Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 27 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur •Belefjnmq unö Anterhattung yus jüdischem Heüiete. Herausgegeben von | Rabbiner Dr. Ludwig Philippen in Bonn. s' ^!o. 27. 186ÖJ tiea dieser i<ril(cbrift erfibeint woSeaUich eine Nummer. Prei« de» Iabr» goag» 1 Tblr. BierieljLbrr« 7 \i Ngr. Alle BuckbaadUrugen. Postämter und Aei»u»g»«xpediliöue» nehmen Bestelluuge» an. 1^13. IsKrg. 3. Husrtsl. Die Vorsehung. Ein Nachen gleitet über den Rücken des Oceans. Don wannen er gekommen, von welchem Ufer ober Schiffe er sich loSgerissen, wir wissen eS nicht. Zn ihm befindet sich Niemand als — ein schlummerndes Kind. ES ruht auf einem wissen im Grunde de- Fahrzeugs. Sanft sind seine Athemzüge, und ein süßes Lächeln spielt um den halbgeöffneten Mund' des Knaben. Die Wellen tragen den Nachen weiter und weiter, eine übergiedt ihn der andern; die eine hebt ihn auf den schäumenden Kamm der andern. Habt Ihr, Wellen, den Schmerzensruf der Mutter vernommen, daß Zhr so besorgt und schonend das schwankende Brett über Euch bahintraget? Die Sonne sinkt hinter eine dunkelschwarze Wolkenwand, deren Saum sie nicht einmal zu erhellen oder zu rothen vermag. Das Gewölk steigt höher, und verhüllt das Gewölbe des Himmelmit schwarzer Nacht. Der Sturm bricht los und raset über die Wasserwüste hin. Blitze zucken. Vor dem Gebrüll« des Sturmes vernimmt man den Donner der Wolken nicht. DaS Meer wird aufgewühlt; Wogen thürmen sich-auf, und zerreißen wieder zu tiefen Abgründen; eine schlägt über die andere hin, eine wälzt sich über die andere weg; aus den schimmernden und leuchtenden Töchtern des Oceans sind wilde Dämonen, schäumende und brüllende Furien geworden. . Aber der Nachen gleitet weiter. DaS Kiird schlummert noch. Der kühle Luftzug trocknet die Tropfen des Schweißes von seiner Stirne, welche die Hitze de- Tages dervorgelockl. und festigt seinen Schlaf. Die Blitze treffen den Nachen nicht. Der Sturm, senkt feine Schwingen nicht so tief, um die schwachen Dalken zu zertrümmern. Die Wogen schleudern den kleinen Kiel hinauf und hinab, aber er gleicht doch nur der Wiege, die auf und nieder schwankt, und in die Tiefe reißen sie ihn nicht hinein. Da der erste Morgenstrahl im Osten zittert, habende Wolken fich zerstreut, der Sturm sich gelegt, die Wogen rollen nach, aber ihr Grimm wird schwächer und schwächer. Da die Sonne siegreich am Saum» des Horizontes aufsteigt, und ihr goldenes Licht über die Schaumtöpfe der Wellen streut, fährt der Nachen auf ein weiches sandiges Ufer auf. DaS Kind schlummert noch immer. AuS dem Sande hebt eine Schlange ihr Haupt empor, öffnet ihren Rachen mit ihren Gifrzähnen. und streckt ihre spitze Zunge hinaus. Aber sie vermag sich nicht über den hohen Rand des Nachens zu Heden, sinkt zurück, und schleicht davon. Aus dem Walde, der die Küste umgürtet, tritt ein Löwe illt nach Raütz^u« k> kehrt hungernd mir dem Ende der Nacht nach seinem L lger im Dickicht zurück. Er schreitet nicht weit an der Spitze des Kahnvorüber. Ader die scharfe-Brise, die jetzt r om Lande her über da- Meer fährt, vtts^t ih!jn die Wittirung deschlummernden Kindes. Noch eine Weile, unt/der Knabe erwach!,'es bür! und hunc ert ihn, und er erhebt seine Stimm« mit Weinen. Da kommt von dem Wege der durch den Waid fulkt, ein Man i hervor, in der Tracht der indischen Diener. Er blickt um sich, und bemerkt verwundernden Rachen, dessen A »ssehen die fremde Heimath verräld. Er hört bas Kläg n des Kinde-, eist hin, gewahrt es, nimmt es auf seine! > Arm, lächelt ihm beschwichtigt es mit drfi Wohllauten seiner klingende^Sprache, uy> l^enn d,r Knabe auch seine Wort» nicht versteht, Mhlr er doch di« Freundlic >keit ünd die Liebe, di« ihnd-VSraus entgegenspricht. Der Diener trägt das Kind zu seiner Herrin,—di« wenige 5!age vorher ihren Gatten und ihr letztes jtinti der indistzen Erde übergeben. Sie nimmt das Kind als ein Gescj enk Gottean, und fährt mit ihm und ihren Reichthüiaern nach ihrer Heimath nach England zurück, wo sie! den Heranwachsenden Knaben zu ihrem Sohn und Erben macht und ihn sorgfältig erzieht.- Zn kerselben Nacht war ein" großes, starkes Schiff auf dem Mee e. Hie mächtig ragte es auf mir seine« Masten, ' Raen u«) Spieren, an denen die Segel sich bläheten, die Wimpel Ratterten; wie kräftig war sein kupferbezogener Kiel, das gewaltige Steuer, sein hoher Bord; wie comfortadle feine inn re Einlrichtung, seine^Der- und Zwischendecke, seine Kajüten md,Kojen, wie reichg,füllt seine DorrarhSkammer. Aber der Sturm brach los. der Aufruhr der Wellen schwoll immer st irter an. Das stolze Gebäude stöhnte und krachte . unter der Stößen de- Winde-xvnd unter dm Schlägen_ der gewaltigen Wogen. Da fuhr ein Blitz in den Hauptmast und zerschmetterte ihn, baß er mit der ganzen Take» läge über Bord fiel; in demselben Augenblicke faßte der S^uyn das Fahrzeug von der Seite, daß es auf der andern t rf in den WogensedwaU sich senkte. Alles »Var zerschlag«, zerrissen, über einander gestürzt, das Schiff war ein Wraö , füllte sich mit Wasser, und wurde vom rasenden Winde r>ie ein Spielzeug seiner Wuth vor sich herge» trieben. Wohn? wer wußte es? Wavon der Bemannung und den Passagieren de- Schiffenoch übrig, von den Trümmein nicht erschlagen, von den Wellen nicht verschlungen! war, das lag flehend auf den Knieen oder rannte /