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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 23 (1866) · p. Seite 90

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
23 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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beet, Fischhof, Würfel, D rexler und Volkert.) Die Gesänge der neuen Sammlung klingen nicht nur kräftiger. origincllec und kirchlicher, sie tragen auch — worauf ein große-' Gewicht zu legen — ungleich mehr bas Gepräge jüdisch,orientalischer Musik. „Schir-Zion" ist nicht etwa ein« Compilation oder Beardeiruog älterer Gesänge, sondern durchaus eigene, freie Composilion Sulzer's. Nur in einigen wenigen Cdören, sowie in vielen der reci, kativartigen Einzelgänge des Canrors hat der Componist altere, im jüdischen Gottesdienst zu besonderer Bedeutung gelangte Melodien zu Grunde gelegt.*) Ein hohes Alter, nehmen übrigens selbst diese Reliquien nicht in Anspruch; die ältesten jüdischen Melodien reichen nicht über -100 Jahre. Bei dem hohen Alter und der strengen Zucht der jüdischen Traditionen, zumal im GolseSdienste, wäre eS gerade kein Wunder, wollten die Juden ihre alte» Nen Melodien dis zu David, hem Gründer der hebräischen' Telnpelmusik, jurückgefuhrr tsij],nr Um so rühmlicher und redlicher handelt Sulz er. indem er jede derartige Eräumerei ober Fiktion verschmäht, sogar gegen einige Gesang» wessen ausdrücklich polemisirend, „welche in ganz ünoerech« ligkec Weise den Schutz des Alterthums für sich in Anspruch nehmen." Eine ihf'Einzelne gehende Würdigung deS Sulzec'ichen Werkes müssen wir uns an dieser Stelle versagen, wäre sie doch ohne Notenbeispiele auch kaum von Nutzen. Nur einige allgemeinere Bemerkungen seien hier noch gestattct. Der zweite Tbeil deS Sulzer'schen „Schir-Zion", obwohl natürlich dem modernen Ton- und ModulationSsystem angehörig, laßt ein eigeüthümliches orientalischrjüoucheS Gepräge nirgends vermissen. Mit voller Anschaulichkeit tritt da^etde allerdings erst heraus, wenn di» Note durch den charakteristischen nationalen Vortrag belebt und.individualisirt wird. Aber auch, bie Note an sich trägt diesen Tvpus: wir sinken ihn in dem Vorwiegen des R.ciearivischen, da« im Munde eenes CanlorS, wie Sulzer, den Charakter de- I geisterten JmprovisirenS annimmt;.ir. gewissen rhythmischen, harmonischen, vorzüglich aber melodi'chen Grund, ^zügen, wiederkevrenden Cadenzen und Schlußformeln. Ein namhafter neuerer Musik - Historiker gehr offenbar zu weit, ch.nn er dem jüdischer, Syaagogal-Gesang einen «st- 'ginal-jüdischen Charakter aus dem Grunde absprichr, weil die Juden feit ihrer Zerstreuung über den Occident überall j dem modernen Ädcprivlande sich assimi'lrren, so daß Oie . Musik der spanischen Juden spanisch, der deutschen deuksch. der polnischen polnisch sei. Man braucht aber nur einmal dem Gottesdienste der deutschen, portugiesischen und polni» 1 scher, Juden brizuwohoen sin Wien har man bas ÄllrS ganz nahe), um durch alle Verschiedenheiten hindurch ^aS überwiegend Gemeinsame in ihrem Gelange wahtzunehnjen.; Uno die?' Gemeinsam« ist eben der fvecifisch orientalische *) Bei einem der ältesten Themen gibt uns Lulzer eine Anschauung der attjütiicben Noliruvgsw«ie . dich in Form von leinen Häkchen. Punkten und strichen über den Lörttrn angebracht, die größte Berwanttichajr mit den alrchristlichen .Neu men hat. Indem das Hebmiiche zeilenweise vcn rechts nach links gelesen wird, io ist es' einer Nolirung nach unserem Musilsystem ngrntlich unzugänglich. Im „Lckir Zron" find teß> bald nur die Ueberichriften in hebräi'chen, der ganze gesungene Test hingegen in lateinischen Buchstaben ausgrsetzt.! TypuS, der weit mehr an arabische, türkische, persische Weisen erinnert, als an die Nationalmusik der Deutschen, Portugiesen und Polen.'). Lebt doch im jüdischen Volke neben dem Charäkreezug der Assimilirung der noch stärkere eineS zähen Festhalten« an den nationalen Sitten und Traditionen. Am stärksten wirkt er in den unteren Volkoklassen. und diese sind über, all die treue, alle Garde der Religiosität. So dürfen wir denn auch im „Schir-A«on", dem Repräsentanten des modernen Synagogal-GesangS, einen nationalen Grundlon anerkennen. Die Gesänge sind durchaus vokal, ohne Instrumental-Begleitung. und werden vom Cantor theilS allein, tdeils gemeinsam mit dem Chor vorgelragen^. Letzterer ist ein geschulter Sängerchoc von Männern und KnalKn; die Nichtbetheiligung der Gemeinde sowie bie Ausschließung der Frauen vom Tempelgesang steht in strenger lieber,instimmung mir dem allen salomonischen Gottesdienst zu Jerusalem. Don schöner, ergreifender Wirkung sind die (an unsere katholischen R.iponsorien mahnenden) Wechselgesänge zwischen dem Cancor und dem Chor; jener beginnt allein mit einem kräftigen Motiv — tu häufigen Intonationen vom Grundton in die Ouinte geben ihm den Charakter des Rufenden, .Emporschwingenden — der Chor erwidert! ln kürzeren oder längeren vierstimmigen Sätzen. Einige Chöre hat Sulzer mit Ocgeldeglrilung versehen und damit rharsächlich gegen allzu orthodoxe Stimmen für da« Recht der Orgel in der Synagoge plaidirk. In großen Räumen ist die« Instrument zur Unterstützung und Ausfüllung reiner Vokalmusik nahezu unentbehrlich; sein universal religiöser Charakter eignet eS für jeden monotheistischen CulruS. Historisch dürfen die Juden überdies auf ihre „Magc.pda" und „Maschrokita" pochen, die, plimiriv und bald überwunden, doch immechun Orgeln waren. Dem christlichen Abenblande verdankt bie Orgel ihre Ausbildung, aver nicht ihre Herkunft. Das. musikalische Verdienst Sulzer'S erscheint in den Augen des Kenners gesteigert durch viele stgenrhümliche, in der Sprache wie «M Ritus begründete Schwierigkeiten. Die Melodie muß allezeit dominiren, die Stimme deS Canrors dem Chor stets voraus und überlegen sein, kein Wort darf wiederholt werden. Die Texte entbehren jeglicher Slrcphen-Archileklonit und fügen sich schwer dem musikalischen Tact und Periodenbau; dazu treten die strengsten Ansprüche auf die Beachtung der überaus schwierigen Prosodie des Hebräischen. Wir glauben, daß kein Musiker den neuen Band deS S u lz e r'fchen „Schir-Zion" ohne lebhaftes Interesse durchgehen wird. Der sich immer weiter auSdreilende rrformirende Einfluß dieses Werkes (man benützt es bereits in amerikanischen Synagogen) verleiht ihm überdies eine kulturhistorische Bedeutung. Kein Wunder, wenn selbst auS fernen Ländern, wo man nie den Eindruck von Sulzer's Stimme erlebte, Huldigungen und Ehrengeschenke an den Jubilar in Menge hiereintreffen. Wien aber, die Stätte *; Wie sehr erinnert;. B das Klagelied Nr. 015 und Sehnliche« bst Sulzer au deu Ruf des Muezzin bei den Türken! Die; nabt Berwandkichajl der jüdischen mit der arabischen Gesangweise! bestätigt nns von altere» Lamialungen abgesehen) ganz neuer- 1 ding-da« Werk vonÄlexander«Lb ri stianorvitsch,,Ls<zuisse bislori'zue de In Musique Arabe‘* (.1060.)

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