Haufe?: vorüber, um die Straße hinunter zu gehen. Die Leute'machten ihm Platz, aber keiner hatte den Muth, ihm den an diesem Abende gewöhnlichen Gruß zuzurufen. „Ja," sagte einer, als jener Mann es nicht mehr zu hören vermochte, „der hat heuer auch einen bösen Rausch-haschonoh; vor einem Jahre trug er den Kopf gewaltig hoch, der Herr Äfc^er, und besann sich, ob er unser einem das Heschonoh tauwoh beantworten sollte. So geht's, und kiner von uns weiß, wie es über's Jahr mit ihm steht. Doch laßt uns nach Hallse gehn, die Weiber und Kinder warten." Der Haufe verlor sich. — Folgen wir jenem Manne. Er schritt durch mehrere Seitengassen, und blieb vor einem niedrigen, unscheinbaren Hause stehen, aus besten kleinen Fenstern ein helles Licht floß. Der Mann seufzte, und ging dann in die Hütte hinein. So wie von außen, sah es auch in ihrem Innern ärmlich genug aus. Aber wie er in das niedrige Zimmer trat, kamen dem Manne zwei herrliche Frauengestalten entgegen, warfen sich um seinen Hals, liebkosten ihn, und, rannen auch viele Thränen dabei, suchten ihm - ihre volle, heiße Liebe zu bezeugen. Das erweichte auch ' den Mann; er verlor seine Fassung, warf sich auf das harte Sopha an der Äand, verbarg sein Gesicht in den Händen, und ließ den seiner Zähren mit lautem Schluchzen durch die Fing^^knen. Die Frauen ehrten Anfangs; seinen Schmerz; d«^^rängte sich die ältere, seine Gattin, | an ihn, hob sein Haupt empor, und legte cs an ihren! Busen. „Ascher, sprach sie. theurer Mann, was Haft du? j Wie? hast Du nicht noch uns? mich, Dein treues Weib, j unsere geliebte Minna, unfern Simeon in Wien? Weinst ‘ Du wirklich dem nichtigen Mammon nack, weil er, seiner i Natur gemäß, uns verlosten und sich Anderen zugewendet ' hat? Denken wir es uns anders; wenn Du nun Alles : behalten, ja noch gemehrt hättest, aber Du würdest Einen! von uns verloren haben, würdest Du nickt tauschen, nicht > Alles hingeben wollen, um uns zu behalten?!" — Der Mann faßte sichrer trocknete die Thränen,! richtete den Kopf in die Höhe, ergriff mit der Rechten - die Hand seiner Gattin, mit der Linken die seiner Toch- , ter und sprach, indem ein freundliches Lächeln seinen Mund umspielteswie wenn die Strahlen der Sonnt : j düstere Regenwolken durchbrechen: „Ihr habt Riecht; aber I sehet es mir nach, wenn der Augenblick mich überwältigte. Ich gedachte dieser Stunde vor einem Jahre, der Fülle und des Glanzes. die Euch damals umgaben; meine Augen fielen auf die Armuth .und den Druck, unter denen Ihr I jetzt athmet, und die Angst überfiel mich, welchem Ungemach Ihrzarten, treuen Wxscn noch ausgesetzt fern könntet.-" „Nicht doch, lieber Ascher, fiel ihm die Zrau ein, warum willst du dir so trübe Vorstellungen machen! Es war ein. schweres, niederschmetterndes Jahr, das alle Laoten deines Lebenzerschlagen hat, aber Keinen von uns getroffen. Wir fangen wieder von Neuem an, und das neue Jahr kann Vieles wieder herst.llen. Du hast die Krise nicht gemacht, du' hast den Krieg nicht ins Land gerufen, du hast gekämpft wie ein Held, und eiüen ehrlichen, unbescholtenen Namen aus dem Streite davongctragen. Wir dürfen gegen die Vorsehung nicht murren; haben wir das Gute genosten. mpsten wir auch das Schlimme ertragen." — „Und sieh Väterchen, begann die Tochter, es ist auch gar nicht so schlimm, wie du cs machst. Schau, haben wir uns nicht festlich herausgeputzt-? blinkt und glänzt es nicht in unserem Zimmerchen? und deine Lieblingsspeisen haben wir auch bereitet, und zwar diesmal ich selbst und ganz alleine — nicht wahr, Mutter?" Der Mann lächelte; er warf einen zärtlichen Blick auf die schlanke Gestalt des schönen Mädchens, aus ihr blühendes, von dunkeln Locken umrahmtes Gesicht; er sah sich in dem netten zierlich geschmückten Zimmerchen um, und fühlte Behagen und Frieden durch seine Seele ziehen. Sie setzten sich zu Tisch, er sprach mit lauter und inniger Stimme den Segen über Wein, Brod und Frucht, und die' Tochter trug flink und zierlich die Speisen auf. Ja, Ascher war vor einem Jahre noch ein ^sehr reicher Mann, und jetzt sehr arm; einer der bedeutensten Geschäftsmänner in der Provinz, nnd jetzt ganz ohne Erwerb, sein Schmerz war gerecht, seine Angst entschuldbar, die große Krise vor dem Kriege, das Sinken der Werthpapiere, die Stockung alles Geschäftes, die plötzliche Aufkündigung jedes Credits, Verlust auf Verlust, Forderung auf Forderung, hatten ihm Alles genommen; die furchtbaren Lasten des Krieges das Letzte verzehrt. Er hatte sein schönes großes Haus am Ring verlosten, sein kostbares Hausgeräth veräußern, und dieses Häuschen im schnujzigsten Viertel der Stadt beziehen müffen. In der Thar.

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