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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 25 (1866) · p. Seite 98

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
25 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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geschähe ebenso vertraut als mit Misckna und Gemara, die ganze Staatsverwaltung übernahm, sie mit Ehrlichkeit, mir Geschick und Glück entlang führte, und ein reicher angesehener Mann wurde, dessen Geist und Hochherzigkeit arabische wie jüdische Dichter in den Himmel hoben. Uedrigens fand in letzterem Stück die vollste Gegenseitigkeit starr — wenn nämlich ein damaliger Poet den Minister angesungen barte, so verlangte die Sitte, baß der Staats, mann das Lodgedicht in ebenso geistreicher Weise metrisch erwiederte; — ein Zustand in den wir unS gar nicht Kineindenken können. So wetteiferten denn die Israeliten Andalusiens mit den Arabern ^^den sanften Spielen der Mu^-. dichteten in ihrer Sprache wie in der der Herrscher, und. ernteten Ehren aller Art. ^S sind aber in der Dichtung jener Zeit, welche der romanischen und der deutschen vorauslief, nan^ntlich Her« zenSsachen vertreten, in der doppelten Richtung deS heiteren Lebensgenusses oder der trüben Nachlgedanken, der Schwärmerei für Rubm und Unsterblichkeit, ober der Aftefe und Weltentfagung. Auch des Zweifels schmerzlicher Stachel war schon in manchen Geist gefahren. Insbesondere aber erfreute sich daS LtebeSgedicht der wärmsten Pflege. Die Juden suchten selbst in der Erotik mit den Arabern zu wetteifern, obgleich letztere gerade hierin außerordentlich und -einzig waren — und zwar nicht die» im Gedicht, sondern auch in der Wirklichkeit, zumal da sie noch als Beduinen unter den Palmen der Wüste gelebt. „Von Alters brr stand der Stamm der Usra in dem Ruf« die schönsten Mädchen und die verliebtesten Jünglinge hervorzubringen; i» einem ihrer Dörfer lagen «inst dreißig junge Männer am Sterben, ohne anders trank zu fein als an hoffnungsloser Liede/") Abulhassan Jebuda Halevi (1105—1145), aus Heine s RSmancero bekannt, damals das strahlendste Gestirn am Himmel der Poesie, aber auch tiefbewanderl im Talmud und in der WelcweiSkkil, wird von seinen GlaudenSgenoss.-n den ersten Großen der Menschheit gleichgestellt. Und der erhabene MaimonideS (1135—1204), „der Aristoteles der Juden," der in Aegypten starb, war wenigstens in Spanien zu Cürdova gehören. Aber Talmudstudium, Dichtkunst und StaatSgeschäfte genügten dem strebsamen Geist der spanischen Juden noch immer nicht; auch in der'Mathematik, in Astronomie uüd Astrologie leisteten sie, Hand in Hand mit den Arabern, das höchste, was damals in Europa geleistet wurde. Was die Arzneikunde betrifft, fo war ihr Rubm vielleicht großer als ihr Verdienst; aber eS ist «ine bekannte Tharsache, baß an allen Höfen deS MtttelaiterS die jüdischen Heilkünstler den Vorrang hatten. Sie waren Leidärzte bei den karolingischen und den griechischen Kaisern wie bei den Eha« lifen und den Sultanen, bei den Königen in Spanien, Portugal, Frankreich und England, ja mitunter auch bei den Päpsten. Ein Zeitalter, wo Wissenschaft und Dichtzzng so hoch geachtet. gefeiert und belohnt wurden wie jenes der toleranten Ebalifen in Spanien, hat die Welt nicht wieder gesehen.") Wer nun dazu nimmt, baß die Dichter mit *, Aus „Poesie und Konst der Araber in Spanieu und Sicilien" von A. F. v. Schack. I. S. 27. . . **. Manche« Lorkommuiß erscheint un« jetzt allerdings etwa» I den Fürsten in den schönen andalusischen Sommernächten , beim Mondenschein zusammen kamen, und in den reizen- . den Gartenböfen der Paläste auf weiche Polster hingestreckt den Beider kreisen ließen, dabei auch, während vez Spring» i drunnen plätscherte und der laue Nachlwi'nd Blüthenduft heranwehke, Märchen erzählten und sich in improvisirten Versen und schlagfertigen Gegenreden (unserm Lnsingen)! üvten, oder die lachenden Gärten voll Orangenduft, die! rinnenden Bäche mit lorbeerumkranzten Ufern, mittägllches Rasten unter den Schattendachern de» GranathamS und l nächtliche Luftfahrten auf dem Guadalquivir besangen') — , wer dieß zusammenfaßt, der wird'S unserm Dichter, der j einsam und verlassen gen Mittersendling hinauspilgert und di« Groschen zusammenzähler, die ibm — a penn; a line —! eine befreundete Redaktion für fein letztes Ghafel desctiecrte,! nicht übel nehmen, wenn er in den Ruf auSbricht: „Es i gab denn doch schon schönere Zeiten!" j Wenn wir aoer von der Nohen Milde, welche die ara-! bischen Fürsten dem Volk Israels angeveihen ließen, und! von dem hoben Geistesflug, den dieses dabei genommen, unsere Lugen wegwenden und auf die Zustände der Juden! in den christlichen^Ltaalen jenseits der Pyrenäen werfen, j so begegnen unS leider ganz andere Bilder. — Bilder der! Habsucht, der Rohheit und des Blutdurstes. Ehe wir aber diese Bilder aufrollen, noch ein paar! Worte über die Zustände der Juden selbst. Was zunächst , Deutschland betrifft, so meinen die Geschichtschreiber aus : dem Volk Israel, daß eine vergleichende Betrachtung der . beiderseitigen Moralität keineswegs zum Nachtheil der Jul den auSfallen. würde. Diese beobachteten, sagen sie, mit j Gewissenhaftigkeit die zehn Gebote und scheuten nichtso ' sehr ql» einen falschen Eid. ES fanden sich unter ihnen keine l Ehebrecher, keine Räuber, keine Mörder, während christliche | Wegelagerer damals alle Straßen unsicher machten. Die jüdi-! schen Kinder wurden in Demurh und Gottesfurcht erzogen; die Frauen und Mädchen saßen züchtiglich zu Hause und führ« len einen erbaulichen Lebenswandel, was man von ihren Schwestern m Christo, soferne man den Minnesingern und Landern Verrälhern glauben darf, nicht so sicher behaupten! kann. Uederdieß üblen die Juden brüderliche Gastfreundschaft, j lösten ihre Gefangenen aus, speisten die Hungrigen, und j scheuten in ihren gegenseitigen Nöthen feine Selbstvec-! leugnung und keine Opfer. Den jüdischen Raddi damaliger Zeit — Hochmeister nannten ihn die Deutschen — darf man sich wohl als ein verknöcherles, in talmudistisch« und kabbalistische Träumereien verlorenes Männchen denken, welches ganze Abhandlungen über die Frage stellen konnte: ob es Gott wohlgefälliger siy, wenn man die Hände wasche, ehe man seltsam unk wunderlich, wie;. B. folgende», welche» F. v. Schack S- 55 erzabll: „Vergeben» sandte Mudschadid, König von Denia, dem Philologen Abu Galib tausend Goldstllcke sammt einem Roß und Ehrenkleid, um ihn zu bestimmen eine» seiner Werte ihm zu dedicirea. Der stolze Autor wie» da» Geschenk zurück, indem er sagte: „Ich habe mein Buch geschrieben um den Menschen zu nützen und mich unsterblich zu machen, und nun sollte ich e» mit einem fremden Namen schmücken und ihm den Ruhm zuwenden? Nimmermehr!" Al» dem König diese Antwort Galib» hinterbracht wurde, bewundene er testen Seelengröße und sandte ihm «in doppelt so Kroße» -Geschenk." Da» erwähnte Buch ist übrigen» voll von ähnlichen Zügen. *' Nach dem angeführten Buch S. 84 und 97.

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