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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 35 (1866) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
35 (1866)
Date
1866-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Lelehrunli unk) Unterhaltung aut jüdischem Hebiele. HerauSgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Philippson in Bonn. l^No. »5. 18«ti.) «o» dirter ZkUsidrUl ertansr ««beatti» er«» Stummer. Preil de«i2,dr» gang« I THIr. »ierregädri, 7 Ngr. Llle votdb-«bl,«ge». PoftLmrer und .-teiiuna«cxvedirio»e, «ebmen Veftellunge« a«. [13* Jnhrg. 3. Quartal. Eine Juden-Oper in Amsterdam 1784. Die Kunst hat ihre Anomalien wie die Natur. Wer hätte es sich träumen lassen, daß die Juden, denen man i:.\ vorigen Jahrhundert wenig Sinn und noch weniger Talent für die schönen Künste zutraute, schon damals als'Pionniere der Musik im Auslande austraten, und dazu in einer Stadt, welche nur das Geschäft schätzte, nur vollwichtige Ducaten und Harlemer Tulpenzwiebeln achtele, den deutschen Gesang zu Ehren b-ingen würden. Doch ist dies gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts in dem Babylon des Handels, in Amsterdam geschehen, zur selbigen Zeit, als es in Deutschland zum guten Tone gehörte, nur der italienischen Kunst zu huldigen. In den ersten Monaten des Frühlings 1784 hatte sich hier plötzlich das Gerücht verbreitet, eine hochdeutsche Opernvorstellung stehe im Werke, und zwar werde sie nicht von ausländischen Comödianten, wie das deutsche bestehende Theater und die französische Operette, sondern von einheimischen bekannten Persönlichkeiten jüdischer Abkunft chergestellt. Es verhieltsich wirklich so; mehrere junge Leute beiderlei Geschlechts, die. sich schon durch erfolgreiche Mitwirkung bei verschiedenen Concerten einen gewissen Ruf erworben hatten, waren zur Zeit des Purimfestes zusammengetreten, um zur Belustigung ihrer verschiedenen Gönner ein theatralisches Singspiel aufzuführen. Zu diesem Zwecke verbanden sie siw mit dm besten Musikern unter ihren Glaubensgenossen, wähltm und kauften den damals sehr in Mode stehenden „Deserteur" von Monsigny, mietheten ein entsprechendes Lokal und übten sich unter der Leitung eines erfahrenen Kenners, Haagener, ein. Der Saal war freilich' klein und schäbig; er stach gar sehr gegm die staatlichen Mynheeren nnd ihre von schwerem Goldschmuck strotzmden Myvrouwen ab, welche vornehm auf lederbeschlagenen Stühlm in den erstm Reihen saßm und stolz über die kleinen Geschäftsleute und Commis auf den Holzbünken hinter ihnm fortdlicktm. Auch die Dekorationen zeigten von langem Dimst und harter Behandlung; aber Spiel mtd Gesang schienen zu gefallen, denn die ernsten Mynheerm nicktm von Zeit zu Zeit behaglich mit dem Kopf und das bedeutet bei ihnen Beifall. Ja sie lächelten wohl freundlich, wmn die erste Sängerin und Liebhaberin, Louise Schnitzler, eine üppige schlanke Gestalt mit etwas scharfgeschnittenm orientalischm Gefichtszügm, ihrm Gesang anstimmte, und das wollte damals bei den Mynheerm viel besagen. Auch die sanfte Blondine Marcance und die dralle Fratric mit dem holländischen Stumpfnäschen, die letztere wie geschaffm für Kammer- und Bauernmädchen, gefielen dm würdigm Herren. Nicht weniger sagte der' erste Tmor Boas zu; ja die rundm Porzellan -Gesichlchen strahltm vor sichtbarer Wonne, wmn sich die Töne der „süßm israelitischen Stimme" vernehmen ließen, und manche junge Patri ierin fand, daß sich die etwas.schmächtige Figur des Säi gers gar interessant ausnehme. Der Bassist Abraham Selic imponirte durch sein kräftiges, volltönendes Organ, wie durch eine martialisch gedrungme Gestalt dergestalt, i aß der dicke Mynheer Swammerdam, einer der Amsterdamer Rothschilds, ganz laut sagte, bei dem Gesänge diese! Mannes werde ihm ganz feierlich zu Muthe, gerade als wenn der Domine in der Kirche predigte. Der zN eite Bassist Salomon Andreas und die beiden Seitente wre Jacob Dessau und Hoofie-machtm sich ebenfalls in hrm Rollen effektvoll geltmd. Kurz — die Gönner erklärt, n sich sehr zuftiedm, der Erfolg war mtschiedm; die Over mußte zweiundzwanzigmal hinter-— einander wiederholt werdm. Der Versuch war zu glücklich ausgefallen, als daß er nicht zur Wied,rholung gereizt hätte. Am nächsten Purimfeste vereinig:en sich wieder die Mitglieder und erneuertm mit dem Orchester dm altm Contract. Jetzt studirtm sie die Lper.Lemire und Azor" von Gretry ein und erregten ein noch größeres Aufsehen. Dasselbe Verfahren wiederholte sich am Purim des folgenden Jahres; zu den vongm .Sachm wurde noch der „Faßbin- und ein kleines Ausfüllungsstück welche die improvisirte Gesellschaften dm Tag legte, die Sorgfalt und der Ernst, mit deüi sie an die selbstgestellten Kunstaufder" von Champijn hinzugefügt. Die Ausdauer, ihrem Strebm an gabm ging, endlich die von ungewöhnlichem Talent und wahrer Liebe zur Siche zeugmdenLeistungm begannen jetzt seitms der Kmner eine höhere Aufmerksamkeit auf sich zu lmken; hatte ckan das Unternehmen bisher nur als ein glückliches Dileftantifirm beachtet, so nahm man sich jetzt der Kräfte mit Nachdruck an. Mehrere reiche, kunstliebende Patrizier vereinigten sich und zeichnetm ein Abonnemmt für mehrere Lorstellungm, ernannten einige Commiffarim, welche die Jnteressm der Künstler zu wahren hattm. Diese« Beispiele folgten die meisten aus der vornehmerm Kaufmannswelt, und die Gesellschaft sah ihr. Bestehen jetzt so weit gesichert, daß sie für sich einm anständigeren, wenn auch noch immer mangelhaften Saal miethen konnte. Auch wurde nun der Contract

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