Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 20 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
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In Paris hatte sich ein schottischer Abenteurer, Namens John Law, etablirt und eine Gesellschaft auf Aktien, di« sogenannte „Indische Compagnie" begründet, um ein Handelsmonopol mit den Mississippi-Landern auszudeulen. Der Schwindel ist immer von ansteckender Namr, und bald war ganz Pari-, ganz Frankreich davon ergriffen. Die Actien stiegen auf den zwanzigfachea Preis ihres ursprünglichen Wenhes, und in der Ru« Quiacampoix, dem hauptsächlichen Schauplatz dieses Handels, drängle sich von Tagesanbruch an eia uageduldigex und geschäftiger Haufe, welcher keinen anderen Hunger als den nach Gold zu kennen schien, die regelmäßige Mahlzeit verpaßte und selbst des Nachtnur entfernt werden konnte, nachdem eine Glocke Vas Signal zum Schluß de- Geschäftes gegeben. Das kleinste Zimmer in dieser .Straße ward für enorme Summen vermierbet, die Commis waren nicht im Stande, die Namen der Kauflustigen so rasch zu verzeichnen, aldiese sich herzudrangten, und Lord Mason erzählt in seiner „Geschichte von England", daß ein kleiner Krüppel in dieser Straß« nicht weniger als 56,000 Francs machte, indem er den eifrigen Spekulanten seinen — Buckel vermiethete, um auf demselben ihre Contraete zu zeichnen. Ader dieser Krüppel sollte orr Einzige sein, welcher bei all' diesen ungeheuerlichen Spekulationen reich wurde; denn wie der noble Geschichtsschreiber, den wir genannt haben, sagt«: „Obgleich die Posse zuerst kam, so war poch eine Tragödie dahinter." DaS Ende sing damit an, daß es am Mississippi überhaupr gar keine Länder gab, nach welchen Handel.getrieben werden könnte; aber noch bevor diese Entdeckung gemacht worden war — denn in jener Zeit gab ebekanntlich weder Dampfschiffe noch Telegraphen '— halte sich,j>it Krankheit schon nach England verbreitet, nur mit dem Unterschiede, daß sie hier einerseits tiefer in das eigentliche Volk, andererseits höher hinauf, in die Regirrungs» kreise, ja dis an den Thron selber ging. Denn, wie man weiß, so waren Ihre hannoverankschen Majestäten immer gute Hau-wirthe, sorgsame Familienvater und liebten die hohen Percenle.' Diese ließen bei der oeuey Unternehmung, Ivelche sich „Eüdsre-Gesellschaft" nannte, in' der That nichts wünschen übrig; die Aktien, welche im Winter 130 gestanden halten, standen im folgenden.August auf 1000!. Das Unglück war nur, daß die Ländep der Südsee, auf welche die englische Gesellschaft speeulirre, womöglich noch weniger existirten, als die Länder am Mississippi, . welche John Law monopolisirt Hane. Der Zusammenbruch geschah denn auch fast gleichzeitig, und der Schlag war furchtbar in beiden Landern. In Pan» schrie der . Pöbel nach dem Kopf Jahn Law's, und dieser rettete sein Leben durch die Flucht; in London gellte aber >der Ruf: „Oer Schwindel drS Prinzen von Wales" durch Change Alley und die Corcidore des Börfengedaudes. Man verlang« Blut und Confiscalion; ein Aufruhr drohte, die Maitressen des Königs wurden verfolgt — das Parlament ordnete eine Untersuchung an, aber Tausende. hiSher wohlhabender Familien waren ruinirt. Nur zwei Männer harren in diesem allgemeinen ZusaMmrasturz gewonnen. Der Eine war Rodert Walpole, dec leitende Minister, welcher seine Aktien, als sie 1000 standen, mit den Worten verkaufter „Ich bin zufrieden"; und der Andere war Samson Gideon, der Sohn eines westindischen Kaufmannes, eia Jude. Dieser hatte sich auS den Verlusten der Anderen nicht bereichert, gleich dem Minister; mir Ausnahme dieses Einen Dorthriles, daß er nämlich lernte, wie man dergleichen Operationen nicht machen soll. Ec batte in der Südsee-Affalre und den hundert anderen Schwindelgeschäften, die damit zusammenhingen, die hohe Schule durchgemacht, und die Wahrungen, die er darin erworben, sollten ihm bald zugute kommen. Ein ehrlicher, ehrenhafter und eia gescheiter Mann, wußte er sich bald mit Robert Walpole zu befreunden, welcher tolerant genug war um sich in den finanziellen.Verwicklungen, mit denen er fast immer zu thun hatte,-per Hilfe eines Juden zu bedienen. Eine der hauptsächlichsten Einnahmequellen für den Staat waren in jenen Tagen noch die Claffra-Lotterien, und in diesem Zweige war es, daß Samson Gideon, pcotegirt von dem Minister, den Grund seines nachmaligen Rrichthums legte. Den Meisterstreich aber machte er im Jahre 1745. wo der große Jacobilen» Aufstand>dle britische Welt, namentlich KaufmannSwelr, in die größte Consternalioa versetzte. Karl Eduard, der letzte Sluarj) war auf einer von den schottischen-Inseln gelandet, hatte die Clans unter die Waffen gerufen, hatte seinen Vater, den Prätendenten, unter dem Namen Jacob's Hl. als König von Großbritannien und Irland proclamirt, und war nun mit seiner Armee von Hochländern, auf'dem Marsche nach London, nur noch'wenige Meilen von brr Hauptstadt entfernt. Die Panique an der Börse war allgemein, die Fonds fielen mit unglaublicher Schnelle, und Jeder wollt« um jeden Preis verkaufen. Samson Gideon war fast der einzige Mann, welcher den Kopf nicht verlor. Anstatt zu verkaufen, verwendete er jedes Pfund, das er befaß ober borgen konnte, um zu kaufen. Dies war im Monat November. Während der folgenden - Monate schwankte die Stimmung zwischen Furcht und Hoffen. Ende April des Jahres 1746 endlich kam di« Nachricht von der Schlacht bei Culloden, von der gänzlichen Niederlage der Insurgenten-Armee, von der Flucht des Prinzen, von der siegreichen Unterdrückung der Rebellion durch den Herzog von Cumberland. Nun begann Samson Gideon zu verkaufen, und in kurzer^Zrit fand er sich im Besitze von etwawie einer Diertelmillion, einer Summe, welche sich im Laufe der folgenden 14 oder 15 Jah«^ vervierfachte. Während der ersten Hälfte des vorigen Jahrhundert» war Samson Gideon eines der größten, wenn nicht das größte Haus dec City von London, besonders ausgezeichnet und verdienstvoll — nicht dlvS für eigene Rechnung, sondern für daS allgemeine, dauernde Beste — durch die Beförderung deS Versicherung-- und RentenwefenS. Allein Gideoa'S Ehrgeiz culmiairte in dem Bestreben eia englisches HauS zu begründen. Er fei zu 4If, sagte er, seinen Glauben zu wechseln; aber er ließ seine Kinder taufen, und sein ältester Soyn ward durch Walpole'S Vermittlung in seinem elften Jahre sogar zum Baronet gemacht. Dec würdige Mann gab .sich besondere Mähe, den - präsumtiven Thronfolger seine- Hauses iji der neuen Religion recht' fest zu mache», und einst versuchte er ihn über die Hauptpunkte derselben zu kacechisirm. „Wer har dich erschaffen?" war sein« erste Frage. „Gott!" antwoctstt der Knabe. „Wer hat dich erlöst?" fragte er weiter, ohne daß sein Gewissen ihm dabei Schwierigkeiten machte. „Jesus Christus," war die Antwort. Ader was war Hie dritte Frage? Gideon konnte