Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 33 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
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131 mächtig den Drang, dieses großartige Verkehrsmittel seinem Vaterlande zugänglich zu machen. Er verbündete sich zu diesem Behufs mit gleichgesinnten Männern, machte ernste technische Studien und setzte alle ihm zu Gebote stehenden Hebel in Bewegung, um den revolutionären Plan zur Ausführung zu bringen. Ja, revolutionären Plan! Denn im Metternich'schen Oesterreich war jeder Versuch, die alte Maschine zu verbesiern — und wäre es auch nur. indem ein unscheinbares Rad derselben durch ein anderes 'ersetzt werden sollte — ein verwegenes Beginnen. Um wie viel mehr der Versuch, einen Theil des Triebwerkes umgestalten zu wollen. Der Gedanke Sichrovsky's: auch in Oesterreich eine Eisenbahn zu gründen, stieß auf gewaltige Hindernisse bei den obersten Leitern der Regierung, und wir kennten aus gewissen Sphären die possirlichsten Thatsachen mittheilen, welche bei den einschlägigen Bestrebungen Sichrovsky's zum Vorschein kamen. Sogar die Möglichkeit einer Revolte der Lvhnkutscher wurde an maßgebender Stelle geltend gemacht, als Sichrovsky seine Plane verlegte. Doch er ließ sich nickt einschüchtern. Vertraut mit dem Taumelleben des einst sybaritischen Wien und wohl auch selbst zugreifend, wenn ihm der Kelch der Lust credenzt wurde, wußte er die Neigungen und Abneigungen der dominirenden Persönlichkeiten seinen höheren Zwecken dienstbar zu machen, bis er erreichte, was er sich vorgesteckt hatte. Er war die vornehmste Kraft unter den Mitgründern der Kaiser- Ferdinands-Nordbahn, und stand diesem Institute durch Jahrzehnte als Genera! - Sekretär, stets arbeitend, stets uneigennützig, stets das Gedeihen der Anstalt im Auge, in allen Wechselfällcn der Revolution und des Kriegesvor. Die Nordbahn war ihm das Alpha und Omega seines Lebens und oftmals, wenn durch ein Elementar- oder Kriegsereigniß die große Eisenbahnbrücke über die Donau gefährdet war, erfaßte ihn darob eine Bekümmerniß, als ob er ein theures Glied seiner Familie bedroht sähe. Dabei hatte sein geschäftlicher Eifer niemals die humanen Regungen seiner Seele übertäubt: er war gütig gegen seine Untergebenen, ja er konnte weichherzig sein, wenn er irgendwie Roth und Jammer in der Beamten-Republik entdeckte, deren Präsidenten er darsiellte. Ebenso warm war seine Fürsorge um die Förderung des Wohles seiner Glaubensgenossen, um die Erneuerung der liturgischen und administrativen Angelegenheiten im Schoße der Gemeinde. Unermüdlich strebte er nach einer Kräftigung, Hebung und Verbesserung auch in diesem Kreise. Die Armen, die Witwen unp-Waisen erblickten in ihm eineir Anwalt seltener Art. Endlich zählte Heinrich Sichrovsky auch zu Jenen, welcke bei aller Concentration der Fähigkeiten auf das Praktische und Gemeinnützige die idealen Güter der Welt lieben und ehren. Von dem Augenblicke an, als er in der übermüthigen Ludlamsgesellschaft*) eine Rolle spielte (er hieß dort „Plumzer", weil er sich in Alles mengte, auch „Ludlams Improvisator", weil er sehr viel Talent hatte, aus dem Stegreif Lieder zu singen), bis in sein *) Die bekannte auch nrohl verrufene lustige Eesellichaft, der z. P. auch C. M. v. Weber angrhörte. Greisenalter verkehrte er gerne mit Poeten und Künstlern und . stand zu den meisten hervorragenden Männern der Literatur in naher geselliger Beziehung— In welchem Grade er sich bis an sein Ende die Frischeies Geistes bewahrt hatte, das erhellt aus dem hübschen Zuge, daß er wenige Wochen vor seinem- Tode bei seinem letzten Spgziergange das Schlossergäßchen besuchte, um noch, bevor die Häuser' dort demolirt würden, die Stätte zu sehen, wo die „Ludlamshöhle" ihr Unwesen getrieben. Heinrich Sichrovsky bekleidete viele Ehrenämter der Stadt, stand in hohem Ansehen selbst bei seinen Gegnern und empfing vielfach Zeichen bürgerlicher und fürstlicher Anerkennung. Heinrich Sichrovsky war ein Patriot in der schönen, nicht in der zweifelhaften Bedeutung des Wortes, ein Patriot, dem die Ehre, das Wohl und Wehe des Landes, der Heimath am Herzen lag. Die Erniedrigung Oesterreichs erlebte er nicht mehr. Denn er war schon im Sterben, als die Katastrophe, des 3. Juli über uys .hereinbrach. Die Culturgeschichte Oesterreichs wird diesen Namen nicht vergessen. Die Jude» zu Naumburg an der Saale. (Nach archivalischen Mitthrilungen Karl von Haister'S -hh- Anzeiger für Kunde der deutsch. Vorzeit 1866. Mar; ss.1 Die erste der Juden in Naumburg gedenkende Aufzeichnung gehört dem Jahre 1348 an. Jene zahlten an die Stadt 46 Schock Groschen, wonach man, wenn dieses, wie wahrscheinlich, die Jahressteuer war, auf eine zahlreiche jüdische Gemeinde zurückschließen darf. Hierfür spricht auch, daß in demselben Jahre des jüdischen Arztes Jakob gedacht wird. Die entsetzliche Katastrophe des schwarzen Todes und der Brunnenvergiftung ging nicht bei Naumburg vorüber. Hier war aber von Brunnen- oder Lustvergistung nicht die Rede, sondern man verbreitete, die Juden wollten die Stadt anzünden; weshalb der Rath am 27. Feb. 1349 auf allen Thor- und Kirchthürmen wachcn^ließ. Es heißt, „Jnmassen denn auch der Rhatt hernachmäls ezliche getaufte Juden lassen brennen." Bestätigung der Verbrennung solcher gewaltsam getaufter Juden, die zum Judenthume zurückkehrten,, bietet die Kämmereirechnung: „Item gaben wir dem Henker, der die getauften Juden verbrannte, 15 Groschen, und für Säcke und Stricke und anderes Geräth 4 Groschen und als Trinkgeld der Knechte 3 Groschen, und gaben wir den Knechten, welche dem Henker halfen, 6 Groschen." Die Juden müssen fehl bald zurückgekehrt sein, da Karl IV. im Jahre 1350 die zu Naumburg, Zeitz, Ouerfurt, Halle, an Friedrich den Strengen von Sachsen verlieh. Bereits im Ihre 1354 hatte sich das Verhältnis; wiederum geändert, indem der Bischof als Landesherr der eigentliche Eigenthümer der Juden war. Nach dem großen Brande von 1384 ließ der Rath „dy huser und muren in der Judengaffe" wieder aufbauen. Eine 167 Schritt lange und 31/*.--—4 Schritt breite Gasse Naumburg's führt noch heute 'den Namen „Judengassc." Sie bildet ein Knie und mündet nach beiden Seiten durch