Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 27 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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107 denn sie suchten nun, alt wenn noch gar nichts passirt, die Hostien mit ein«, Hagedorn zu zerkratzen, und warfen sie, alS die Erscheinung des KindleinS nicht weichen wollte, in einen Backofen. Ader auch hier dlieden dieselben unversehrt, denn „Gott, der dies, Welt behalt, oem schabet weder heiß noch kalt." Nach diesem legren die Frevler das Sacrament auf einen Amboß und schlugen mir Häm« mern darauf, allein edenso vergeblich. Hierauf wollten die! Juden d,e Himmelsspeis, „in ihrem höllischen Rachen verschlucken" (Ausdruck d«S WallfahriSbüchleinS), aber auf den Hostie«»—erhob sich jetzt wieder dasselbe Knäblein und | verdmoette da« weitere, „denn. diese« Brod," sagt die! sechste Äirchenlafel, „gehört nit vor di« Hund." In diesem | Au^.ndUck nun erschien vor den Misselbätern d>e heilige j Junafrau Maria mit großem Leid, und sprach: „Ihr falschen Juden blind, wir marteret ihr mir mcjn Kind!" Mil ibr kam eine Engelschaar, ein Licht schön, lauter und auch klar. Zur selben Zeit gieng aber ei« Wächter vor daS- H«uS, hörte Mariens große Klage, und erstattete sofort bik Herren im Rarb« Meldung. „Dies, gingen mit ihm da , der Juden Mord.(d. h. der Mord, den die Juden an dem Sacrament verübt) ward offenbar." Es scheinen ali) die Klagen Mariä so vernehmlich, bestimmt und er« > sch >pfend gewesen zu seyn, daß eine weitere Beweiserhebung - NUN für nölhig erachtet wurde. Bon einer Untersuchung i ist nämlich gar keine Rede, und auch die sonst unvermeid- ] lid e Folter scheint den Juden zu Deggendorf geschenkt wer-! deq zu sein. Zunächst berichtet nun daS Lied, etwas nachj zü, elnd : die Juden hatten ketzerlicheS Gift in die Brunnen | ge» »orfen, und der Christen viele feien zähen Tobe« daran j g«l »rd.n — waS eigentlich ein Faden ist, durch welchen j bi, e Begebenheit mit dem schwarzen Tod, der jedoch erst > 1348 seinen Umgang hielt, in Verbindung gebracht werden! soll. Nunmehr aber sammelten sich die Wissenschaften, fünfzig Mann stark, in der Kirche zu Schachmg, einem J Darf zunächst an der Stadt, und schworen zusammen wie l die! im Grütti: sich in keiner Gefahr zu verlassen. Wenn \ inaV früh Morgen« zu St. Martin läute, so sollen all« bereit sein über „die falsch« Jüdischseil" herzufallen. AlS „Herr Hartmann, von Nalterderg genannt, Pfleger Ser Stadt und auf dem Land" diese Mähr vernahm, beeilte er sich den Bürgern mir seinem ^.Heere" zu Hülfe zu kommen. Die Juden setzten sich zur Wehr, uorerlagen aber zuletzt*), und man verbrannte sofort ihr Hau«. (Die Ermordung ist auf der elften Kircheaiafel dargestellt.) Da« Lied spricht also nur von einem Hau«, viellricht der Synagoge, worin wohl nach damaliger Praxi« die gewöhnliche Selbstermcrdung ^.stattgefunden. (Da« WallfahrtSbüchlrin aber weiß e« besser und sagt: „Diele wurden niedergrmetzelt, viele steckten ihre Häuser und Hab» seligreitit» in Br^, um sie den Bürgern'zu entziehen." gleichsam al< verdienten sie eine Rüge, baß sie den eigentlichen Zweck der Unternehmung zu vereiteln gesucht.) Nun aber, dal man der Juden Hau« verbrannt, „kam da« Sacra- «ftnt gezogen au« dem Feuer gar undetrogen," wa« auch mir der! oben rrwäduten lakonischen Pfeilerinschrrft zusammen zu stimmen scheint, und wohl gemerkt zu werden veibient.! Nach diesem dringt daS^kked aber einen Zug der un« fast uneheerdietig dünkt. Es singt nämlich: (da« Sakrament)' Ob den Leuten.schwebt; ,. Sin alter -Schmied ohne Sünde lebt; - Der sprach: Herr, mag e» seyn. So setz Dich aus den Pelz mein- - Da« Sacrament sich niederlieg Gar bald ohne allen Verdrieß Dem Schmie»da in sein Schoß u. s. w. | Alsbald aber sei ein neugeweihker Priester von Niieder- Altaich gekommen, und "-in sein» Hände habe sich dann daS Sacament endgültig begeben, und zwar „ainlif also um eine« mehr alS jetzt, wo nur zehn gezeigt werden. Oer Dioter sagt: er habe all dir« selbst zu OeggendStf gelesen -- eine Bemerkung, für dir wir ihm sehr bantbar sind. Dies die allen S Lied ist die einzige und ausschließliche Quelle, folgenden Schritten und auch den Tafeln ia der *) Die Zahl der Ermordeten giebt de: Lolksmund jetzt zu vier- | hundert an. unbekümmert darum, daß nach der Legende höchsten« l ein halbe« Dutzend sich an dem Frerek beiheiligt haben, und die übrigen 894 sohl» als unschuldige Opfer gefallen sein müßten. Zn einer gewissen Harmonie mit jener Zahl spricht denn auch da« WalljahrtSbüchlein von dreihundertMännern, welche „mit blank- , schimmernde» Waffen in die Stadl' stürmten." Da« alte Lied weiß, wie wir eben gesehen, nur von „jünizig Mann," zu denen , dann allerdiug«' rrvch da« „Heer" de« Herrn von Degenderg gekommen waxe, über besten Starke wir aber gar keine Brr- - murhung äußern können. Die Zahl vierhundert'ist jedenfalls! übertrieben. ' Kirche z» Grunde liegt. Don dieser Zeit an erlitt aber die Erzählung immerfortkge V eränderungen. In einem jungem Liebe (1-82) verschwar d der alte Schmied. Der Geschichtschreiber Adlzreit«! (1662) beseitigt die Mutter Gottes und läßt . jammern c Engel die That verrathen. Auf den Tafeln in der Kirche werfen die Juden die Hostien in den Brunnen, wonu« sie hervorfliegen, u. s. w. Herr Skeud unterzieht Vater diese Berichte einer genauen Kritik/ und die Betrachtt ngen, die er zuletzt daran schließt, sind wohl wcrlb, daß wir einige Stellen hier noch anführea. Denn wir dürfen n cht vergessen, daß wir es hier durch.ru« nickt mit vers rollenen Dingen zu ldun haben, sondern mit solcken, I ie noch heute bestehest, vom katholischen Klrru« aufrecht « halten und jährlich von einer ungeheuren Volt«- meng« feffüch begangen werden. Herr Strub sagt: „Wie! viel ist nun an dieser Geschichte für wahr zu Haltens Jede« Wunder setzt eine Tdatsache voraus, die der historischen Kritik unterworfen werden darf. Erst wenn die Thalsach, feststedr, kann darüber biSputirt werden, ob : sie al« Wunder zu betrachten sei, ober nickt. Sind nun v aber die Ähatsachen, welche in unsrem Fall da« Wunder bilden solle»,al« feststehend zu erachten? Ist dieUederlieferung nicht vielmehr voller Widersprüche, und dürfen wir eine Hoffnung j hegen, daß sie je gelöst werhen? Wie können sich nach Idee letzten Version die Hostien au« dem Wasser erheben, während sie nach der ersten au« dem Feuer geflogen kommen, und nach der Mittlern in ihrem Blin gefunden wSrben? (Vom alten Schmied mir seinem Pelz wollen »ji lieber gar nicht reden.) Jede dieser Erzähiun» lungen schließt die andere vollkommen au«. Welche ist die verlässigste? Die atte, die junge, oder die mittlere? Warum bat die Legende sich selbst rebucirr und di« klagende Äaria au-grwiesen? Wahrscheinlich weil der Genius de« Ort« ^im Läufe der Zeit diese Erscheinung der H>lmmelskönigih nicht mehr für möglich, also auch nicht mehr