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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 23 (1866) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
23 (1866)
Date
1866-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksblatt. f Zur ■Keieörunq unö Unteröaftunq aut jüdischem ^ebiel^ -f » Herausgegeben von Rabbister Dr. Ludwig PhiliPPjon in Bonn. ['Jio. 1866.] #cn birttr •{qt’änft <xi*an: w«deaU»N <tne Sommer. Pre»« de« Jade» »ang« > rdlr.^ieeretia»n» TVf Rgi. »Ile »u4banciB«tfltn. Poftämrer und Zeima»«ekv«Liliv»en aekinea rvefteUnngea «a. ^13. ZAkrg. 2. Hu3rt.il. Salomon Sulzer. Eine Eharakterjkizze. Wie entnehmen dem Feuilleton eines Wiener Blattes folgende, aus einer katholischen Feder geflossene Charakteristik der trefflichen Sulzer. Es heißt da: Wer kennt ihn nicht, den merkwürdigen Chärakterkopf mit dem graugelocktea Haar, den runden, feurigen Augen und dem energischen breiten Mund, über welchem die hastig gekrümmte Nase da- Inventar der orientalischen Physiognomik vollendet und hier zu sprechendstem Ausdruck zusammenfaßt? Der Mann, welcher vor einem halben Jahr» hundert, kaum siebzehnjährig, die Gemeind« seiner Vaterstadt (Hohenemü in Vorarlberg) als. Canror zum Gebet geführt, hierauf an 40 Jahre lang das musikalische Wien durch die Pracht seiner Stimme und die Gluth feine» Vortrages entzückt har, ec wirkt noch in ungedrochener-Rüstigkeir, weder seiner Stimme noch seine» Jugenjdfeuers ver« lustig. Noch heule roie vor 30 und 40 Jabren scheidet kaum ein fremder Tonkünstler von Wien, ohnedem berühmten Cantor einmal gelauscht zu haben.. Ich selbst habe Sulzer nicht mehr in der >Blürhenzeir seiner Stimme und überhaupt nur zweimal gehört: bei der Einweihung des neuen Tempels in der Leopolbßabt und bei der Hochzeit der schönen Fanny TodeSco. Beidemal« machte mir sein noch immer klangrelcher Bariton und seine schwungvolle Vortragsweise einen tiefen Eindruck. Dieser Dortrag, in welchem vom leisesten Alhemzug diS zum mächtigstem Tonsiurm jede Note — jede Pause möchte man fast sagen — tief aus dem Innersten kam, den Reiz des Fremdartigen mir der Ueberzeugungskraft wahrer, glühender Andacht verbindend, er mußte Jedermann, weß Glaubens und Vaterlandes immer, unwiderstehlich feffeln und erregen. Das war tönendes Feuer, etwas üderlobernd unoqualmend viel, leicht — jedenfalls der lebendigste Gegensatz zu jenem 'mechanisch gleichmäßigen Absingen ritueller Formeln, das in anderen Culten Styl und Vorschrift geworden. Ein zrr, knirschte- Aufseufzen, ein begeistertes Emporjudeln zu Gort, stet« mit dem vollen Aufgebot der Empfindung und gleichsam gespornt durch den Gedanken, mir der Wahrheit jedes einzelnen Tonefür die ganze Gemeinde, ja für ganz Israel einzustehen. Sulzer hatte damals eia wunderbar ergänzendes und erläuterndes Seitenßück an dem seither verstorbenen Prediger Mannheimer." Der alte Mannheimer — noch sehe ich seinen hageren, geistvollen Kopf mit den flatternden Haaren — predigt«, wie Sulzer sang. Dieselbe Gewalt über das Material, dieselbe fremdartige und doch Alle» fortreißende Leidenschaftlichkeit, dasselbe begri, sterte Aufleuchten des Auge- und der Stimme. E-wac di« glühendste Kanzelberedlsamkeit, die ich erlebt, hier' in Worten, dort in Tönen. " \ Liszt erzählt in seinem Buche „Ves Kokemievs et 6s leur wusigue", er bade bei Sulzer'» Tempelgesang zum ersten- und «inzigenmal den Eindruck von einer wirklich na» rwnal «jüdischen Kunst empfangen, während alle anderen, selbst trefflichsten Leistungen jüdischer Tondichter, Porten ugd Maler doch nur ein Nachbilder, und Wiederholen chtistltch abendländischer Kunst seien. Ich habe den treffenden Ausspruch kssz r's ta seiner voflea Wahrheit empfunden^, als ich Sulzer zum erstenmal hörte. Die Wirkungen.de» Sänger-, wie alle höchstpersönliche», erlöschen mit dem Individuum; nur in der Erinnerung der Zeitgenosse» und den Bestrebungen der Schüler schlummern sie wie unter einem Schleier fort. Sulzer hat dafür.gesorgt, daß fein Na^e nicht zugleich mit seiner Stimme verklingen wird. Als Schöpfer und Verbreiter eines geregelten /Synagogen-Gesangs hat;r sich eia bleibendes Verdienst geschaffen, dessen sichtbares Dokument, der „Schir» Zion", vor mir aufgeschlagen liegt. Ueder den früheren jüdischen Synagogal» Gesang und die einschlägigen Reformen Sulzer'» zu unheiton, fehlt mir die maert-wif die äußert Berechtigung. -Die literarische Belehrung über den erstrren ist mehr als dürftig; bas Gewicht der letzteren muß ich auf Treu' und Glauben annehmen. Anerkannt fand ich Sulzer'» Verdienst von Freund und Feind. Sachkundige bezeugen, daß Sulzer der musikalische» Liturgie der Juden Ordnung, Würbe und ästhetische Form ge« geben, daß er"-sie au< einem wüsten Zustande der.Willkür und Verwahrlosung gerissen. ES sei Sulzer'» Ein« fluß, wenn Gemeinden, in welchen man ehemals Psalmen auf profane Opern» und Liedermelodieu vortrageu und den Cantor dahäßlichste Schnörkelwrrk improvisiren hörte, sich gegenwärtig in musikalisch würdigen, wohlgeregelte» Formen bewegen. Für die rein musikalische Seite dieser Reform haben wir einen entscheidenden Anhaltspunkt an oem „Echir»Zion", her von Sulzer herausgegedenrn großen Sammlung vo» Gesängen für den gesammlen jüdischen Cultu». Bon diesem Werke ist vor Kurzem der zweite Theil erschienen, welcher wohl den rrsten. nicht so sehr zu ergänzen als zu ersetzen beabsichtigt. 6r^1st dem „ersten Theil", welcher sich sehr überwiegend jn deutschem Musikstyl, theil» Haydn »Mozartisch, theils lnoch viel moderner bewegt, unvergleichlich überlegen. (Der erste Theil enthielt unter Anoerm viele Compositionen von Seyfri e d, Schn«

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