Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 36 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Liter Hemer Rabbiner von großer Gelehrsamkeit und noch größerer Gutmüthigkeit mir einer mächtigen Brille auf der Nase und einem noch mächtigeren dreieckigen Huteauf dem Kopfe. Er hielt einen großen Rohrstock in der Hand, aber wir fürchteten uns gar nicht vor diesem, denn der Stock wurde nur zum Schlagen auf oen Tisch und zum Stoßen auf den Boden gebraucht Es war daher in seinen Lectionen stets ein furchtbarer Skandal und der Schulprofoß mußte in jeder Stunde ein paar Mal erscheinen, um für einen Augenblick die Ruhe herzustellen. Wir trugen aber Sorge, daß der kleine Rabbi niemals wußte, wer den Lärmen verursacht, und er war viel zu gutmüthig, um ein Exempel, sei es auch an einem weniger Schuldigen zu statuiren. Der Mann war ein überkommenes Erbstück der Schule aus einer Winkelschule, das ste nicht los werden konnte. Dabei gehörte er durch seine rabbinische Gelehrsamkeit zum Renommee der Schule. In den höheren Klaffen unterrichtete er Raschi und Schulchan Äruch, und da hatte er immer fünf oder sechs Schüler, mit denen er sich beschäftigte, weil sie ihm zuhörten, während die anderen ihre Spiele trieben. Ich könnte da viele ergötzliche Scenen erzählen; aber das gehört nicht zu meinem Zwecke. Eine einzige Waffe hatte der alte Mann, Knittelreime, die er improvisirte, und die ein schallendes Gelächter hervorriefen, welches ihm sehr schmeichelte. Er entwaffnete dadurch die wilden Schüler und sich selbst. Nach einem solchen Reime, der weder zart noch geschmackvoll war, kehrten wir auf einige Minuten zu der Uebersetzung der h. Schrift Wort um Wort zurück. Waren wir des Unterrichtes müde, so liefen Einige zum Fenster, machten bedenkliche Mienen und sagten, es stiege ein Gewitter auf. Wir waren dann gewiß, daß das Männchen, von der thörichtesten Furcht vor Gewittern beherrscht, die Lection beendete und nach Hause lief. In der dritten und zweiten Klaffe gingen wir zu den übrigen Büchern der h. Schrift über, von einem tüchtigeren Lehrer unterrichtet, aber eben so mechanisch. Hier begannen wir auch schriftliche Uebersetzungen in das Hebräische. Da wir der grammatikalischen Unterweisung gänzlich ermangelten, ergänzte der Lehrer dies, indem er das deutsche Thema nach dem hebräischen Genus, Numerus u. s. w. dictirte. Z. B. Der Schlange kam aus dem Garten, um uns bemerklich zu machen, daß Nachasch männlichen Geschlechts ist. Dagegen wirkte in der zweiten und ersten Klaffe ein Lehrer bedeutend auf uns, indem er uns Weffely's unsterbliche Schirr Thiphereth vorlas, die wir auch bei unsrer großen Uebung im Uebersetzen bei dem Dorlesen gut verstanden. In dieser Klaffe wurde auch die Mischna geehrt. Ich besuchte die Schule bis etwas aber das 13te Lebensjahr hinaus, und ging nach einjährigem Besuche der ersten Klaffe ab. Was die übrigen. Theile des Religionsunterrichtes betraf, so waren sie sehr kläglich beschaffen. Von dem Gebetübersetzungslehrer wurden wir in der vierten Klaffe über die Feste und Fasten,, natürlich nur über die Aeußerlichkeiten belehrt; biblische und israelitische Geschichte warunbekannt, Religionslehre unbekannt. In der ersten Klaffe wurde uns ein Confirmandenheft diktirt. das wir auswendig lernten; hierauf wurden wir coni firmirt. —; Man wird zugebm, daß bei all der Mangelhaftigkeit dieses Unterrichts doch ein ganz tüchtiges Ziel erreicht wurde. Denn wenn Knaben von 13—15 Jahren mit der Mischnah bekannt, im Schulchan Aruch nicht fremd, in der ganzen Bibel überall vertraut und im Raschi bewandert sind, kann dies keine unrühmliche Lösung der.Schulaufgabe genannt werden. Ungefähr so war es auch mit den anderen Sprachen. Das Französische lehrte ein ernster, emsiger Mann, der vor einigen Jahren im hohen Alter verstorbene S. Louis, bekannt als Verfaffer ftanzösischer und englischer Schulbücher und als Herausgeber französischer Bühnenstücke, von der Regierung mit dem Profeffortitel geschmückt, ein Mann ohne geistigen Schwung, aber von einer unermüdlichen Lehrerlreue. Er lehrte uns die Elemente der Grammatik bis zu den unregelmäßigen Verben (einschließlich), weiter nicht. Der übrige Theil des Unterrichts gehörte der Lectüre, dann und wann einer Uebersetzung aus dem Deutschen. Die j Lectüre aber bestand in allen Klaffen im Charles XII. : von Voltaire — höchstens noch in der ersten Klaffe | Athalie von Racine. So circa fünfJahre auf das lang-! same Vorwärtsgehen in einem für die Jugend wenig! intereffanten Geschichtsbuche, war sicher ermüdend, und | doch wurden wir so geübt, daß wenige Schüler abgingen, | die nicht für das ganze Leben der französischen Lectüre I mächtig geworden. Mit dem Schreiben und Sprechen I war cs ein Anderes, das verblieb späterer Aneigung. I War so der französische Unterricht regelmäßig, aber pedantisch, so war er in der deutschen Sprache nicht regelwidrig, sondern regellos. Wie wir orthographisch schreiben lernten, erinnere ich mich nicht mehr. Don der 3. Klaffe an sollte deutsche Grammatik gelehrt werden. Der Lehrer begann den Unterricht mit dem Satze, daß die Sprache eine Nachahmung von Naiur> lauten sei. Adam habe den Blitz zischend herunterfahren sehen, habe „Jtz" gerufen, daraus entstand Blitz. Mit dem „Uh" des Rindes sei die Benennung Kuh entstanden. Adam sah Eva, umarmte sie und rief „ie, ieb" — lieb, liebe, lieben. Er stand nicht an, durch das Zimmer zu tanzen, auf das Scharren der Stiefel auf dem Boden aufmerksam zu machen, und daraus das Wort tanzen zu erklären. Auf die naive Frage eines Knaben, ob denn Adam deutsch gesprochen, antwortete er: „dummer Junge, jede Sprache hat ihren Adam gehabt." Dieser Scharfsinn verdutzte uns und machte unsre Zweifel verstummen. Im Gegentheil ward es eine Zeit lang ein beliebtes Spiel unter uns, ähnliche Proben der Worterklärung zu Tage zu bringen. Mit dieser Erklärung des Ursprungs der Sprache hatte der grammatische Unterricht seinen Anfang, aber auch sein Ende. Es wurden nur noch Aufsätze diktirt und gemacht, aber — nicht korrigirt. Don Zeit zu Zeit nahm der Lehrer unsre Bücher mit nach Hause, um sie zu korrigiren, und sie kehrten niemals wieder in unsre Hände zurück. Run, großen Schaden hatten wir daran nicht, denn damals wurden die Schreibehefte von den Hausfrauen aus einigm Bogen zusammengenäht. In der zweiten Klaffe war der Lehrer der deutschen Sprache ein Conrektor des Gymnasiums, ein sehr gelehrter, als Schriftsteller damals rühmlich bekannter, höchst menschenfreundlicher Mann, der uns den größten Respekt durch den Nimbus, der ihn umgab, und