Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 27 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
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106 ziellos im Schiff umher oder klammerte sich um die Balten oder an die Wände des Schiffs. •, Als die Dämmerung zu grauen begann, was leuchtet von dort, wohin das Wrack mir gespenstischer Eile fahrt, für «ine weite, weiße Linie her, hinter weicher »S wieder dunkel in die Höhe starrt? Der Sturm har sich gelegt; aber ein nrueS Brausen, gleichmäßig und ohne Pause, nur immer stärker, je näher da- Schiff kommt, wird vernehmbar. Ob Ihr es merkt oder nicht, ihr unglücklichen Menschen: das Wrack treibt unaufhaltsam in die Bindung hinein, die >furchkdar die schroffen Fellen, die scharfkantigen Riffe entlang! schäumt und gäbet. Jetzt ist eS nahe, jetzt darin: es wird ergriffen, gegen die Felsen geschleudert — im Nu ist $« zersplittert und XUc«, waS eS barg, in die Tiefe gesunken. Al< di« Sonne aufging und ihre goldn.n Strahlen über die beruhigte Fläche des Meeres warf, war von dem Schiffe jede Spur verschwunden, und mehr als dreihundert Menschen hakten den Tod - in den Wellen gesund.n, uno ihre irbjschen Reste tagen auf dem Grunde VeS Meeres. Wer waren sie? Woher gekomm.n?Wohin gewollt?.wir wissen es nicht. AVer das wissen wir. daß alS endlich die stunde von dem Untergänge des Schiffes nach seinem Heimarhslande kam, viel« Elternherren arm den verlorenen Sobn in Trauer irrsanken für immer, manche Wictwe bi« Hände über der Wiege ihres Kindes nach dem unkcrgegangeNen Gatten rang, vieles Gluck zertrümmert, viele Hoffnungen getäuscht waren. — — So und die Wege der Vorsehung. Sie sin» unerforschlich. Wir wissen wohl, daß der Arm Gottes m Wetvbeir uno Gnade alle Geschick« leitet; wir wissen au« Geschichte und Leben, daß im Großen und Ganzen nach dem Rakbschlusse Gottes Alles sich auSgleicht, alle Lücken sich auSfüllen, und die von Weitem hergesponnenen Faden zu einem vollen Gewehr inemandrrschießen und sich verernea voll erhabener Weisheit und zu bestimmten Zielen. Ader im Einzelnen und, für den Einzelnen, wissen wir «S nicht und verstehen eS nicht. Freilich, ,,-n ber Folge der Zeile«", wenn wir uns nach einem langen Zeitraum umdlicken im Leben und auf hie Vergangenheit zurück« ''chauen, wird uns Vieler klar,! warum und wotu es geschehen — aber wie leichtirren wir. und wie VickeS.bleibt unS unerklärlich. Und dies ist ^ben die W.isbeU Gottes. US Etnzeln« und im Einzelnen sollen wir frei sein, selbstständig und seldstdestimmend; Hutten wir nur sei an der Uederzeugung, wie wir sie auS!bem Großen und^ Ganzen schöpfen, daß eS eine allwalleüde Vorsehung über unS giebt — dann nur hinein in da« Leven, nach Liebe und Recht gehandelt und gewirkt und komme dann, waS da wolle, nur stark und fest — in Gott! Der Zudenmord zu Deggendorf. Bon Ludwig Steub. rAuszüglich aus be> A. A. Z^ > (Fortsetzung.) Wenn damals ein edrsamer -und wohlwollender Christ uod Bürgermeister einen ehrsamen und wohlwollenden Ju» den etwa angesprochen Härte: Läßt unS, Amschel, wenn nicht Freundschaft, doch Frieden schließen! Könnt ihr'S denn nicht um zwanzig Povcent thun? Müss.n'S denn immer vierzig und fünfzig ftyn? Kennt ihr denn nicht die und da einen armen Teufel durchschlüpfen lassen, ohne ihm die Haut vom Kopf zu ziehen? — so hätte ihm Amschel etwa antworten können: Eure Freundschaft und euren Frieden in Ehren, Hr. Bürgermeister, und zwanzig Pro crnl könnten'S freilich kdun unter soliden Leuten. Ader wir schenken nicht« her, und solange ihr uns alle dreißig Jahre auS dem Land« jagt, unsere Habe christlich vertheilt, unsere Schuldbriefe für abgestorben erklärt und uns auf den Bettel schickt, so müssen wir nach der Wiedererstehung immer von den Söhnen kereindringen, was uns die Väter geraubt. Zuletzt kriegen wir unser Sach' doch wieder mit ZinS und ZiafeSzinsen; baS neunzehnte Jahrhundert wird euch zeigen, daß wir keinen Posten vergessen haben. Und was die armen Teuft! betrifft, so tbm'S un« nur leid, 'baf wrc keine würdigeren Subjerte sinben, denn Sa ihr unS nach Tausenden rodlgeschlagen, und gezwungen habt unS selbst, unsere Weiber und Kinder abzustechen. so sind wir im Mitleid nicht inehr recht bewandert, und haben jetzt schon dasselbe Plaisir an der Rache, wie ihl's später einmal bei Shakespeare's Sbylock finden werdet." — Nunmehr kommr der Vers, zu der Deggendorfer Geschickte, nachdem er zuvor drei ganz ähnliche Vorgänge zu Brüssel, Breölau und Passau berichtet har. Das Deggendorfer Ereigniß ist, aber erst aus der ersten Halste des vorigen Jahrhundert« auf zwölf Tafeln in der Deggendorfer Kirche in Bildern mit erklärendem Texte dargestellt, so wie in;w.i WallfahrtSbuckjlcin, die erst 1864 erschienen. Die allen Chronisten berühren den Todtschlag der Juden kur;, ohne die Legende mttzutheilen. Die erste ausführliche Quelle ist ein alle« Lied, das in der Mitte deS fünfzehnten Jahrhunderts, also mehr als ein Jahrhundert nach der Thal niedrrgeschrieden worben. ES ist belehrend und unterhaltend zugleich, den Gang der Geschirre nach diesem Liede kennen zu lernen, und wir theilen daher hier die Darstellung Eteub'S mir. „Em Juve versprach einem Christenweib viele Pfennige wenn sie ihm zum Ostertag das Sacrament bringen würde. Die Frau stakt beßwegen das Sacrament, und brachte es den falschen Juden. Diese durchstachen eS mit einer Ahle, worauf das rofrn/ardenr Blut hervorbrang, und auf dem Brod ein Kind erstand — „.der sacramen« lalische Gott in Gestalt eine« holdseligen KüädleinS" nach oer blühenden Ditlion des Kollmann'fchey WallfahrlSdückleinS, welches übrigen« auch wissen ipili, „daß baS Helle Blut von den heiligen Hostien in der Juden verwegene Angesichter spritzte und auf dem Tisch herumrann." E» ist auffallend, daß die sonst so abergläubischen Juden übcr diese« Phänomen, bas selbst »inen hartgesottenen Freigeist stutzig anachen mußt«, gar nicht bedenklich wurden, denn bei andern Fabulisten, wie z. B. ValentinuS LeuchtillS in 8peeulo intraculorutn, befällt die Juden in BreSlau, waS sehr begreiflich, schon bei dem Bluterguß der Hostien „große« Zittern, hefftige Forcht und unmenschlicher Schrecken." Auch die Juden zu Brüssel „ftyn darüber so sehr forchtsam und heftig erlchrockea, baß sie hinter sich zue Erbe gefallen." Indessen die gesunde Luft de« bayerischen Walde« scheint damals auch die Nerven der „grimmigen" Juden von Deggendorf gestärkt zu haben, l