Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 35 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
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139 gehemmt über den Rhein in die endlose grüne Fläche voller Windmühlen und Dörfer schweifen konnte; es wandelte sich so anmuthig auf dem weißglänzenden Kies der Gänge zwischen den achteckigen, zierlich mit 'Buchsbaum eingefaßten Beeten, auf denen bunte Steine, schön bemalte Porzellanscherben lustig in der Sonne glitzerten, niedrige Baumgruppen, bald zu Schiffen, Tonnen oder phantastischen Gestalten seltsam verschnitten, den Blick seffelten. Im Mai dieses Jahres hatte die Prin-k zessin gegen den Rathsherrn den Wunsch ausgesprochen, ihren Geburtstag in seiner lieblichen Villa feiern zu mögen. Der stolze Patrizier fühlte sich dadurch nicht wenig geschmeichelt und traf die großartigsten Anstalten; I er wollte dem Hofe zeigen, was ein Amsterdamer Schöppe > vermöge. Um den hohen Gast durch eine ganz außerordentliche Ueberraschung zu erfreuen, hatte er auch die. jüdische Oper eingeladen. Am Morgen des festlichen! Tages erschien das schöne, mit Gold und Malerei reich! rerzierte Jagdschiff des Senators, und führte die Sänger und das Orchester an den Ort ihrer Bestimmung. Dort! fanden sie Alles auf das zweckmäßigste für eine Vor-! stellung eingerichtet, reichlichen, mit gehörigem Comfort; ausgestatteten Gelaß für ihre Personen. auch waren * Maßregeln getroffen, daß sie eine flüchtige Vorprobe; ohne Störung und unbemerkt abhalten konnten. Viele Herren vom Hofe, die ganze Generalität, die vornehmsten Patrizier hatten sich mit ihren Familien eingestellt. Nach dem Diner bat der Hausherr die Prinzessin, seine Orangerie in Augenschein nehmen zu wollen, er habe kürzlich gar schöne und völlig unbekannte Gewächse erhalten. Die Fürstin bot ihm den Arm; der Rath führte seine Gäste durch mehrere, reich im holländischen Geschmack decorirte Zimmer, als plötzlich ein feenhafter Anblick sie zu einem unwillkürlichen Ausruf des Erstaunens veranlaßte. An die geöffneten Flügelthüren des letzten Salons schloß sich eine Allee von blühenden, mit ’ goldenen Früchten beladenen Orangenbäumen, deren Bej hälter durch einen Besatz der herrlichsten Blumen kunstreich verdeckt waren. Sie führte aus einen freieil Raum, wo Seffel reihenweise aufgestellt waren. Im Hintergründe trat aus Blüthen und Grün exotischer Bäume. anmuthig eine zwar kleine, aber sehr geschmackvolle Bühne hervor. Farbige Lampen glühten unter Zweigen und Blättern und verbreiteten ein magisches Licht. Als die Prinzessin in die Allee trat, wurde sie durch einen Tusch von Trompeten und Pauken begrüßt; das unsichtbare Orchester stimmte darauf das Prinzenlied „Wilhelm von Raffau" an, und fiel, sobald die Versammlung Platz genommen, in die Ouvertüre der „schönen Müllerin" ein; der Vorhang rollte auf, und die Vorstellung führte in diesem Werke der entzückten Fürstin ihre Lieblingsoper vor. Die hohe Frau konnte ihrem Gastgeber für diesen unerwarteten Genuß nicht genug danken; sie ließ sich am Schluß der Aufführung die Künstler vorstellen, sagte Allen etwas Schmeichelhaftes über die Leistungen und lud sie sogar — ein unerhörter Fall in dm Annalen der Amsterdamer Etiquette — zu dem großen Ball ein, welcher dm Abmd beschließen sollte. Einem jedm der jüdischen Sänger ward die Ehre zu Theil, mit der Prinzessin eine Menuet zu tanzen, und die Damm i hatten sich nicht über die Herren Generale zu beklagen. | Nach einem auserlesenen Souper in der Orangerie kehrten die Künstler, überhäuft mit Ehren und Geschmken, auf demselbm Schiffe nach der Stadt zurück. Mit diesem 2^rge war die Gesellschaft in den Zenith ihrer Laufbahn gatteten; sie erwetterte das Personal um mehrere Mitglieder, bei deren Wahl, wie früher, daS confefsionelle Bekestntniß und der sittliche Charakter der Personen strmg sn Rücksicht genommen wurden. Ein neuer Tmor, Nathan van Kleef, that sich unter diesen in Nebmrollm durch eine schöne Stimme vortheilhast hervor, und eine bisher noch unbekannte Sopransängerin Pipie Polack erregte für das Fach der Soubrette große Hoffnungen. Auch der Chor wurde verhältnißmäßig bedeutend verstärkt »nd so konnte im nächsten Winter das damals berühmte ‘ Effectstück „Paul und Lirginie" mit der Musik von Kreuzer in glänzendster Ausstattung erfolgreich über die! Bühne gehen. Nun setzte man auch zum erstenmale ddn Fuß über die Grenzen des Singspiels und zog das recitirende Schauspiel in das Repertoire. Don jetzt an verlischt alle Kunde von dieser merkwürdigen Erscheinung. Wol mochten ihr, wie manchem Kunstunternehmen, die hereinbrechmden stürmischen Zeitm den Untergang gebracht haben. Ohne das Geräusch der Rcclame war die Gesellschaft ins Leben getretm, still und mit anspruchsloser Bescheidenheit hatte sie sich ausgebildet, ebenso still ist sie abgetreten.. und verschollen. In den letzten Jahren umfaßte ihr Repertoire nahe an 50 Opern und enthielt das Beste, was Deutsche, Franzosen und Italiener damals in der Gattung des SingspuM geschaffen hatten. Der Umstand, daß sämmtliche MWlieder des Personals unverheirathet warm, läßt auf ein dahin deutmdeS Gesetz in den Statuten de- Theaters schließen; es scheint, als l fürchteten die Künstler, ihr Streben durch die Bande Xmd Pflichten der Familie zu beeinträchtigen. Eö war nur eine kleine, schlichte Judengesellschaft, aber ^n Anbetracht-der Wirksamkeit dürft; manche hoch subv^ntionirte Hofbühne vor ihr beschämt zurücktreten, denn diese Judm haben dem stolzesten Patriziat Achtung vor dem Künstlerstande abgenöthigt, dem indifferentesten Kaufmannspublicum Geschmack an dm Gebildm eines Mozart eingeflößt. E. S ch e l l e. Aus der Schulej Erinnerungen. Jetzt ruhen si^ alle in ihren Gräbern, die immer verehrten Lehrer meiner Kindheit. Obgleich einige derselben ein hohes Hreisenalter erreichten, sind jetzt bereits Alle heimgeganger, .und erinnern so, daß abermals ein ganzes Geschlecht >en Platz auf diesem Erdball geräumt hat, und wir se bst eine nachrückende Gmerativn vor uns haben, vor der wir Jahr um Jahr zurückweichen. Sie ruhen in ihren Gräbern — aber in stillen Stunden der Beschaulichkeit, oder wenn sonst die Erinnerung in die Zeit der Kindheit zurückzuschweifen veranlaßt ist — dann schütteln ihre Gestalten leicht dm deckenden Rasen ab, und ttetm vor das Auge des Geistes. Aber^ sie haben dann NichtjS an sich, was an den Tod erinnert. Sie sind erstanden vor mir, mit vollem Lebm bmleidet; ich höre ihre Stimme, ich sehe ihre Geberdm, und die