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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 28 (1866) · p. Seite 110

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
28 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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f<t liegr dies in der ganzen Richtung de- Talmuds, ganz besonders brr tonangebenden Mischnah. Wir dürfen aber vorau-i'.tzen, daß auch solche Lehr» und Glaudensfragen von S.n Schulen betrieben wurden. Die Aeitangaden, daß der Streik über die Geltung der Hailacha nach der einen oder der andern Schule drei Jahre, der über die oben bezeichne» Frage zwei und ein halb Jahre gewahrt, könnten wobl andeuren. daß dennoch die haltachifchen Fragen das lieber« gewicht bauen. Wichtiger ist die Art deS Abschlusses beider Oiskuisionen. In der .Gesetzauslegung standen beide Schulen eine jede fest auf dem einmal eingenommenen Standpunkt, jede nahm die Autorität für sich in Anspruch, so baß eine höhere Stimme ra) — die Neueren erklären di.S als das größere Vertrauen und Uedergrwichl nn Belke, welches die Schule HillelS 'erwarb — darüber entscheiden mußte. Ander» in den metaphystschen Fragen. Gingen diese auch aus der Mitte der Schulen hervor, so waren st« doch der Uederzeugung jedes Einzelnen viel mebr überlassen; es wurden gemischte Versammlungen beider Schulen abgehalten, in welchen die Grund« für und wider erörtert wurden und zuletzt die MebrKeik der Stimmen ermittelt, nicht um eine Entscheidung festzusetzen, sondern um einen - Abschluß der Verhandlung zu finden. Diese Abgabe der Stimmen, um die Mebrh.it festzustrUrn, ^eigt, daß die Schulen nicht getrennt darüder adstimmten, und daß e» jedem Schüler einer wir der gndern Schule frei» stand seine Meinung nach eigenem Ermessen adzuzeden, so daß di« .Autoritär der Schule weder für die eine noch für dir andere rinlrat. Mag daher die Frage in ibrrr düsteren -Beantwortung aus dem Schoße der Schule Schammai'S b.rvorgegangen ''ein: wir können jetzt nicht mehr mit Be» stimmtherr sagen, daß ste vorzugsweise dieser Schule angedörte. Alles d:eS ab.er har nur bistorischen Werth. Wichtiger «st es und höchst bemerkenSwertb, daß überhaupt ein« solche Frage aurgewocfen, und baß sie auf diese Weise durch die Meorheir beantwortet werden 'konnte. Je gründlicher die Verhandlungen gewesen sein müssen, weil sie sonst nicht «inen i'o langen Zeitraum hätten Lauern könne», desto mehr müssen wir bedauern. Saß uns gar nichts darüber milgerbeilt ward. Die Morivkrung wurde ungleich lehrreicher für unS sein, alS die bloße Abstimmung, die uns höchstens lehrt, daß in Glaudenssachrn auch damals bei untern Vätern Freihrik der Uedrrzeugung geltend war, und uns noch beul« berechtigt, der einen oder der andern Partei uns anzuichlitßen. Auffallend, sagen wir, ist di, Erhebung einer solchen Frage und das Ergebniß der Stimmenabgabe, weil diese an sich als völlig unjüdisch erscheint. Eine Religion, die als den Schlußstein der göttlichen Schöpfung den Ausspruch «infetzt: „Und Gott sah Alles, was er gemacht, und siehe, es war sehr gut" (d. h. vollkommen) 1. Mos. 1, 3t.; die immer und immer wieder verkündet, daß Gott die Welt und. alle Wesen in höchster Weisheit und klebe., geschaffen; die lehrt, daß Gott den Menschen „in Seinem Ed,»bilde, nach Seiner Aehnlichkeir" geschaffen . <1. Mos 1, 26); die ausrutr: „Du ließest den Menschen der Gottheit nur wenig ermangeln, kröntest mit Ehre und Herrlichkeit ihn, setztest zum Herrn ihn über deiner Hände Werte, alles legtest 5u.unrer sein, Füße" (Ps. 8, tz—7); eine Religion, welche Alles, was dem Menschen begegnet, als Schickung Gottes, ihm zum Helle, ansi.hr und darum das unerschütterlichste Drclrau,« auf Gott als die Krone der Frömmigkeit betrachtet, welche ott genug gerade die Rettung vom Tode als eine Handlung der göttlichen Gnade feiern läßt (z. B. Pf. 116, 8. 9. 118, 17. 18.),— eine solche Religion kann die Frage, ob die Scköpfung deS Menschen besser unterblieben wäre? gar nicht aufwelfen und noch weniger bejahend beantworten lassen. Denn unzweifelhaft wird damit ausgesprochen, baß die Schöpfung des Menschen unvollkommen, und der göttliche Rathschluß, den Menschen zu schaffen, nicht weise gewesen, so daß hiermit an einer Gotteslästerung ziemlich nahe vorüber gegangen wurde. Allerdings können einige Schriftstellen zu Gunsten jener Frage und brr Stimmenmehrheit in «hr angeführt werben. Aber eine genauere Prüfung derselben zeigt, daß sie eben nur Ausbrüche zeitweiligen Unmurkes in schwerer Brdrängniß, augenblicklicher Verzweiflung enthalten. Wenn der Prophet Jeremias, in dem auf ihn rindringrnben Bewußtsein, daß er, während er für da» H-il Aller sein Herzblut hingiebt, oMfi Schrecklichste verkannt wird: „Allrsamml verfluchen «mich dennoch" auSruft: „Wehe mir, Meine Mutter, daß du mich geboren" (15, 10.) und als er die Verkündigungen über Juda aussprichk, vom Oberaufseher des Tempels gemißhandrlr und in den Stock geworfen wird, feiner Verzweiflung Luft schafft: „Verfluchter Tag, an welchem ich geboren u. s. w., warum doch ging ich auS dem Schoß hervor zu sehen Mühsal und Kummer, und daß in Sckanbe meine Tage schwinden" (20, 14—18.); wenn der Prophet Jona in der Verhöhnung, die seine nicht in Erfüllung gegangene Weissagung ihm zuzog, betet: „Nimm doch meine Seele von mir, denn besser ist'-, ich sterbe, denn ich lebe" (4, 3.); wenn Hiob unter seinen unsäglichen Schmerze» und Quaken und von seinen Freunden mit verstocktem Schweigen umgeben, statt daß sie das Wort der Tröstung an ihn richten, auSbri'cht in die Verwünschung seiner Geburt, und fragt: „Warum nicht starb ich weg vom Mutterleide, verschied, als auS dem Schoß ich kam — denn nun lag' ich und rastete, schliefe, da wäre mir Rüde" (3. 1. 11, 13) — so zeichnen sich die Situationen klar ad; es werden nicht bleibende Gedanken und kehren, gültige Glauben-- und Lehrsätze vorgetragen, sondern es geschieht, was auch der frömmsten Seele nicht immer fern liegt, bi« Leidenschaft de- Augenblickes in dem Verlangen nach dem Tode oder im Wunsche uicht geboren zu sein, zum Ausdruck zu bringen. Wuchtiger sind in dieser Beziehung die beiden Stellen in Koheleth: „Besser ist der Tode-rag als der Tag der Geburt" (7, 1.). Aber die weiteren Umgebungen dieses Satzes zeigen, daß hier nicht ein absolute- Urtheil über den Werth des Lebenausgesprochen wird, sondern daß efür den ringenden Menschen besser sei, das sichere Ziel erreicht zu haben, als den Pfad dahin anzutreten, wie sofort bas Weilen in l einem Trauerhaus« dem im Hause de- Mahle- und der ' Unmutd dem Aachen vorgezogen wird wegen der sittlichen Besserung, die mit jenen verbunden fei. Endlich die hie?» für clafsische Stelle 4, 1 — 3: „Und ich wandte mich und sah all die Unterdrückten, die unter der Sonne gemacht werden, und siehe, Thränen der Unterdrückten; und Niemand , tröstet sie, und von der Hand ihrer Unterdrücker Gewaltthar! und Niemand tröstet sie: da prieich die Todten, di, längst ge» > storben, vor den Lebenden, die da noch leben, und glücklicher al-! sie beide den, der noch nicht ward, der das bös« Thun nicht 1 gefehm, daunter der Sonne geschieht." Doch auch in

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