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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 31 (1866) · p. Seite 123

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
31 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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123 die nach jahrelangem Erkämpfen mit einem Schlage das Erkämpfte wieder verloren; dagegen Stolze und Hochmüthige, denen das Glück die Erfolge immer wieder in den Schoß warf und das zehnmal Verscherzte durch günstige Wendungen immer von Neuem zuführte, Menschen, welche die Gaben des Geschickes vergeudeten, und denen die leeren Gruben sich immer wieder mit frischem Waffer füllten, kurz, ich habe das ganze, unbegreifliche Spiel deS Schicksals zu viel beobachtet, um nicht mitten in dem Glauben, den auch ich festhalte, weil er mir unentbehrlich, nicht dann und wann dem Zweifel ausgesetzt zu sein." „Aber, lieber Mann, erwiderte Cäcilie, du vergißt doch, daß dies Alles nur äußerliche Dinge find, die wohl schwer wiegen, aber doch nicht den ganzen Inhalt des Lebens ausmachen. Wir dürfen doch nicht die Gegengewichte übersehen, welche bei allem Dem in dem Selbstbewußuein liegen, das in Palästen wie in Hütten die eigentliche Grundlage der glücklichen oder unglücklichen Zeiten bildet; nicht die Gegengewichte, die in dem Familienleben ruhen, in der Liebe und Achtung der Unsrigen, die allen Genüssen des Lebens den wahren Reiz und Werth verleihen. Und diese beiden, das Selbstbewußtsein und das Familienglück, sind doch unabhängig von jenem äußern Geschick, und ich glaube, in ihnen liegt der beste Theil der Vergeltung." Viele in der Gesellschaft, besonders der weibliche Theil, waren mit diesem Einwande sehr zufrieden und nickten der Dame Beifall zu. Eduard lächelte und meinte, seine Gattin fasie ihn an einer Seite, von der aus er sich garnicht vertheidigen dürfe, wenn er sich selbst nicht ein übles Zeugniß ausstellen wolle. „Allem, fuhr er fort, mit diesem Selbstbewußtsein ist es eine eigene Sache, denn es hängt zu sehr von der Klarheit und Richtigkeit der Selbsterkenntnis ab, und ich habe selbstverblendete Menschen genug gesehen, welche ihr Unrecht wenig verstanden und sich für sehr gute und wohlbercchtigte Personen hielten, während der wahrhaft Verdienstvolle zu bescheiden, und sich der Irrungen und Fehltritte, die auch ihm nicht erspart waren, allzusehr bewußt ist, um sich ganz zufrieden zu fühlen. Ich könnte auch Aehnliches hinsichtlich des Familienglückes bemerken, das sich selbst oft um Menschen legt, die es uns wenig zu verdienen scheinen. Allein ich spreche ja überhaupt hier nicht von der Frage, ob der Mensch auf Erden mehr Glück oder Unglück, mehr Freuden oder Leiden habe, sondern von der Vergeltung, die sich an sein Thun und Lasten knüpft, und die sich doch an den sittlichen Werth seines Wandels schließen muß. nicht aber «auf ganz andern Gebieten ihre Erfüllung suchen darf. Und dann richte ich ja meine Blicke vielmehr auf das Allgemeine. Ich schaue in die Geschichte der Völker hinein, und sehe da lebenskräftige Nationen von dem Fuße übermüthiger Despoten zertreten, Völker mitten in ihrer Entwickelung erdrückt, während altersschwache Stämme Jahrhunderte hindurch gewaltige Ländergebiete beherrschen und die materielle und geistige Kraft ihrer Unterworfenen aussaugen, wie jener tiefsinnige Midrasch den todten Salomon lange Zeit noch von seinem Stabe gestützt dastehen und die Geister durch seine Gegenwart beherrschen läßt. Ich sehe, wie mächtige Nationen nach Verjüngung und Freiheit ringen, und eben sich aufraffend, in tiefem Verfall stürzen. Ich sehe die Menschleit nach Humanität, Recht und Wahrheit ringen, und plötzlich wieder in alle Wirren früherer Zeiten zurückfall m und die Früchte der Jahrhunderte verlieren. Da if es, wo jene Zweifel in mir aufsteigen, und es mir Mül e kostet sie niederzukämpfen." 1 (Forts, folgt.) Dit Tochter des Kain. Besprechen von LoluiS Weyl in Frankfurt an der Oder. ..„Die Tochter! des Kain" betitelt sich ein kleines poetisches Lpus, das pon AdolfBöttger gedichtet und Ende v. I. bei Schönwerk in Wien erschienen ist. In reimlosen vierfüßigen Trochäen haben wir hier eine erzählende Dichtung, oder, toenn man will, eine gedichtete Erzählung vor.uns, welche in Grundgedanken und Cvlorit — wie Rudolf Gottschall in seiner Wochenschrift so treffend bemerkt — ganz lebhaft an * Lord Byrons „Heaven ami earih" (Himmel und Erde) und A Lamartine's „La cliüte d’un ange" (der Fall eines Engels) ci innert. Tenn wie bei dem Britten und dem Franzosen, werden wir auch hier in das antidiluvianische Zeitalter versetzt, wo Engel noch mit Menschen verkehrten und mit den Töchtem der Sterblichen in Liebeshändel sich einließen. Ä)as Böse steht dem Gutm feindlich gegV- ] über. Die Verführung kämpft wider die Unschuld. Die letztere siegst; denn sie bleibt, trotz aller reizenden > Verlockungen des Lasters, unerschüttert, trotz aller , verführerischen Masken desselben, unverblendet. Das ist Thamar, tjie Tochter Kains, in welcher der Dichter , uns dieHeldin seines Gedichtes vorsührt. Und der ihr nach"; stellt und sie verderben will, ist ein g e f a l l e n e r E n g e l, den i der Dichter unter oem Namen „^erer bora " auftreten und mit der Hölle Künsten! sein Werk.betreiben resp. seinem Ziele entgegenstreben läßt. Satan erscheint, umgeben von den sieben Todsünden sämmtlich allegorisch gczeich-! net, und andern bösen Engeln und finstem Geistern. Unter ihnen ist , Jezer Hora", der Engel der Begierde, > der seinen Stolzsdaransetzt, „zu verführen die Erdcnkinder, die ihm eigensinnig widerstreben." Er zeigt Satan, dem Meister, Kam's Tochter, die reizende Thamar. , sprechend: 1 „Die Gedanken ihrer Unschuld Strahlen auf der offnen Stirne, Wie erschloß'ne Lilienblätter, l Die kein Wetter noch Versehrte. — Diese scheint fast unbesiegbar, Trotzte stets mir mit Verachtung! Doch sie wird, sie muß sich beugen, Kraft der Schwachheit eines Werkes." Er schwört's I „bev der List der Schlange" und drohet,, wenn sein Schwur sich nicht erfüllte, den Erdball zu zermalmen, und ten Himmel weinen zu machen „schmerzgepreßte heiße Thränen." — Worauf Satan ihm er- \ wiedert: j „-Es gilt die Ptobe. j Bist du Sieger, will ich's lohnen;

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