Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 21 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Garten der Semiramis und die anderen Wunderwerke der allen Welt gegen, sajrn wir nur den Krystallpalast von Svvenham, die Eisenbahn üh/r den Semmering, Ci* Durch» bohrung des Mont-CrNis und die submarinen Kabel. Und -otz sind es nicht mehr als hundert Jabre, daß ein sehr bescheidene- Männlein, in einem sehr d.-lcheidenen Hause und in einem sehr bescheidenen Laden unter dem Reichendes rochen Schildes in der Judengasse von Frankfurt saß; nicht mehr als 69 Jabre, da? die Franzosen in Frankfurt „nrückken und Meyer. Amschel sein Gold und Silber nach Kasset flüchtete und dem Landgrafen von Hessen, einem seiner alten Kunden» zur Bewahrung anvertrauk«; nicht mehr als 60 Zahle, daß der Landgraf, seinerseits vor den Franjosea flüchtend.!fein Gold und Silber dem frankfurter Geschäftsfreunde anvertraute, und nicht mehr als 54 Jahre, daß dieser, Meyer Am'chel Rothschild, welcher sechs Zahre vor Goekihe geboren war. in einem! Alter von 69 Zadren und mit einer Hinterlassenschaft von zwölf Millionen Gulden starb. Rothschild undGo.che!. —bas sind zwei Namen, auf welche die Mainstadt wohl stolz sein kann. Denn wenn ich es auch für Blasphemie halten würde, dem Kapital nur «inen Stradl jener Glorie z^oinviciren, welche allein dem Genius gehört, so glaube - ich doch nicht mehr «18 die Thatsache conftatm zu haben, wenn ich behaupte, daß es auch für das erster« eine Höbe gibt, die, wenn sie erreicht ist, demselben eine historische Betcutung sichert. Und dies, wenn irgendwo, ,ist bei dem Hause Rothschild der Fall. ' Auf dem Todrendette soll der Gründer des Hauses seinen fünf Söhnen einen Eid adgenommen baden, daß sie sich niemals trennen, sondern da« Geschäft in Gemeinschaft fortsehen, daS Vermögen fo viel alS möglich! vermehren, aber niemals theilen wellten. Jedermann weiß, wie gewissenhaft dieser Eid erfüllt worden, und die Folge davon war, baß das HauS.Rothschild. mir den Jahren immer wachsend, nicht nur in seinen Reichthümecn, sondern ebensosehr in der Zahl feiner Söhne, Schwager, Neffen und Enkel, zu einer Herrscherfamilie warb, n»«fd>e1 Cie Hauptdöcsen der Welt unter sich verlheilt«, welche ^sich an den fremden Platzen durch ihre Repräsentanten Diplomatisch vertreten-ließ, und welche endlich auch ihre inneren Angelegenheiten. ihre. Heiralken, Mitgift und Erbschaften durch Hausgcsetz« autonom ordnet,. DaS Haupt. Vieser neuen Dynastie war, so lang« er lebte, d«r Londoner Rothschild, Nathan Meyer, der dritte Soh» des alten Amschel. Narban Meyer war schon in feinem 21. Hahre gegen Ende des vorigen JahrhunSerts' nach Englaqd gegangen, mit einem Anlage-Kapital von nicht mehr als 20,000 QJfö. St. Er haue sich zunächst nach Manchester begeben, wo zu dieser Zeit eben das Calicogeschäft einen t'ishrr ungekannten Aufschwung genommen hatte. Der junge Mann wußte, feinen Dorthril wahrzunrhmen, und wahrend seine bescheidenen Eoncucrcnken sich damit begnügten, entweder Di* Manufackuristen oder die Verkäufer zu fein, war Nathan Meyer Beides und machte noch dazu den Bankier für Alle. Seine Mühe bezahlte so gut, baß nach sechs Jahren sein Vermögen sich verzehnfacht hatte. Mit diesen 200,000 Pfd. Sr. begab er sich im Jahre 1803 nach London, diesem Schauplatz kaufmännischer Große, woselbst er schon nach kurzer Zeit eine solche Figur war, baß Levi Barnelt Cohen, einer von den Ciiymagnalen ersten Ranges, ihm sein« Tochter gab. Man sagt freilich, baß dieser fast bereut habe, dem jungen . Menschen, besten Spcculationen von Tag zu Tag kühner! und gefährlicher wurden, bas Schicksal seiner Tochter anvertraut zu haben; aber Nathan Meyer soll ihn beruhigt haben, indem er sagte: „Ihr habt mir^nur Eine von Euren Töchtern gegeben; aber, was Vas anbetriffk, Mr. Eohen. so hättet Ihr kein bessere- Geschäft machen können, als wenn Ihr sie mir all« zusammen gegeben hättet." Das große Ereigniß für Narhan Mevrr und sein HauS war der Befreiungskrieg. ..Indem er zuerst alS Nebenbuhler über bas damals noch souveräne Haus Goldsmid auftcar, erwartete er die Restauration der Bourbons. Er berechnete, baß für das Glück der Rothschilds der letzte Tag der Revolution ebenso entscheidend sein würde, als der erste Tag derselben für das Glück der Golbimi'bS gewesen. Er setzte sich in Kriegsbereitschaft bei Gelegenheit ,ener Regierungs-Anleihe von 1810, in Folge welcher die beiden damals größten Bankhäuser Gideon und Baring stürzten, rripeclive erschüttert wurden. Hierauf eröffnele Nathan Meyer seine Campagne: er kaufte die Wechsel auf, welche Wellington damals, mitten im spanischen Kriege, disronlirl, und welche das englische Gouvernement zu bezahlen kein Gelb harke. Durch die Prolongation dieser Wechsel accredilirke sich Naihan Meyer bei der Regierung und machte zugleich ein gutes Geschäft für sich. Ein direktes Verdälrmß. zwischen ibm und der Regierung kam nun zu Stande: sie fand ihn sehr brauchbar wegen seiner kontinentalen Cormerienen und bedient, sich seiner vielfacher!- ihres Agenten. Durch seine Hand gingen die Gelder an die Armeen, die Subventionen an die verbündeten Mächte. Mit den besten Nachrichten, welche zu haben waren, durch seine Brüder vom Continent bedient, erfuhr er zugleich 'durch seine Beziehungen zu dem englischen Ministerium mehr von der innerst und äußern Politik desselben, al» irgend «in anderer Mann in England. Und er blieb nicht hinter ber Gelegenheit zurück. Plötzlich ward ec Taubenzüchter. Seine Bekannten, welche bukolische Neigungen an bem starren Gelbmann bisher nichtwahrgenommen, erstaunten; aber der Grund dieser Sache war, baß Narban Meyer Ccuricrtaubrn abrichtere. Bald flogen seine Tauben nach Süd unb Ost, während schnellsegelnde Boote auf den kürzesten Routen, die er selbst mit Hilfe von Seekarten auSgesonnen, seine Sendboten und Gelbsäcke zwischen den Küsten von Deutschland, Frankreich und ' England hin- und hertrugen. Es macht dem Scharfsinne dieses merkwürdigen Mannes nicht wenig Ehre, daß die; Coucierdampfer, welche heule zwischen Folkesione und B.oulogne fahren, genau denselben Weg für die kürzeste Seereise gewählt haben, welchen Nathan Meyer einst für seine Segelboote aussindig gemacht. Während in dieser Weife Nathan Meyer feine Bewegungen machte, machten die großen Armeen die ihrigen; die Siegesfeuer von Leipzig, der Einzug der Alliirten in Paris, Elba, Sie hundert Tage — die- Alles drängle Welling» t0N und Blücher, aber auch Nathan Meyer zur Entscheidung: zur Schlacht von Waterloo. Dieser Schlackt wohnte Nathan Meyer in Person bei. Aus einem Versteck, in ber Näh« des Schlosses von Houguemont, folgte er den Schwankungen de- 18. Juni mit nicht weniger Spannung, r