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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 35 (1866) · p. Seite 138

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
35 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 138 (sequence 2)
Language
German
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138 mit den Musikern aufgelöst und diesen ein stehendes Honorar bezahlt, während sie früher gleichen Antheil an der Einnahme gehabt hatten. Zu gleicher Zeit erbot. - sich ein gewisier Senator, ein kunsterfahrener, gesetzkundiger Glaubensgenosse. statt jener Eommiffarien die Gcsammtverwaltung des Theaters zu übernehmen, und seinem uneigennützigen, einsichtsvollenWirken Verdanktedasselbe die , - Begründung seines glücklichen Fortgangs. Er wußte dieGe- > scllschaft allmälich auf.einen regelmäßigen theatralischen Fuß zu stellen und die dilettanrenhaften Formen ihresblsherigen , Verbandes zu einem kunstgerechten Organismus umzugej stalten. 2o begannen die Alitglieder nach dem Charakter ihrer Fähigkeiten sich für bestimmte Fächer zu specialisiren, ihre Üebungen und Proben mit System anzuordnen und zu behandeln. In dieser Weise wurde für die neue Saison „Nina" von Dalairac mit größter Sorgfalt und eingehendstem Fleiße eingeübt. Ein ungemeiner Erfolg der Vorstellung bekundete den Werth der leitenden Hand. Der Beifall, den die Künstler ernteten, überstieg Alles, was bisher bei ähnlichen Gelegenheiten in Amsterdam geleistet war. Die ehrsamen, phlegmatischen Kaufherren geriethen in ein verdächtiges Feuer, sie applaudirten mit kernhasten, weitschallenden Schlägen, und die sonst hier so ruhige, besonnene schöne Welt arbeitete mit den weißen Händchen wacker drein. Die Gesellschaft hatte ein Wunder vollbracht; das Amsterdamer Publicum war rbatiachlich in eine Art von Enthusiasmus versetzt. „Nina" hatte das Glück des jüdischen Theaters gemacht: so oft das Singspiel angekündigt erschien, fand sich schon am Vormittag das Haps ausverkauft. Außer den materiellen Vortheilen übte dieses Ergebnis auch noch einen wohlthän'gen Einfluß auf die Mitglieder selbst aus. Sie hatten jetzt ihre Kräfte erkennen und abschätzen gelernt; von dieser Epoche an traten neue unverhältnißmäßige Fortschritte hervor. Das Repertoire wurde. erweitert und abgerundet, die Anlagen des Ganzen auf eine größere Entfaltung^ angelegt. Das musterhafte, sittliche Verhalten der Künstler in ihrem Verkehr mir der Welt trug dazu bei, die guten Eindrücke zu befestigen, und die Anstalt in den Augen des Vublicums zu heben. Die Vorschriften der Religion > wurden auks strengste beobachtet. und in den Wochen ' der Beistunde die Vorstellungen eingestellt. Die Sänger trugen in ihrem Gebühren keine geniale Liederlichkeit zur Schau, man fand sie nicht als Stammgäste in den Kneiven: ne dielten vielmehr ihre Einnahmen sorgfältig zu Rarbe, und führten einen durchaus unbescholtenen Lebenswandel. Noch weniger konnte man den Damen etwas Uebles nachsagen. Die dunklen Augen der Schnitzler und *die vollen weißen Arme der munteren Fratric hatten zwar manchem parrizischen Jünger des Mercur Ls dermaßen angethan, daß er vermittelst schwer wiegender Anträge ein trautes heimliches Berhältniß anzuknüpfen versuchte; allein die Künstlerinnen verstanden in solchen Fällen die Gluth der Liebhaber auf derb holländisch zu löschen, und hatten dadurch ähnlichen Raubrittern ein für allemal de.i Mutb zu Angriffen auf ihre weibliche Tugend benommen. Die Gesellschaft bestand um diese Zeit aus sechs Sängerinnen, von denen vier für Charakter- und Nebenrollen bestimmt waren, aus drei Tenoren und Bassisten. einem Chor von sechs männlichen und ebensoviel weib-! lichen Mitgliedern; dazu kamen noch ein Orchester von; ungefähr 30 Musikern mit dem Dirigenten, der Administrator Senator, der Director Ezechiel und ein Souffleur Orgel Moses. Dank der umsichtigen Verwaltung war die Garderobe zweckmäßig ergänzt und vervielfältigt, eine stattliche Lpernbibliothek gesammelt worden, und neue Dekorationen standen schon für die nächste Saison bereit. Nach langem Mühen hatte der Administrator einen schöneren, obschon für den Zulauf nicht ausreichenden Thcatersaal erlangt. Hier begannen die Winter-Vorstellungen mit dem „Doctor und Apotheker" von Dittersdorf. Dieses Singspiel verdunkelte die arme „Nina" gänzlich und schlug so durch, daß man sich an ein Abonnement suspenäu, oder wie es damals genannt wurde, ein Ertra-Collega wagen durste. Neuigkeiten folgten jetzt auf Neuigkeiten. Äon Tag zu Tag verbreitete sich der Ruf der Juden-Oper; noch in demselben Jahre wurde sic nach dem Haag berufen, um die Geburtstagsfeier des Erbstatthalters durch ihre Vorstellungen zu erhöhen. Schmeichelhafte Einladungen von den Magistraten verschiedener großer Städte ließen ebenfalls nicht lange auf stcb warten, und dabei verfehlte die Truppe fast nie, neben den alten Sachen etwas Neues milzubringen. So war unter steigendem Wohlstände, und Ruhme das Jahr 1703 herangenaht, welches den ersten Schatten auf das Glück dieser Unternehmung werfen sollte. Was man längst befürchtet hatte, wurde zur Thalsache: schon in den ersten Monaten brach der Krieg mit der Republik Frankreich aus. Auf Befehl der Obrigkeit mußten jetzt alle Theater geschloffen werden, denn nicht weltliche Belustigungen, sondern Buße und Gebet ziemte sich für eine Zeit solcher Prüfungen, so predigten die Domino. .Bald indeß schwand die Gefahr, und mit ihr die Ursachen des Verbots: dennoch durften die Theater nicht geöffnet werden. Die französische Operette löste sich auf, die deutsche Gesellschaft hatte sich schon längst verabschiedet; das holländische National-Theater aber gab im Sommer von vornherein keine Vorstellungen. Auf ein Gesuch des Direktors gestattete endlich der Bürgermeister ausnahmsweise und gewiffcrmaßen als Beweis der Achtung den jüdischen Operisten, ihre Thatigkeit wieder zu beginnen, doch mit der Einschränkung, daß nur alle vierzehn Tage gespielt würde. Desto größer war der Zudrang des Publicums. In dieser Zeit entfaltete die Truppe eine ungemeine Vielseitigkeit, und führte neben dem „Gutsherrn" von Dittersdorf, der „schönen Müllerin" von Paisiello, dem „Talisman" von Salieri und vielen anderen Neuigkeiten den Holländern zum erstcmnale die Blüchen deutscher Kunst in „Figaro's Hochzeit", „der Entführung" und „So machen es Alle" von Mozart mit größtem Erfolge vor. Die höchste Stufe der Ehre sollte aber im nächsten Jahre erstiegen werden. Der Rath und Schöppe von Amsterdam, Mynheer Harzeele, einer der reichsten Patriziers besaß acht Stunden von der Stadt im Dorfe Alsen am Rhein einen prächtigen, reizend gelegenen Landsitz. Dort pflegte die Prinzessin von Oranien, eine Freundin der Natur, zur Sommerszeit gern mit ihrem Besuche einzusprechen. Es saß sich da so schön in der duftigen Rosenlaube vor dem Gartensaale, von wo der Blick un-

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