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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 29 (1866) · p. Seite 114

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
29 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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.1 114 Alles veränderlich und stercm Wechsel unrernTonen im rieben und in den Gefühlen des Menschen. Aber gerade dieser Wechsel isr darLeben. "enriicht. verjüngt, hebt das Eine durch das Andere, ennalrct, befruchtet und entwickelt. Waffen wir nur 'die Bestimmung des Mensch»« ins Auge: ebne ne hier ausführlich besprechen;u wollen, ergiebl ne sich dock aus dem Wesen des Menschen selbst tabm. kan der Mensch zur möglichsten Entfaltung seiner Kräfte, zur fortschreitenden Entwickelung seines Geistes m der Gesammlheil wie in allen Einzelnen bestimm: sei : daß er darum, immerhin abhängig von den gegebenen und zusammcnstoßenden Verhältnissen, innerhalb dieser nach freiem Willen in Selbstbestimmung handle. Wieder Blick aus den Menschen und sein Thun erweist uns dies. Gerade hieraus folgt aber, daß der Mensch gar nicht anders sein und in gar keine andere Umgebung versetzt werden konnte, daß Alles an ihm und um ihn zweckentsprechend ist. Um aber seine Kräfte;u entfalten undzu entwickeln, müßte ihm von innen und von außen Kampf bereitet sein, mußten ihm von innen und von auß^n Hindernisse, Schwierigkeiten. Versuchungen und Prüfungen entgegenlreten. denen zu widerstehen und sie zu überwinden ihm die Kräne verlieben worden. Um einen freien Willen haben und bethätigcn zu können, durfte er weder.am Gängelband des Guten geleitet, noch von den Banden des Bösen gekesselt sein, sondern seine Seele sich offen finden für beide, ibm die Möglichkeit für beide gegeben sein. Ist dies der Zweck des Menschen, und enrirricht diesem das Wesen und die Umgebung des Menschen, so kann desien Schöpfung nur gepriesen und als ein Werk des weisesten Schöpfers angesehen werden. Tenn der Zweck, ein Wesen bestimmt zur Entwickelung und;u freiem Willen ist ein erhabenster, die angewandten Mittel die angemesiensten, und das Resultat für den Menschen selbst im Abschluß ein günstiges. Bleibt er hierbei doch unvollendet. ein Bruchstück. zu schwankendem Ziele gekommen : so m ihm eben hiermit die große Berechtigung und die sicherste Bürgschaft für ein jcnt«iti^ee Dasein verliehen, in welchem sich Alles vollendet und cmsglcicht. was bicnieden unvollkommen und unbefriedigt gebließen.— Hiermit aber ist uns. durchaus noch nicht erklärt, wieso nach jener Talmudstelle eine so große Partei in jenem Streite die Verwerflichkeit der Menschenerschaffung behaupten konnte, ja fie ist uns durch die obige Beweisführung nur um to schwieriger zu begreifen geworden. Allerdings tonnen wir zu äußerlicher Entschuldigung bemerken, daß lne Frage so wie die Entscheidung der Mehrheit nicht absolut und objectiv gestellt worden, wie etwa: daß es ' bester gewesen, Gott hätte den Menschen nicht geschaffen, 'ondern nur subjektiv e-i«: 7 „ob es kesser für den Menschen gewesen." nicht geschaffen worden zu sein. | also für jeden Einzelnen an sich, und dann tritt ein zwiefacher Erklärungsgrund an uns heran. Zuerst brauchen w:r ..ns nur an die angeführte Stelle aus Koheleth 4, zu Hallen. wo nur subjektiv denen ein größeres| ilucf rugeschrieben wird, die schon gestorben oder die ' -och nicht geboren seien zu der Zeit gewaltthatigster! olnt.rdrückung, von welcher Koheletb spricht — wie auch 1 wir wohl im Leben uns äußern: wie wohl ist dem.! daß er dies - und dies nicht erlebt hat. Und eine 'UcheZeit. eine aussichrsloseZeitdergewaltthärigsten Unterdrückung. der brutalsten Despotie, der ncibeugendsten Knechtschaft. der steten Angriffe auVReligion. Leben und Eigenthum war für das jüdische Volk rmt der Regierung des Herodes und milder römischen Herrschaft angebrochen, und schlug ihre wundreibenden Fesseln nach dem Scheiden Hillel's und Schammai's immer enger und schwerer um das Volk, am meisten um alle in ihm aufstrebenden und hervorragenden Männer, bis es zuletzt zum Verzweiflungskampfe kam. der mir der Vernichtung des nationalen Bestandes entere. Dabei griff die innere Zerrüttung immer mehr um sich, der Parreikampf wurde immer heftiger, die Zeloten, die Gemäßigten und die Römlinge standen sich auf Leben und Tod gegenüber und zerfleischten einander, sobald ihnen von außen dazu nur Raum gelasien ward. Ter unglückliche Ausgang des Römerkrieges wurde allein hierdurch verschuldet. Daß hierunter alle Individuen furchtbar litten, alles Glück und Wohlsein immermehr verschwand und dieß gerade am meisten für alle diejenigen, welche noch böhere Interessen als den materiellen Genuß des Lebens kannten, ist einsichtlich. Hierzu kam aber noch ein Zweites. Tie Richtung, der Zeit in dem ganzen jüdischen Volke, in Allen, die sich mit dem Gesetze beschäftigten, vorzüglich aber in der Schule Schammai's, ging auf eine immer schärfere, immer strengere, immer mehr bis ins Einzelnste dringende Verarbeitung. Verästelung. Erweiterung und Ausdehnung der gesetzlichen Vorschriften, tvelche jeden Akt. jeden Schritt, jeden Athcmzug des Lebens umrankt.a. Es ging dies aus dem tiefsten Ernst der innerlichen Lebensanschauung hervor. Die Erfüllung aller dieser Vorschriften und denen, was man daraus folgerte, war die strengste Gewistenefache, und die Uebertrerung der kleinsten erschien als ein schweres Vergeben. Das Bewußtsein der Pflichten wurde daher immer drückender und stand mir dem, was das Leben bot, in gar keinem Verhältniß. Es ist dies in einer Zeit, wo sich eine solche Erscheinung erst entwickelt. etwas ganz Anderes, als in spätelen Epochen, wo sich bereits Alles fcstgestellt, ausgeschieden und geordnet hat. Da ist Alles abgegrenzt, übersehbar und in die Lebensgewohnheir übergegangen. Ter jüdische Geseylundige aber der Zeit. von welcher wir sprechen, siand noch mitten in der Arbeit, und in jsdem einzelnen Falle die Frage vor ihm. wie er gesetzlich zu behandeln sei: die Entscheidung war noch schwankend und doch hing von dieser das ganze Heil ab. Man braucht nur einen Blick namentlich aus die Auslegungen der Schammaiten zu werfen, um zu erkennen, wie erschwert jeder Lebensmoment, wie beängstigend jedes Gebühren sein mußte, und wie wenig sich selbst der Strengste beruhigt fühlen mußte. Da mußte denn allerdings die Last des Lebens ungeheuerlich erscheinen, und das Joch des äußern wie des innern Lebens fo schwer auf die Schultern drücken, daß jene Frage dicht vor Jedermann lag und von Vielen so beantwortet werden mußte, wie unsrer Talmud berichtet. Wohl uns, wenn wir glücklichere Zeiten und leichtere Verhältniffe um uns und in uns zu haben glauben! Die Wege der Vorsehung. J \ n t se gen t r. In den Zeiten, wo unter den Menschen sich Stürme erboben haben. rürchterliche Zusammenstöße stattfinden

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