Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 28 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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112;u liehen, aber iuc Ehre unserer einheimischen Literatur muß ich bezeugen, daß alle gebildeten Schriftsteller der neuern Zeit über diese Geschichte dieselbe Ansicht äußern, welche hier vertreten ist. Erschien doch <chon i. I. 1541 in Bayern eine Apologie ^der Iubenschaft, welche Dr. Johannes Eck von Ingolstadt in einer sehr ungeschlachten Gegenschrift zu wlscriegen suchte. Daß Michael v. Bergmann {1783) die Entstehung solcher Geschichten nur den „pöbelhaften stopfen" zuwi.ö, baden wir oben gesehen. Seit dieser Zeio ist die öffentliche Meinung unwandelbar dieselbe geblieben. Indessen wollen wir den damaligen Papst, Benedict Xll. hieß er, und residirte zu Avignon, doch auch noch zu Wort kommen lassen, ihm zum Ruhm und uns zum angenehmen Beistand. Oer Brief, den er damals, 28. Aug. 1338, ge« schrieben, ist an Herzog Albrecht von Oesterwich gerichtet, und sagt in gedrängtestem Auszug etwa folgtnd-s: „Es habe," d?ßinnt der Papst, „der Herzog ihm ge« schrieben, wie man in seinem Land unter dem Srroh vor eine- Juden Haus- »ine mir Blut besprengte Hostie gefunden, welche das Volk in die Kirche gebracht ha!x und dort verehre, weil es vermeine, die Juden hätten idrall« Schmerzen angethan und gemartert. Deswegen fei denn in jener Gegend eine große Metzelei der Juden vorgenommen worden, aber nichr so fast wegen jener Ursache, sondern, wie manche behaupten, um den Juden ihr Geld adzunehmen, was namentlich daraus erhelle, daß dir Wuth des PodelS jene Schlachterei ohne jedes rechtliche Verfahren und ohne Richrerspruckr gar grausam vollzogen habe. Ferner berichte der Herzog : es habe einmal in einem österreichischen Ort ein Geistlichtr ein« nicht con1ecrirre,mit Blut despritzteHostie ausgestellt, später aber vordem Bischof.vonPassau undandrrn noch lebenden glaubwürdigen Personen das Gestandniß abgelegt: er selbst habe die Hostie mir Blut benetzt, um den Glauben zu erwecken, sie sei von den Juden schimpflicherweif« zur Verhöhnung deS Heilands geschändet worden. Oiese Hostie sei dann, nachdem sie einige Zeit alS der wahre Leid Christi alle Verehrung genossen, von Würmern und Motten zerfressen und gan; verzehrt worden. Derselbe Geistliche habe jedoch, Frevel, auf Frevel häufend, eine andere nicht conseccirte Äostie, die er selbst mit Blut gefärbt, an die Stelle b^r erftecn gesetzt, und dieß nachher in der Beichte eingestanden.' Es werde aber jene Hostie von den Gläubigen, di« von dem Betrug nichts erfahren haben, noch immer höchlich verehrt. Eine ähnliche Geschichte habe man zum Verderben der Juden an einem gnbellflArre anzetteln wollen, allein mit GottrS Hülfe sei durch Berorf<; klarer als das Mittagslichl, das Fälschliche SeS Versuche» aufgebeckt worden. ..Er, der Papst, habe nun dem Pafsauer Bischof aufgetragen, daß ec bei solchen Vorkommnissen mit ernsten und verständigen Männern, die.Gott vor Au^en haben, fleißig und wohlbedacht, durch glaubwürdige Zeoaen und auf andere Weise und durch jegliches Mittel, wv^trch dir Loatsache aufgehelll und sein Gewissen sichrrgestellt werden könne, die Wahrheit erforschen solle, damit eia solche- Verbrechen, wenn es die Juden wirklich begangen^ nicht ungestraft verbleibe. Wenn aber die Untersuchung deren Unschuld bezeuge, so möge er gegen die Urbeber so fluchwürdiger Lügengewebe (tarn delestabilis coinnienlae nequitiae patraiores), welche bereits die Hinschlachtung und Ausplünderung so vieler Juden veranlaßt, eine solche Undeugsamkeit . kanonischer Strenge entfalten, daß ihre Strafe andern zur Besserung und zum abschreckenden Beispiel diene." Diese Epistel wirft rin eigenkhümiiches Licht auf die Hostienmystecien jener Zeit. Man steht, wie damals das- Mirakel mitunter zu Stande kam; man sieht auch, daß der heilige Vater seine Leute kannte. Wie würde er, der die Evidenz deS TbatbestandeS so streng und unerdilllich .forderte, den Deggendorfer Morbtag beurtheilt haben, wo auch die Wuth des Pöbels die Schlächterei ohne jedes rechtliche Verfahren und ohne Richterspruch grausam vollzogen hat! Sein Ausspruch scheint in dem Briefe schon enthalten zu sein, doch überlassen wir jedem Leser ihn selbst zu suchen.') Seit jener Zeit aber blühte dir Andacht zu Deggendorf in stillem Frieden. Während andere Leute philosophische Systeme ausdachten, die nordwestliche Durchfahrt versuchten, Planeten entdeckten, Telegraphen erfanden, Pfahlbauten auSgruden, breiteten die Deggendorfer. alle Jahr» von! Michaelis dis Francisci <29 Sepl. bis 4 Ocr.) ihre Arme aus, empfingen mit Freundlichkeit die zahlreichen Schaaren der Wallfahrer, zeigten ihnen Ahle, Dorn und Hostien, hielten einen gewerbsamen Jahrmarkt, lraclirten ihre bessern! Gäste mir leichtem Bier, mit Doressen. Sauerkraut und Schweinshaxeln, warfen mitunter einen Andächtigen, der sich betrunken hatte,' zur Thür hinaus, und priesen dankbar ihre Ahnen, die durch eine heroische Thar nicht mehr ver- . standen,r Frömmigkeit sowohl für die Ehre GottrS als auch zum Gedeihen ihrer Nachkommen so verdienstlich zu wirken gewußt. Im Jahr 1837 wurde das halbtausendjahrige Jubiläum begangen . . . *' ES ist auffallend, daß der Papst zu Avignon am 23. Aug. 1338 noch nichts von dem Deggendorfer Wunder gehört Halle: aber auch Herzog Heinrich zu Landshut wußte um Mille Ocrobcrs, wo er seinen Brief erließ, ebensoweniH davon, denn sonst hätte er eS im Geiste der Zeit nicht unerwähnt gelaffen. Es ist iebr wahrscheinlich, daß die Wundersage erst geraume Zeit nach den« Morde ausgebracht wurde. Scheint doch selbst Jnnocenz VIII. laut seiner Bulle vom 1. Nov. 1489 (bei Sartorius S. 152 , noch ganz unbekannt mit ihr; denn wenn er von der Grabeskirche sagt, daß sie die Reliquien vieler Heiligen.beiderlei Geschlechts bewahre, io ist dies doch gewiß nicht der technische Ausdruck für den eucharistiichen Ehnstus. Auch die Grabeskircke scheint keinen ursprünglichen Zusammenhang mit dem Ereignkß zu haben, denn sie wäre ionst wohl Sk. Salvator benannt wyrden, nicht Peter und Paul. Allgemeine Zeitung de- Judenrhum«. Ro. 27. lö*;6. Inhalt: Leitende Artikel: Die jüdischen Gouvernanten. — Die protestantischen BekehruugSgrjellschaslen. — Zerstreute Bemerkungen. —; Literarischer Wochenbericht- — 4 Zeitungsnachrichten: Deutschland :AuS Bayern,Hannover. Preußen: Berlin, Au» Westfalen, Aus Preußen, Königsberg. Do naufürsten!hü mer: Bukarest,Jassy. Oesterreichijcher Kaiserstaak: AuS Galizien, Wien, Lemberg. S^chweiz: Endlagen. China: Schanghai- Korrespondenz: Amerikanische Briefe. IßT Zu beziehen durch jede« Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich yt Thaler. Verantwortlicher Redacreur Dr. H. tzotz». Werlag ro« B,«mgärt»er'< v«Lba»dlu»g i» Leipzig — Druck »0« Sreosillg in Leipzig. 1