Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 36 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolkMatt. Zur | •Belcörnnq uni) Unterhaltung aut Mdischem Hekiete. Herau-grgeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. ^No. 36 1866.] men dir)er AetriLriit erlArint wSche»Utch eis« Nummer. Pretl «aug« 1 Tdir. mierreliidrig 7 % Agr. «He «u»banvl,»ge,. »uv Ae«ru»s<er»«dirivur» «ebmeu Veftelluuqe» »»- es Mt« >vftS»rer [13. Aadrg. 3. Quartal. Aus der Schule. Erinnerungen. (Fortsetzung.) Meine Erfahrung hat mich in mehreren Beispielen gelehrt, daß die Wirklichkeit bisweilen allen theoretischen Voraussetzungen zum Trotze Resultate liefert, welche jenen ganz widersprechen. Nicht als ob darum die Theorie irrig sei, als vielmehr weil noch ein lebendiger Faktor vorhanden und wirksam war, den jene Voraussetzungen nicht enthielten. Ganz besonders ist dies in der Pädagogik der Fall. Wer wäre nicht von den Vorzügen, ja von der Unentbehrlichkeit eines methodischen, eines richtig methodischen Unterrichtes überzeugt? Nun, von methodischem Unterrichte war in unserer Schule sehr wenig vorhanden, und doch hatte sie in unserer Schulgeneration die besten Erfolge. Bis zu einem kleinen Bruchtheile gingen die Schüler aus ihr wohlunterrichtet hervor, Mehrere für wissenschaftliche Ausbildung b-eifert, Viele für das praktische Leben befähigt. Sie haben sich bis auf eine geringe Ausnahme über alle Theile der Welt zerstreut; denn meine Vaterstadt bot für eine strebsame Jugend einen schmalen Boden, und die meisten von ihnen sind in ihren Berufsarten zu gutem Ziele gekommen. . Es ist fern von mir, hiermit einen Beweis gegen die Notwendigkeit der Methodik liefern zu wollen; nur ausnahmsweise wird es gelingen ohne sie in unsrer Zeit hinlängliche Erfolge zu erzielen. Aber es kommt darauf an, ob der Unterricht eine anregende, belebende Art hat, und sich glücklicherweise ein gutes Unterrichtsmaterial in der momentanen Schulgeneration vorfindet. Der Landmann zieht seine Furchen in fruchtbarem und unfruchtbarem Boden; aber letzterem kann er dennoch nur wenige Früchte abgewinnen, während der erster« auch ohne regelmäßige Bearbeitung keine schlechte Ernte gewährt. Ich möchte niemals ohne Methodik experimentiren; aber unter Umständen kann auch ohne dieselbe Vieles gewirkt werden. Allerdings war ein Schulplan da, und jede Klaffe hatte ihr Pensum; innerhalb dessen aber wurde immer frisch aber regellos fortgearbeitet. Woher dies kam? Der jüdische Ährerstand war vom Beginne der Schule an ein autodidaktischer, d. h. die Lehrer hatten sich selbst gebildet, keine regelmäßige Schule besucht, ihr Wissen und ihre Lehrweise sich selbst geschaffen. Bei solchen zweite Lehrergesch von dem ersteren Alter und Abnutz Autodidaktm ist stets das erste Geschlecht ein außerordentlich begabtes, das mit großem Scharfsinn über seinen Beruf nachgedacht hat, neue Wege beschrn'tet, und diese mit Eifer verfolgt. Wäre dies nicht der Fall, so würden sie in ihrem neuen Berufe gar nicht erstanden sein. Sie haben den jüdischen Lehrerstand der neueren Zeit geschaffen. Mit den» -weiten Geschlecht« ist es ein anderes. Sie lehnen sich ak das erstere an, wählen ihren Beruf, weil er schon vorhanden, die Strebsamkeit, der Eifer, die Geisteskraft sind! schwächer. Diese Autodidakten des zweiten Geschlechts find ohne Methode und von geringerem Gehalte. Als ich in die Schule kam, war bereitdas echt in Thätigkeit getreten, oder was noch übrig war, hatte bereitdurch mg der Kräfte seine Energie verloren. So kam es, da r wir ohne alle Methode unterrichtet wurden. Aber noch immer war ein frischer und anregender Geist lebendig, der unsre geistige Entfaltung zu fördern im Stande war. Gehen wir einmal di« Unterrichtsgegenstände etwas durch. Dm Vordergrund nahm selbstverständlich das Hebräische ein. Es wurde viele Zeit darauf verwendet. Aber von einem grammatikalischen Unterrichte und von einem methodischen Stufcngange war nicht die Rede. Ich war fünf Jahre alt, als ich in die fünfte Klaffe eintrat. Hier lernte man lesen, und das ging sehr rasch, weil man zu Hause zum Ablesen der. Gebete angehalten wurde, und die Synagoge regelmäßig am Sabbath besuchte. In der vierten Klasse wurden schon die Gebete und der Pentateuch zu übersetzen angefangen. DaS Gebetbuch wurde von Anfängenzu Ende durchgegangen. In welchen Theil der Schüler gerade hineinkam, war gleichgültig, denn in ihnen wie im Pentateuch« wurde vom Lehrer mechanisch vorüberseht und zwar nach bester deutscher Uebersetzung von Fnedländer und Mendelssohn, und vom Schüler nach übersetzt. Offen gestanden, unsre Lehrer in dieser Klaffe verstanden dieses deutsch nicht, man kann sich denken, wie viel wir verstanden. Ich erinnere mich deutlich, daß ich gerade mitten in dagroße Halle! hineinkam, und welche Mühe undas Min Hamezar kostete, da wir allesammt Lehrer, wie Schüler den Sinn auch nicht im Entferntesten faßten, und bei den Worten „Wie Bienenschwärme und lodemdeS Dornenfeuer" es in unsrem Munde und unsrem. Kopfe wie Bienen summte und wie Feuer knisterte. ES dauerte lange, bis wir die Bienen nicht lodern und da- Feuer nicht schwärmen ließen. Unser Pentateuchlehrer war ein