Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 28 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999396-6026814--3267-4911465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
111 l dieser Stelle fehlt da» Objektive. E» wird eine fürchterliche Zeit geschildert, in welcher die grausamste Unterdrückung stattfand, und di« Unterdrückten und Mißhandelten nicht allem kein« Rettung, sondern nicht einmal Tröstung fanden, so tief griffen di« Arme der Gewaltthätigen mitten in die Familien hinein und hielten durch ihre Schrecken selbst diejenigen zurück, welche zur Linderung der Leiden unmittelbar berufen waren. Auf diesem Hintergründe, und nur auf diesem, hebt sich der Vorzug der Tobten oder def noch nicht Geborenen ad. Wie weit hiervon di» zur objektiven Stellung der Frage, ob die Schöpfung de« Menschen nicht besser unterblieben wäre? und zur öff.nrlichen Di-kussion derselben Jahre hindurch und zur Abstimmung darüber sei, brauchen wir nur anzubeuten. (Schluß folgt.) Der Judenmord zu Deggendorf. Bon Ludwig Steub. (Auszügtich au» der A. A. A.) (Schluß.) Darf man ferner fragen, ob «in Wunder nicht auch eine ethische Bedeutung haben soll- Welcher sittliche Gehalt liegt aber in dem Phänomen, baß Hostien bluten? Und ein Gott, der sich einer solchen für ihn schmerzlosen Operation unterwirft, obgleich er weiß, daß nach dem Wahn brr Zeit der Tod von so und so viel Menschen, bi« er selbst erschaffen, daran hängt — ist dieß wirklich ein «xempla» rische» Numen? Kann ein christlicher Geist nach der Moral, wie sie un» gelehrt wird, eine solche Handlungsweise für Gotte» würdig halten? Ueberbieß, ist denn nicht anzunehmen, daß Zefu», der ja in dem -jüdischen Volk geboren zu «er» den sich würdigte, der einen jüdischen Nährvater hatte, vielleicht auch in seiner Jugend al» liebenswürdiger Knabe nur in angenehmen Beziehungen zu jüdischen Familien stand, der also gewiß ihre Schrullen alle au» dem Fundament kannte — ist nicht anzunrhwen, daß gerade Er ihre Verblendung viel milder beurtheilrn mußte, al» wir eingebildeten,hochmüthigen und aufdieJuben von jehererdoStenChrtsten? Unser lieber Herrgott hat bekanntlich verschiedene Anbeter, und jeder sucht ihn in seiner Weise zu verehren. Diese Mannichfaltizkeit scheint ihm zu gefallen, denn er hätte ja die Mittel die Menschen alle unter dem Baldachin eine» einzigen KatechiSmu» zu vereinigen. Er wird daher von einem tuagusifchen Lama nicht die reinen GotteSbegriffe verlangen, wie von einem Brixener Theologie.Prosissor, von einem japanischen Bonzen nicht diefkldige ReligioaSanfchauung, wie von einem geistlichen Rath und Stadtpfarrer zu **. Und so würde er auch, namentlich im Mittelalter, den Juden kaum zuzemutdet haben, daß sie in den heiligen Hofften da» christliche, Mysterium anerkennen sollen! ( Und eben beßwegen scheint e» eine Anmaßung: der Gottheit, die wir un» doch über all« menschlichen Thor» heire^ und Leidenschaften erhaben denken, genau jene Bll« dungSschul«, jene Einseitigkeit und jene Rachsucht zuzulrauen. wie sie zwar den fanatischenMönchen jener großen Zeit der Kirche eigen waren, die wir aber jetzt auch bei bayerischen Bauern» Coo» peratoren und tirolischen Landcuraten schon lange nicht mehr finden." „Uebrigens führt un» zwar nicht die Hostienschändung, aber der den Juden voroeworfene Kinbermord in viel frü» her« Zeiten zurück. Doch waren es ursprünglich nicht die Juden, di« man diese» Verbrechen» bezichtigte, sondern?- die Ehrister. Den ersten Christen sagten nämlrckf-dre^Het' den nach, laß sie »in inMebl getauchte» Kind anzustechen und da» rZtul zu ihren Opfern zu verwenden pflegten. Die ersten Kirchenväter -führten entrüst«! di« Vertheidigung dagegen. jZald erzählte man'» auch von den Gnostikern, später von den Albigensern, dt» e» endlich an den Juden und — bei» Hexen hängen blieb. Anderer >«it» erklärt sich unsere Begebenheit sehr einfach auf natürli he Weise. Die Deggenborfer waren den Juden tief verschulXt, hie Hand ihrer Geldherren lag schwer auf ihnen und übte «inen harten Druck. Sollten sie in dieser Noth thate rlv» ersticken, während sie blo» ihre Gläubiger zu erschlagest brauchten, um nicht nur ihr Schuldbuch zu vernichten stnd eine «eidliche Beute zu machen, sondern auch noch ein fromme» Werk zu verrichten? So nahmen sie denn de alte blutige Anekdote wieder her, die. zwar schon oft a »geleiert war, die man aber immer noch einmal hören könne. Ihre Zeit durfte keinen Stein auf die Tbäter werfen, denn man war damals an andern Orten nicht minder christlich al» zu Deggendorf. Der Erfolg zeigte auch, baß Himmil und Erde die Thal in gleichem Maß belohnten. Der Himmel nämlich verlieh der Stadt allmählich all dem Schimmer und all den Verdienst «iye» auSdündigen Gnadenorl»!, worin ein gemütblich«» Volk immerdar den Segen Gotte» erblicken wirb.*) Die Erde aber zejtzke sich für da« Nächste noch freigebiger. Herzog Heinrich von Niederbayein nämlich, der damalig« LandeSvater, fand sich ebenfalls beivogen den Deggenborfer» sein fürstliche» Wohlgefallen au» »sprechen. ..Wir Heinrich von Gotte» Gnaden," sagt er, „bekennen offenbar in diesem Brief, und rhun kund, daß r»ir Konrad dem Freyberger, unserm Richter, dem Rath und her Gemeinde zu Deggendorf unser« unK unser» Land,» Hu^d gar und gänzlich haben gegeben, daß sie unsre Juden zu Deggendorf verbrannt und verderbt haben. Alle» wa» sie dm Juden genommen, heimlich ober öffentlich, soll ihnen bleiben, und wa» sie ihnen schuldig, deffea sollen sie ledig seyn." (Die Urkunde ist datirt Mittwoch vor Galli Tag <16 Oer.) 1S38.) E» wäre mir zwar nicht leid in dieser Sache allein *) Der Wahrheit zu lieb, und um keinen Neid zu erregens! wüsten wir igleichwohl bemerken, daß e» mir diesem Segen letzt! nicht mehr so arg ist. Sarwriu» sah 1603 zur Wallfahrt»;»«; noch „sieben Fürsten, mehrere Saasen, Freiherren, Ritter, Prä-! laten, ankere namhafte Personen gemeinen Pistel ohne Zahl," \ aber von diesen Jngrevienlim haben sich die erstern nicht conservirt. E» kommen zwar viele Völker, doch meisten» arme, au» dem bayerischen Wald und dem angrenzenden Böhmen. Luch sehr viele Tschechen erscheiueu, und ihre jetzigen Hrldenthateu lasten sich vielleicht eben mit dieser Wallfahrt in einige Beziehung bringe«. Ihretwegen wurde früher auch tfchechisch gepredigt. Sie bringen ihren llllstndvorrath, elenden Käse in einem Töpfchen mit, und campiren messt im Freien. „Bessere Lenke" werden, alle» durcheinander, amHen und Sttoh in Scheunen untergebracht, wo jeder seine Wahlverwandtschaft suchen kann. Zn gleicher Zeit wird eia Jahrmarkt gehalten mit Laroustel und Harfenistinnen, mit Lebzelten und — Gurken. Diese find nämlich die Leibspeise der Böhmen, nnd fie erhalten für einenxKreuzer einen ganzen Tellervoll N» besten Salat». Lärmende Exceste^ Raufereien find jetten, Mid «» wirken in religiösem Eifer auch die Brauer dagegen, da fe bot Bierverleitgebeu, welche» sehr weuig berauscht. Dagegen wird mehr gestohlen, und die Taschendiebe machen sich namevtlich in der Guadenlirch« demerklich. Rach'aüeu Berichten läßt da» ganze Treiben nicht» weaiger al» «inen erhebenden Eindruck zurück.