Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 29 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 115 — und nach allen Seiten hin Wirren und Kämpfe Platz greifen, deren Verfolg und Ausgang für die Gesammtheilen wie für die Einzelnen allen menschlichen Berechnungen sich entziehen —. da ist es. wo das Walten der göttlichen Vorsehung dem Menschen so recht ins Bewußtsein tritt, und er in seinem Abhängigkeitsgefühle sich um so mehr ihr ergiebt und in dem Gedanken an sie Kraft und Trost findet. Es känn daher nur zu den Zwecken dieses Blattes gehören, die geehrten Leser zu dieser religiösen Lehre immer von Neuem hinzuleiten, sie in ihr zu bestärken und ihren großen Inhalt ihnen näher zu bringen. Nicht als ob man hier viel Neues sagen könne, was nicht schon in der heiligen Schrift und in allen und neuen Lehrbüchern des Judenthums ausgesprochen worden — aber das nach Ausrichtung sich sehnende Gemüth will es wiederholt vor sich haben, um auf den verschlungenen Wegen des Lebens sich zurecht zu finden. War daher der Aufsatz j,die Vorsehung" in Nr. 27 d. Bl. willkommen, so gestatten Sie mir hier eine Legende nachzuerzählen. die ich in meiner Jugend mehrfach gehört, die jetzt aber vielen Lesern unbekannt sein möchte. Ern Jüngling, für Wahrheit und Recht begeistert, und vom Verlangen, das Leben kennen zu lernen,« getrieben, wollte in die Welt hinausziehen, ■ um Erfahrungen zu sammeln und mit den Menschen und ihren Sitten sich bekannt zu machen. Aber ihn ängstigte der-Gedanke, allein in die weite Ferne sich zu verlieren ohne Führer und Rathgeber, denn er war von Kindheit aus an eine zättliche Fürsorge gewöhnt, die ihm geliebte Eltern hatten angedeihen lasien. Aber er hatte sie vor Kurzem verlogen, und das war für ihn mit ein Grund, die Heimath zu verlasicn, die ihm jetzt verödet schien, und wo die Gräber der Verklärten ihm Schmerz und Trauer stets erneuerten. Lange Zeit 'suchte er vergebens nach einem wohlgesinnten Mann, der die Länder kennte, die er zunächst zu durchwandern gedachte. Da trat ihm eines Tages ein ihm unbekannter Mann entgegen, der ihn anredete: „Ich habe gehört, Jüngling, daß Du eine Reise ant.eten wollest und einen Führer suchest. Ich bin bereit. Dir als solcher zu dienen, und damit Du Vertrauen zu mir fastest, sollst Du meinen Lohn selbst bestimmen und erst dann mir reichen, wenn wir uns wieder trennen werden." Der Jüngling sah verwundert den Mann an; aber es leuchtete ihm aus besten Zügen so viel Freundlichkeit und Verstand entgegen, daß er schnell ein unbedingtes Vertrauen zu ihm faßte, und sein Herz dem Fremden sich zuneigte. Er nahm daher das Anerbieten ohne Zaudern an; am andern Morgen schon wollten sie mit einander aufbrechen. Die Reise ging am ersten Tage in günstigster Weise vor sich. Das schönste Wetter, die reizendste^ Landschaft und das kluge Gespräch seines Führers, der ihm über Alles die beste Auskunft zu geben vermochte, ergötzten den Jüngling sehr und bestärkten ihn in der hohen Meinung, die er von seinem Führer gefaßt. Gegen Abend leitete ihn dieser zu einem prächtigen Schlöffe, besten Besitzer er kannte, und der die beiden Pilger auf's Freundlichste empfing und auf's Gastlichste bewirthete. Der Jüngling war entzückt — wie sehr aber verwunderte er sich, als er gewahrte, daß sein Begleiter nach dem Abschiede von dem Schloßherrn, der sie noch mit Speise und Trank fii^sbte zurückzulegende Tagesreise verX sehen, hciml ch einen goldenen Becher mitnahm, aus welchem ihr g< ftfreier Wirth. am Abend zuvor getrunken hatte. Doch die Scheu vör^ dem einsichtsvollen Führer verschloß ihr» den Mund. Wieder var ein Tag in mannigfaltigem Wechsel und angenehmen Begcgniffen vergangen, als die beiden Reisenden am Abend in einem behaglichen Bürgerhause einer kleinen Stadt einkehrten und abermals einen freundlichen Empfang er uhren. Heitere Gespräche würzten den Abend, und der red iche Bürger tischte auf. was nur das Haus besaß und sorgte für die annehmlichste Bequemlichkeit. Auch hier fühlte sich der.Jüngling seinem Führer zu großem 2)anke verpflichtet, ihn mit so braven Menschen bekannt gemacht und so gastfreien Empfang verschafft zu haben. An andern Morgen befahl ihr Wirth seinem einzigen Sol ne, «nem lebhaften, früh entwickelten Knaben, seine Gäste eine Strecke Weges zu begleiten, da die Wege in jüngster Zeit verändert worden. Der Führer ging mit dem Knaben voran, der-Jüngling folgte. In einiger Entfernung von der Stad^urchschnitt ein Strom die Ebene, und > war vom geschmolzenen Schnee des Gebirges hoch angeschwollen. Aber eine Brücke führte über denselben/ Da> sah der Jüngling mit Entsetzen, wie der Führer den Knaben von der -Brücke in den Strom stieß,, dieser vergebens mit den'Wellen rang utid. schnell im Master verschwand. Wie gelähmt stand er einen Augenblick, dann iwollte er sich in den, Strom nachstürzen, um die Rettung des Knaben zu versuchen. Aber sein Führer trat ihm mit. ernster und fester Miene entgegen, hielt ihm den abchehrenden Arm vor und rief mit entschiedenem Tone: „Lanldäs!" —Der Jüngling gehorchte; aber vorüber war es mit Fröhlichkeit und Genuß; mit trübem Herzen und düsterem Antlitz folgte er dem Führ«, denn der GedanH an die Verzweiflung des Vaters, wenn der geliebte Solm nicht wieder zurückkehrte, verließ ihn nicht. Vergebens mühete sich der Führer, ihn durch Gespräch und die Am mth der Wege, welche er einschlug, zu zersttcuen. Die Sinne senkte sich im Westen, als sie^in Dorf erreichten, wo der Führer zu übernachten erklärte. Ein ärmliches Bauernhaus nahm sie auf; aber so beschränkt die Mittel se nerPewohner waren, thaten sie doch Alles,was in ihrer Mach stand, um ihre Gäste zu befriedigen. Sie setzten ihnen ländliche Speisen vor und bereiteten ihnen eine reinliche Lagerstätte. Am andern Morgen entfernten sich die Reffenden. Kaum waren sie einige hundert Schritte von dannen gegangen, als sie hinter sich ein großes Geschrei vernahmen. Als sie sich umwandten, sahen sie dps Bauernhaus in Hellen Flammen, und jetzt wurde dem.Jüngling klar, was sein Begleiter sich dort zu schaffen gemacht, bevor sie das Haus verlosten hatten — er hatte Fküer angelegt, welche.« jetzt rasch das Haus, die Scheunen und die Ställe verzehrte. Auf's Aeußerste empört, wandte sich der Jüngling zu seinem Führer^ und rief ihm mit donnernder Stimme zu: „Hebe dich hinweg von mir, du Bösewicht! Säße mir: was ich dir schulde, Alles will ich dir geben, nur entferne dich von mir, du Undankbarer, der die Güte unsrer Wirthe mit Diebstahl, Mord und Brand vergalt! Ich habe keinen Theil an Dir und Deinem Thun unp will nichts mehr mit Dir zu schaffen haben!"