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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 29 (1866) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
29 (1866)
Date
1866-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Belehrung und HnterOaftung aut jüdischem HeKieke. Herau-gegeben von Rabbiner Dr. Ludwig PhiliPPsou in Bonn. [9to. 29. 1866.] Kon dieser ^eittörift eifAeint wöchentlich eint Nummer. Preis de« Jahrgang« l Tbir. Vierttljibrifl 7 >4 Rgr. 80« vuchhandUtckge». Poftamrer und AeirungBexpeditionen nehmen BefteOnnge» an. C13. Jahrg. 3. Quartal. Eine merkwürdige Verhandlung im Talmud. (Schluß.) Sehen wir uns ferner im Talmud und Midrasch nach einer derartigen Anschauung um, so finden wir, wie wir voraussetzen, überall eine wahrhafte Würdigung des Lebens und des großen Geschenkes, dasjder göttliche Schöpfer hiermit dem Menschen gemacht. Eine klassische Stelle hierüber ist der 8. Abschn. von Midr. Halb. Bereschiih (zu l Mos. l, 26 f.), wo eine Menge Auslegungen und Gleichnisse hierüber aufgehäust ist. Wir wollen nur, des Raumes wegen, eine kleine anführen. In der Stelle „und Gott sah Alles, was er gemacht, und stehe, es war sehr gut" (V. 31.) wird -ind (sehr) auf dt« (Mensch) bezogen, da beide Wörter aus denselben Buchstaben bestehen, und bei der Schöpfung der übrigen Wesen immer nur steht: Und Gott sah, daß es gut sei." .Es wird also hiermit angedeutet, daß die Erdenschöpfung ihre höchste Stufe durch die Schöpfung des Menschen erreicht habe. Allerdings werden in vielen dieser Gleichnisse, namentlich in dem bekannten Streite der Engel unter einander v o r der Schöpfung des Menschen die dunklen Schatten, die dem menschlichen Wesen anhasten, hervorgehoben; aber dem gegenüber die Fülle des Lichtes, welche die Hand Gottes über den Menschen ausgestteut, und bingewiesen, wie durch die Barmherzigkeit Gottes Alles zur Ausgleichung und Versöhnung komme, und die Wahrheit das Band sei, welches Himmel und Erde aneinander knüpft. Es tritt hier auf das Lebendigste die Wahrheit zu Tage, daß der Mensch ein Mittelgeschöpf sei, das des Guten wie des Bösen ein gleiches Maß enthält, und daß er gerade dadurch ftei und felbstbestimmend geworden. Nachdem fich jenes Ergebmß aus den Verhandlungen der Schulen Hillel's und Schammais, daß es besser gewesen, der Mansch sei nicht erschaffen worden, als durchaus weder der Schrift noch der talmudischen Anschauung entsprechend erwiesen hat, unterwerfen wir es einmal kurz der Beurtheilung der Vernunft an sich. Wie einleuchtend ist eS, daß eine solche Beantwortung der Frage mit einem richtigen Begriff von Gott sich in vollem Widerspruch befindet. Weder die Weisheit» noch die Gerechtigkeit, noch die Liebe Gottes kann mit der Ansicht bestehen, ein Geschöpf geschaffen zu haben, das in seinem Wesen, seinem Zwecke -und seiner Art besser unerschaffen geblieben, das in seiner Idee wie in seiner Ausführung so verfehlt, so unselig geworden, daß seine Existenz zu verwünschen sei, und das dabei das Bewußtsein ^dieses Jrrthums des göttlichen Schöpfers noch in sich wagt, sicher die schlimmste aller Gaben,'die ihm verliehen wiorden. Von jeder nur irgend wahren Vorstellung von der Gottheit aus muß also Frage wie Antwort zurückj ewiesen werden. Aber w e? wendet man ein, wenn das Faktum doch so wäre, so kann die Folgerung auf Gott allein nichtentscheiden, jund es bliebe immer noch ein Ausweg denkbar, um die Weisheit Gottes damit zu vereinbattm?^- Aber die Thatsache ist es eben, die widerstreitet^—Die Erde ist kein Paradies, aber sie ist auch keine Hölle. Die Menschen sind keine Engel, aber sie sind auch keine Teufel. Der Mensch ist nicht zu ungestörtem Glücke .bestimmt, aber auch nicht zu dauerndem urmnterbrochenem Mißgeschick und Elend; nicht der wutherfüllte Kampf, nicht die ewig lastende Mühsal, nicht der immer quälende Reichthum, nicht die zernagende Entbehrung allein füllen die Tage de- Menschen aus, sondern immer wieder tritt das Gegentheil ein, Frieden, Ruhe und Sicherheit, Genuß und Befriedigung Freiheit des GemütheS und der Gedanken, und selbst wo jene eine gewisse Dauer erlangen, stumpfen, sie sich durch sich selbst ab und öffnen von selbst ihren Gegensätzen die freundliche Pforte in die Seekr'des Menschen. Leich irrt der Mensch; aber der absichtslose Jrrthum wird hm verziehen, verzeiht er fich selbst, und nagt die Reue an seinem Herzen, so füllt sich dies doch auch mit dem B> wußtsein guter Thaten. Liegen in ihm die Keime zu bimsen Begierden und Leidenschaften, so steht er um so höher, wenn er diese überwunden, und ihn entschädigt dafür die Anlage zu großen, erhabenen Tugenden, die ihn mit Seligkeit durchdringen. Bedrängen seinen Geist Zweiftl, so übertrifft Nichts das Entzücken, wenn er die Wahl heit gefunden zu haben glaubt. Ist er mit seinen Bedü ffniffen und Kräften an diese Erde gebunden, so hebt sich sein Geist auch in leichtem Schwünge in die Himmelshöh n hinauf. Ist fein Herz niedrigen Gefühlen zugänglich, dem Neide, des Mißgunst und den wilderen des Haffes und der Rache, so heiligt auch die Liebe ihm-, Seele und Geist, die Großmuth, die Versöhnlichkeit, die edelste Aufo iferung, Treue und Hingebung treten dem Eigennutz u »d der Selbstsucht entgegen, und lassen ihn nach dem W rrte der Schrift „nur wenig der Gottheit ermangeln." In der Thal, wie die Erde, der Sckiauplatz des menschl chen Lebens, in Tag und Nacht, in Frost und Hitze, im seligsten Lächeln des Frühlingsmorgens, im heiligsten Frieden des Sommerabends mit Sturm und Unwetter, mit Regen- und Hagelschauern wechselt, so ist

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