Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 21 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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83 al» Wellington und Napoleon. Al» er oder gegen Abend vernahm, baß die Preußen da jeien, und auf den Höben von Alliance sah, wi, Blücher, und Wellington sich bei Sonnenuntergang grüßten, da sagte er: „Da» Hau» Roth» schild har die Schlacht gewonnen!" ünh bestieg ein Pferd, welche» wahrend de», ganzen Tage« für ihn gesattelt und bereit gestanden hatte. Er ritt die ganz, Nacht durch und kam früh am Morgen nach Ostende. Die See war so stür» misch, daß kein Bootsmann sich hinau»wagen wollte. Zuletzt gelang e» ihm, einen Fischer zu bewegen, für 80 Pfd. Et. den Versuch zu machen. Am Abend war er in Do» ver, am 20. Juni früh in London und auf der Börse. Gerücht« der trübsten Art hatten sich hier inzwischen verbreitet, und Nathan Meyer hütet» sich wohl, dieselben zu zerstreuen. Im Alleinbesitz de» Geheimnisse», war er nebst seinen Agenten ebenso eifrig zu kaufen, al» alle Anderen sich drängten, zu verkaufen. Al» am 21. Juni die Börse schloß, da war<n di, Papierschränke Nathan Meyer'» in St. Smirhinn's Lane gefüllt und eine Stunde später! traf der RegierungS-Courier mit den Depeschen vvm Schlacht» I feld« ein. Ganz London klang von SiegeSjudel, und am^ anderen Morgen eröffnet« die Börse mit fabelhaften Pre!»7 sen. Auf einem englischen Kriegsschiff fuhr der gefangene Kaiser, dieser gigantische Sohn der Revolution, nach seinem Fel» fenkerkec von Sk. Helena. Ludwig XVIII. bestieg noch ein» mal den Thron der Bourbonen, und um eine Million Pfund Sterling reicher stand Nathan Meyer unter seinem Pfeiler in der südlichen Ecke de» Borseugedaude» von London. Von diesem Tage an datirt der eigentliche Glanz de» Hause» Rothschild. Unternehmungen von mäßigerem ober vielleicht schlechtem Erfolg (wie dip-englisch« Anleihe von 1819 oder die französische von 1823) wurden mehr al» aufgewogen durch andere Unternehmungen, welche wie die Erwerbung der Gruden von Almaben in Spanien und von Jdria in Jllycien den ganzen europäischen Ovecksilberhan» de! zu einem Rothschild'schen Monopol machten. Nach und nach wurde da» Hau» der Agent fast aller Regierungen, und die großen Anlehen wurden zum größten Theis^durch seine Vermittlung abgeschlossen. Dabei hielten die Brüder, eingedenk de» Eide», den sie dem sterbenden Vater geleistet, treue Gemeinschaft, und dadurch, daß Cousin» und Cousinen fast ausnahmslos untereinander heiralheten, blieb auch über die zwei» Generation hinaus da» kolossale Vermögen in unver» minderter, stet» sich durch fein eigene» Gewicht mehrender Masse zusammen. Wi, reich Nathan Meyer für seinen eigenen Theil gewesen, weiß Niemand. Einige schätzten ihn auf drei, Andere auf zehn Millionen Pfund Sterling. Aber beide Dermuthungen sind wahrscheinlich noch unter der Linie geblieben. Seiner Witwe hinterließ er »ine Rente von 20,000 Pfund Sterling da» Jahr, nebst einer Resi» denz in London und einem Landgut« bei London; jeher seiner vier Söhn« hatte, sobald er majorenn geworden/2-,000 Pfund Sterling erhalten und sollte ferner 75,000 Pfund Sterling bei der Derheirarhung bekommen. Seinen drei Töchtern, außer den 25,000 Pfd. Sterling, welche jede mir dem Eintritt der Majorenaität erhielt, vermacht« er letztwillig noch 100,000 Pfund Sterling, die Hälfte al» HochzeilSgeschenk. die Hälfte um im Geschäft zu bleiben und mit vier Percent verzinst zu werben. E» war am Hochzei'l»kage seine» ältesten Sohne» Lionel, welcher im Jahre jl836 zu Frankfurt eine seiner neapolitanischen Cousinen heirathete, daß Natha, Meyer plötzlich krank wurde. Wenige Tage später, am 28. Juli, starb er, nicht ganz, 60 ^Jahre alt, und am folgeirden Morgen wurde durch Zpfall eine seiner eigenen Couriertauben, welch« über Brighton flog, geschossen. Sie sollre die Nachricht seine» Tobe» lach London bringen. An ihrem Halse fand man einen Zi ttel mir diesen drei Worten: ,,I1 est morl." De» Sobn Nathan Meyer'», Lionel, der gegenwärtige Chef b » Haufe» und Vertreter der City im Parlament, ist, wie man weiß, der erste Jude, welcher im Jahre 1858, nachdew durch beharrlich fortgesetzte Agitation d»e Eibe»» formel für Nichtchristen adgeäobert worden, feinen Sitz unter d n Commoner« von England eingenommen. Sein Rang u der großen Gesellschaft von London ist ebenso un» bestritt»», al« lein Pfeiler in der Royal Exchange. Die Barone se Rothschild, seine Gemahlin — die Freundin Disrael'« und die mulhig, Opponenlin Mylady Pal» merston » —t die Wohlthäterin zahlloser Armen, di« Muttis» anmulh ger Töchter und wohlerzogener Söhne, ist,,ine ebenso »eistvvll« al» liebenswürdige Wirrhm. Ihre statt» licht Re'ibenz in Piccabilly, anstoßend an WlllingtonrHau», dem Purk und Buckingham Palace gegenüber, sieht während de - Season die Cr»me der parlamentarischen^litera» risttien ti nd Fiaanzwelt von London und dem Ausland«. Während de J Herbste» und Winter» begibt sich die Familie nach Äunner»bury bei Acton, einem Park und Schloß, zwei bi» «drei Meilen von London, welche» Nathan Meyer, der sorgliche Adnhue, einst au» dem Gewinne eine» seiner gelungensten Sraar-anlehen für etwa» wie 700.000 Thal,r kauft». Nicht» Schönere» , al« dieser stille, träumerische Parks, mit seinen grünen Rasenflächen, feinem dunklen See, seine» nächtigen Eedern, seinen zur Beschaulichkeit einladenden B» chengLngen. Au» den tiefen Fenstern de» Salon» hat m. n einen Blick auf die herbstliche Schönheit der Natur/während an einer von de« Wänden Wohnzimmers der berühmte Murillo hängt und in einem anderen «in Ml bell von Jerusalem zu sehen ist. Ein ausgesucht fthonr» Biblivthekzimmer vollendet den Luxu» von Gun» 7ier»dury Hall; schwere Teppiche bedecken den Boden, Schveib» und Le>etlsche, mit Grün ausgeschlagen, bequeme, Sessel and ringsum in geschnitzten Eichenschranken und ge-' preßrer Reihe jene kostbaren Bände in Leber und Gold, bilden für den Freund de» Nachdenkens und der Ruh« vielleicht die größte der Verführungen. Don draußen herein werfen die hohen, dunklen Baumwipfel ihr«» Schatten, und bprch die schlanken Stämme schimmert da» Grün de» echtenglischen Rasen», auf welchem man in früheren Jahren! um die Mittagsstunde die Herrin von Gunner»- bury echlicken konnte, damals in der Fülle ihrer südliche» Schönheit, während vor ihr, auf munteren Ponie», ihre beide» jTöchter sich tummelten, damals zwei junge Mädchen, Noch Halde''Kinder, heute herangereift, verheirathet, und ir eigener Häuslichkeit nicht weniger schöne Frauen und liedenswürd^e Wirthinnen, al» ihr« Mutter gewesen und noch immer^ist. f Julius Robenderg.!-r