Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 36 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
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143 durch die furchtbaren Ohrfeigen, die er, sehr selten, dann aber urplötzlich und höchst energisch auszutheilen verstand, einflößte. Er gehört zu den verehrtesten Gestalten aus meiner Kindheit, da er die Beweise seiner Menschenfreundlichkeit meiner Familie, als der eineverewigten Freundes, thatsächlich zukommen ließ. Aber was für ein Lehrer war er! Er gab uns die Grammatik von Heinsius in die Hand, und diese lernten wir in einem drei bis vierjährigen Cursus auswendig, sicher, daß wir auf der 40. Seite bereits die ersten 20 gänzlich wieder vergesien hatten. An Aussätze war höchstens ein Mal im Jahre zu denken. Ich erinnere mich daraus nur, daß wir, als ich in die 2. Klasse kam — etwa zehn Jahre alt — gerade bei der Metrik hielten, wo wir alle möglichen „Füße" auswendig lernten, dabei aber selbst Versuche machen sollten, die aber außer mir Niemandem glückten; worauf meine Kameraden sehr stolz waren, daß sie doch einen Poeten' in ihrer Mitte hätten. Derselbe Lehrer, um dies gleich hier mitzunehmen, unterrichtete uns auch in Geschichte und Geographie. Man wird schnell begreifen, wie dies geschah, wenn ich erwähne, daß, als ich in die Klaffe kam, man gerade vor dem Interregnum im deutschen Reiche stand, und nach drei Jahren richtig noch nicht bis zum Tode von Rudolf von Habsburg gekommen war. In der Geographie war es bester. Unser Conrektor war ein Freund der Astronomie und hielt sich daher gern beider physikalischen Geographie auf, die er für uns höchst intereffant zu machen verstand. Allerdings mochte er auch hier eigentlich mehr voraussetzen, als wir leisten konnten. Mir kam es zustatten, daß ich zu Hause bei meinem älteren Bruder schon die Elemente der Mathematik durchgenommen, und ich erinnere mich mit Vergnügen, welches Erstaunen ich bei mir selbst, bei dem Lehrer und meinen Kameraden erweckte, als ich den mathematischen Beweis der Gradmeffung, den der Eonrektor weitläufig mit den nöthigen Figuren an der Tafel geführt hatte, wirklich begriff und in der nächsten Stunde nachzuführen vermochte. In der polüischen Geographie gab er uns eine hübsche Uebersicht, die haften blieb, dann aber verfiel er wieder in seinen Specialkram, wir lernten die Städte, ihre Einwohnerzahl, die Fabriken und Merkwürdigkeitenauswendig, um sie von einem Lande zum andern wieder zu vergessen. Hierbei kam es uns zustatten, daß der Conrektor sehr schlecht sah, so daß das „Absehen oder Abschießen" allgemein Sitte war. und wir unfern kindlichen Scharfsinn in heiterem Spiel wetzten, um Zeichen und Zettel aller Art zu erfinden, die unserer Gedächtnißnoth zur Hülfe kommen sollten. Kehren wir aber zum Deutschen zurück. In der 1. Klaffe hatten wir noch einen besonderen Lehrer für Stylübung. . Dieser Mann hatte aber die Gewohnheit meist erst ein Viertel vor Schluß der Stunde anzukommen, und dann diktirte er uns einen kurzen Brief der gewöhnlichsten Art, ein Freund meldet dem andern seine baldige Ankunft, ein Sohn schickt dem Vater eine Tabakspfeife zum Geschenk u. dgl. m. Das war der Unterricht im deutschen Styl! Und war dies Alles? Gab es außer diesen dürren und unfruchtbaren Unterrichtsmomentcn in der Muttersprache gar kein anderes^ das zu beleben und zu bilden vermochte? Doch. Wrr hatten einen Schreibclehrer, einen ausgezeichneten Kalligraphen, es war dies eine der bestversorgten Seüen. unsrer Schule, die Schüler gewannen eine vortreffliche Handschrift. Allerdings bestand sein^ Unterricht im Liniiren der Bücher und der AuStheilung von im selbst geschriebener, vortrefflicher Dorlegeblätter. Diese- Geschäft, mit Hülfe einiger Schüler ausgeführt, füllte nur einen kleinen Theil der Stunde. Dann, während wir emsig die Buchstaben nachmalten, nahm er ein Buch zur Hand und las vor. Er las wunderschön, mit herrlichem Organ, fließend und richtig betonend, ohne allen Pathos, und las sehr gern. Ebenso angemessen war seine Auswahl; nicht fade Kinder- und Jugendgeschichten. Er las die Erzählungen von Van der Velde, Undine und andere gute'Novellen von De la Motte Fouque, ausgewählte Stücke von JeaniPaul, Schiller u. dgl. Wie lauschten wir diesen köstlichen Tönen und Worten! Wie erfrischten und belebten unS diese Stunden nach so vieler ermüdender Langeweile. Zum Glücke hatte dieser Lehrer auch die Pflicht, andere Lehrer bei vorkommendem Ausfälle zu ersetzen, so daß diese Vorlesungen rechtt häufig waren. Wir hatten in ihnen einen ^praktischen Kursus der deutschen Literatur und gewannen Geschma^an der Lectüre. Es ergriff uns eine wahre Lesewuth, und da damals die Bücher in i den Familien noch nicht zu häufig waren, wurde der! Austausch dessen, was wir hatten, aufs Eifrigste unter j uns getrieben. Auf diese Weise ergänzten wir auch viele! Lücken, die der Unterricht z. B. in der Geschichte ließ, s Der Bredow z. B. ging von Hand zu Hand und wurde immer und immer wieder gelesen. Wir wurden dadurch mit den schönsten Geschichten der Geschichte genau, bekannt. Dieser Schreibelehrer war der gemüthlichste Mensch von der Welt und wir liebten ihn gar sehr. Glücklich war der, den er beaufttagte, ihm ein Butterbrod vom Hause in die Stunde zu holen, einen Liqueur vom nächsten Kaufmann, eine Taffe Kaffee Nachmittags. Er brachte auch wohl eine große Düte Bretzeln dazu mit, und wer am besten geschrieben, bekam ein paar ab. Wir hätten nun nur noch das Rechnen zu erwähnen. Der Lehrer und sein Unterricht in dieser unentbehrlichen Kunst waren eigener Art; derselbe, der uns den Ursprung der Sprache so anschaulich gemacht. Aber! er machte uns, Alle, ohne Ausnahme, zu den besten praktischen Rechnern von der Welt. Und worin bestand sein Unterricht? Von einer Erklärung der Rechnungsarten war niemals die Rede. Wenn er von einer zur andern überging, zeigte er uns zwei, drei Beispiele an der Tafel. Dann diktirte er sofort Exempel, die wir nach der gegebenen Analogie ausrechnen mußten, erst leichte und einfache, dann immer verwickeltere und schwierigere. So ging es Monate lang fort, bis wir die Rechnungsart vollständig inne hatten. Dann ging er zu einer ändern über. Z. B. die Kettenrechnung. Er begann: Eine^Krite ist Folgendes Es hat Jemand 12 L. St. in London zu bezahlen, hat aber Friedrichsd'or; der L. St. kostet 6*/* Thlr., der Friedrichsd'or 5*/j Thlr., wie viel Friedrichsd'or hat er zu bezahlen? Dann schrieb er die Formel an die Tafel und rechnete sie uns vor. Das ist die Kette. Nach diesem Beispiele mußten wir nun zahllose Exempel rechnen. Richtigkeit und Schnelligkeit wurden gefordert, und hiernach die Plätze in. der Klasse r