Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 31 (1866) · p. Seite 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
31 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4908862-5999396-6026817--3281-4911476
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

122 ftmlc und Thatsachen heran, die jenen Lehrsätzen der Religion nicht zu ent-, sondern zu widersprechen scheinen. Der zweifelnde Verstand schafft dann emsig Gründe gegen meine Glaubensanschauung heran, und ich fühle mich zwar nicht erschüttert, aber doch bewegt, deiner von Euch wird mir einwendcn: dies sei denn eben keine Gläubigkeit. Tenn eincstheils liegt es in der gesammtcn Erziehung und Bildung, in aller Thätigkeit und Beschäsligung unsrer Zeit, daß eine solche blinde Gläubigkeit. die allen Einwürfcn des Lebens und der Vernunft nichrs weiter als ein gewaltsames 2lein! entgegenstellt, entweder nur erzwungen oder allein der Beschränktheit möglich ist. Andrentheils ist es gerade unsre Religion, welche von einer solchen Gläubigkeit nichts weiß und nichts wissen will.. Wo unter die geheiligten Urkunden der Religion Schriften wie Hiob und Koheleth ausgenommen sind, kann ein Zweifel, ein Gedankenkampf, eine vernunftgemäße Untersuchung niemals verketzert werden." „Ties ist Alles klar, fügte dieselbe Tame hinzu, als der Oheim eine kleine Pawe machte, erregt aber um so mehr unsere Wißbegier, welche Widersprüche und Einwande Sieim Sinne haben." „Ich stehe' nicht auszusprechen. Es ist die immmer wiederholte Frage nach der göttlichen Vergeltung. . . Jene alten Ahnungen der Menschen, hie zwilchen d^r eisernen Nothwcndigkeit, die doch nur einen verkappten Zufall bedeutet, und der grausamen Nemesis hin und her schivanken, die mit kaltem Hohne über den Menschen hereinbricht, sind verschwunden. Seitdem die Religion Israels den Lehrsatz von der göttlichen Vergeltung, die durch die Geschicke der Völker wie der Einzelnen geht, kund gethan, kann nur dieser oder eine unumwunr.ne, nackte Verneinung aufgestellt werden - ein Trittes ist nicht mehr möglich." „Das ist richtig, fuhr Ernst fort, der Begriff Weltregierung kann von dem Begriff Gott nicht mehr getrennt werden, wenn wir nicht dem Pantheismus in die Arme fallen wollen, der doch nichts weiter als Heidenthum ist und einen Nichtgott lehrt. Was Alles ist, ist eben Nichts. Weltregierung ist aber wiederum nichts Anderes, als Vorsehung und Vergeltung. Ebenso wenig kann der Begriff des Menschen als eines sittlichen Wesens von dem der göttlichen Vergeltung getrennt werden, denn die Vorstellung vom Gegensatz des Guten und Bösen im Menschen ist Haltungslos, wenn die Erfüllung Beides in den ihnen entsprechenden Folgen- und Wirkungen nicht eintreten sollte." „Jndcß, wandte Adolph ein, müffen wir uns doch vor Allem verständigen, was wir unter göttlicher Vergeltung verstehen. Tie alte Ansicht, die im Buche Hiob bekämpft und verworfen wird. daß die göttliche Gerechtigkeit auf alle guten Thaten des Menschen unmittelbare Belohnungen uno Segnungen, auf alle bösen unmittelbare Bestrafungen und Unheil folgen laste und lasten muffe, kann wohl nicht mehr ernstliche Berlheidiger finden, so sehr auch das menschliche Gemüth in seiner unzerstörbaren Kindlichkeit in unbewachten Augenblicken wieder darauf zurückkommt lind in derartigen Ausrufungen sich Luft macht, ja sogar die Existenz der göttlichen Gerechtigkeit davon abhängig macht,daß sie sich thalsächlich so kundthue. Ich weiß sehr wohl, daß jene Anschauung auch in vielen Aussprüchen des ) Talmuds wieder zum Vorschein kam; es lag dies seiner juridischen Austastung und Behandlung religiöser Dinge sehr nahe. Dennoch hebt er selbst sie wieder durch die Annahme schwerer Prüfungen auf, welche die göttliche Vorsehung über die Frommen und Gerechten bringt, um sie ihre Frömmigkeit und Gerechtigkeit bewähren und stärken zu lasten." „Was versteht Ihr aber dann unter der göttlichen Vergeltung?" erwiederte Cäcilie, die Gattin Eduards. „Denjenigen Akt der göttlichen Vorsehung, durch welchen die Folgen und Wirkungen der menschlichen Handlungen im Laufe der Entwicklung zur rechten Zeit in der Erfüllung des göttlichen Planes eintretcn. So wie die Geschicke des Menschen nicht blos von seiner Selbstbestimmung abhängen, sondern erst durch den Hinzutritt der Umstände und Ereignisse. welche die göttliche Wallung sich so und nicht anders fügen läßt, in thatsächlicher Weise sich gestalten: ebenso tritt die Vergeltung nicht als die unmittelbare Wirkung des menschlichen Thuns auf. sondern erfüllt sich erst im Laufe der Entwickelung durch die Fügung der Umstände und Verhältnisse/' Eduard war mir dieser Erklärung völlig einverstanden und fuhr fort: „Und hierin liegt es gerade, wodurch. die Zweifel und Einwände ^egen diesen Glaubenssatz entstehen. Blicken wir in dre Geschichte der Völker und Menschen hinein, so wird unser geistiges Auge verwirrt und geblendet. Alles zieht sich zu einem scheinbar unlöslichen Knoten zusammen, und die Ereignisse und Geschicke schütteln sich zu einem Durcheinander zusammen, das einem Ehaos ziemlich gleich scheint. Gerade in unfern Tagen, wo wir so Vieles Zusammenstürzen sehen, was wohlbegründet und für lange Zeit befestigt schien, wo wir im Gegentheil Vieles gelingen erblicken, was gegen alle Logik. Voraussetzung und Folgerung zu streiten schien, Tonnen wir aufsteigenden Zweifeln uns nicht' entziehen. Wir sehen zu oft das Unrecht und die Schlauheit triumphircn; was klein und engherzig uns gestern däuchte, macht sich heute breit und groß; was wir als schwach und ohne Fundament glaubten, lastet mit schwerer Wucht auf unserm Nacken, und kann nicht abgeschüttelt werden, während das Starke, Gewaltige, durch das 'Recht und die Wahrheit Ueberwindende sich als ohnmächtig erweist; Kraft und Begeisterung werden an Das gesetzt, Gut und Blut für Das hingegeben, was vor Kurzem noch allgemein als verwerflich betrachtet wurde, während die großen Jnteresten der Aknschheit vergesten und verlassen, fast verlacht und verhöhnt vom Schauplatz des Lebens verschwunden sind. Mit oder ohne Willen drängt sich da eine Unsicherheit, eine Abspannung unferm Geiste auf, die mit der Bestimmtheit unsrer religiösen Ueberzeugung sehr contrastirt." „Malen Sie nicht etwas zu dnnkel. lieber Oheim'/ warf die junge Dame ein. Es kommt bei jedem Gemälde so viel auf die Farben an, die aufzutragen dem darstellenden Künstler gerade beliebt." „Dann könnte ich Dir erwidern, möchte der Pinsel Derer, welche die Wirklichkeit nicht sehen mögen, weil sie ihnen wehe thut, wieder allzuviel lichte Tinten anbringen. Nein! Ich habe in meiner Erfahrung zu Viele streben und ringen gesehen ein langes mühevolles Leben, und die doch nur ein kümmerliches Ziel erreichten, zu Biele,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.