Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 37 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4908862-5999396-6026823--3311-4911500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 beiden die Hand zur Trennung von einander. „Auf ein fröhliches Wiedersehen!" und fort wandelten sie, ein jeder seine Straße, seine Schritte beflügelnd. Noll ^der Bilder, deren Anblick sie erwarteten, hatten sie sich wohl schnell vergeffen, sie, die sie so treulich weite und gefahrvolle Wege mit einander zurückgelegt harten. Der jüngere Mann stand bald vor der Thüre eines kleinen Hauses: aber bevor er die Klinke der Pforte erfaßte, hob sich sein Blick nach den Fenstern des oberen Stockes. Siehe, ein helles Licht quoll. aus ihnen auf die Straße. Da zögerte er nicht länger, mit hastiger Freude önnete er und stieg, wohl etwas ungestüm, die knarrenden Suchen der Treppe hinan. In dem Stübchen, dahin wir den jungen Mann geleiten müsien, waren zwei ziemlich bejahrte Eheleute beisammen. Die Frau stand am reinlich gedeckten Tische, auf welchem zwei Lichter brannten, zwei Teller standen, zwei Sabbathbrode lagen, so wie ein Süßapfel und ein kleines Gefäß mit Honig. Der Mann war eben vom Abendgottcsdienst gekommen, und hatte das Haupt mit. dem bereits grauen Haare mit einem Hauskäppchen bedeckt.. und ging, einige Gebete murmelnd, im Zimmer auf und ab. Wenn er hierbei seinem Weibe den Rücken zuwandte, so wischte diese' sich Wohl Thränen von den Wangen, die der Gatte nicht sehen sollte. Aber auch das Angesicht dieses sah ernst uud betrübt aus, ob er auch seine schmerzlichen Gedanken nicht aussprechen mocbte. In diesem Augenblicke hörten sie' die Haustbüre sich öffnen, einen schweren und doch elastischen Schritt die Treppe hinauskommcn. „Wer ist das °?!" rief der Mann. — „Das ist unser Kind, unser J<^ob!" schrie die Frau, —j- Tie Thüre sprang auf. .^eschonob tauwoh!" rief der junge Mann, „da bin ich, geliebte Eltern!" . . . Und er lag in den Armen der Mutter und des Vaters, und schwere Tropfen der Freude sielen aus ihn nieder, und des Liebkosens war kein Ende. Die Eltern führten den tvankenden Sohn zu den Lichtern, betrachteten fein Aussehen, und sahen ammerksam auf die Unfform, die ihnen bezeugte, daß ihr Sohn eine höhere Rangstufe erreicht, als er mne halte, da er sie vcrlaffen. Er sah wohl und kräftig aus, aber dock« mager und gebräunt, als wenn^schwere Strapazen unverkennbare Züge auf sein jugendliches Antlitz geschrieben, welche die mütterliche- Pflege erst wieder verwischen muffe: eine breite Narbe zog sich von der Stirn über die linke Wange, unverkennbar von einem Säbelhiebe herrührend, und diese Narbe schien sich nicht wieder vertvischen lasten zu wollen. „Gott sei gedankt und gelobt!" begann der Vater, „der Dich, unser einzig Kind, glücklich und gesund aus dem blutigen Kriege zurückgrführt, der die Angst unsres Herzens und die Seufzer unsrer Brust vor sichgebracht, und in seiner Barmherzigkeit dich beschützt und geleitet hat!" Der Sohn senkte das Haupt vor deck Vater, dieser legte seine zitternden Hände darauf und sprach den in Israel üblichen Vatersegen. Dann that er dasselbe vor der Mutter; auch diese segnete den heimgekehrten Sohn, dann aber riß sie ihn noch einmal an ihr überwallendes Herz, und ließ-ihn lange nicht aus ihrem Arm. Doch wir wollen den weiteren Gang dieser Szene nicht ausmalen; die drei glücklichen Menschen setzten sich bald „zum lecker bereiteten Mahle," das die' Muttter 4 ' zwar mit heimlicher Hoffnung^ die sie sich aber kaum selbst, viel weniger ihrem Manne hatte eingestehen wollen, bereitet hatte, ihr geliebtes Kind würde Theil daran nehmen. Denn, dieser hatte die letzten Tage vor dem beiligen Feste noch in sehr weiter Entfernung von der Heimath gestanden, mit Mühe den Urlaub erhalten und nur mit großen Anstrengungen seine Vaterstadt erreicht. Nun ging das Erzählen an und spann sich ohne Ende fort und fort. Vor Allem mußte er beschreiben, wie er das [ Glück gehabt, unter den Augen des kommandircnden Generals sich auf ein feindliches Geschütz zu werfen und cs zu nehmen mit Hülfe zweier Camcraden, und wie er hierfür auf dem Schlachtfelde zum Unteroffizier avancirte. „Ach,! theure Eltern, sagte er, das Schwerste, was ich in diesem Kriege durchzumachen hatte, war im Anfang, mich daran zu gewöhnen — und es ging so allen meinen Eamcraden — auf Menschen wie auf wilde Thiere loszuschicßen und loszuhauen, und ihnen Wunden und Tod beizubringen, ih^en. die uns doch persönlich nichts zu Leide gethan, die wir nicht kannten und nicht haßten. Mit dem Schießen von ferne her ging es noch; man wußte nicht und sah kaum, was man angerichtet. Aber wie es zum ersten Dürle zum Handgemenge kam, und man plötzlich einem fremden Menschen ins Angesicht sah. und sein Auge uns traf, und man sollte nun Kolben oder Bavonett aus den gestruden Leib richten, ihn zu verderben — die Faust zitterte— man schwindelte — aber es galt, es geschah, und von da ab gewöhnte man sich daran. Nieder stützte der Gegner und sofort ging es auf einen Anders los . . Ein Grauen erfüllte das Auge der M«tter: der Vater schüttelte das Haupt, sprach aber: „Lqß gut sein. Jakob, sprechen wir am heiligen Feste von solchen bösen Dingen nicht. Wir alle stehen im Krieg wie im Frieden im Dienste dcffen, wozu uns Gott beruft in seiner Weisheit. Mag es ihm gefallen, bald das Wort seines Propheten zu erfüllen, daß die' Völker nicht mehr den Krieg erlernen. Nun wirst doch auch Tu. mein Jakob, dein Schwert wieder in eine Scrjse umschmieden, und dein früheres Geschäft wieder beginnen können'?"— „Ich hoffe es. theurer Vater, antwortete der junge Mann; ich habe zwar nur Urlaub, denke aber, daß ich auf Grund der schweren Verwundung, die ich in dem Gefecht bei B. empfangen, und die Gott sei Dank! so schnell geheilt, meine Entlassung erhalten werde. Tann Ade, Kriegskleid und Waffen, ich nehme die Elle und die Waage wieder in die Hand und verbleibe bei Vater und Mutter!" — — In der Parterrchtube eines kleinen Hauses war eine Frau, noch jung und die Spuren einer nicht ganz verblühenden Frische und Schönheit zeigend, lebbaft beschäftigt. die letzte-Hand an das Aufräumen und Aufputzen des Zimmerchens zu legen. Auch hier stand ein weißgedeckter Tisch mit zwei Lichtern, dennoch aber verrieth die ganze Umgebung, daß. wenn ein gewisser Wohlstand früher hier geweilt, er bereits seinen Abmarsch angetreten. Manches Geräch erwies, daß hier bessere Tage gesehen worden, die unabweisliche Roth aber hatte Vieles entfernt, was veräußert oder in das Pfandhaus gebracht werden mußte. An dem Tische saßen zwei reinlich gekleidete Kinder, ein sechsjähriger Knabe und ein vierjähriges Mädchen, die in einem großen Gebetbuche, einem i