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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 16 (1866) · p. Seite 62

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
16 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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— 62 — ziehung nicht bei allen Nationalitäten eine gleiche. Die Holländer find hierin vernünftiger als die Deutschen, und diese wiederum weniger^ hartnäckig alS die Polen. Die Entsittlichung vieler polnischer Zuden de! ihrer ersten Ankunft streift hart an Wildheit. Schmutz, GeisteSbe» fchr.anktheit undgeringe Begriffe von Redlichkeit scheinen . o^t die Hauptzüge ihre« Charakters zu sein. Daß der Umgang mit den Kindern solcher Eltern für den achtbaren Theil der armen Juden ein Gegenstand ernster Besorgniß ist, ist leicht begreiflich, und doch, kann die Gefahr nicht umgangen werden, obgleich eS an sorg, faltiger Beaufsichtigung nicht fehlt. Der talentvolle und rneitzisch, Oberlehrer der derüdmten jüdischen Kreischule in Bell-Lane, Herr Angel, erzählte-unS, wie schwer ihm dieser Theil feiner Pflicht werde. Seine Befürchtung ist keine eitle: denn von etwa zweitausend seiner Leitung anvertrauten Kindern gehören reichlich siebenhundert den;n* gewanderten Juden an. Die bedeutende Veredlung bei den ärmeren' englischen! Juden von heute fallt alSdann am lebhaftesten ins Auge;! wenn man erwägt, was dieselven vor fünfzig Jahren gewesen. Wahrend sie eine Menge der unbedeutendsten Ceremonien ihres -Glaubens aufs strengste beobachteten, schienen sie allen edleren Bestimmungen deffelben Hohn zu sprechen, und ibren Unterhalt gewannen sie nur zu oft auf eine Weise, welche den Satzungen ihrer Religion stracks entgegenlief. Im Gesetze WoscS war ihnen geboten, den Fremdling zu lieben (Deut. 10. 19.) und sie betrachteten ihn alS gute Deute; sich im Handel aller Unrechten Weg« zu enthalten (Lev. 19, 34.) und ihr beständiges Betrugen w^rd sprichwörtlich; — die Blindheit beS Unkundigen nicht zu miSdrauchrn (Lev. 19. 14.) und der unkundige Reich« ward allgemein zum Opfer gestempelt; — den dürftiger» Schuldner nicht um Zahlung zu drängen (Exod. 22, 25j; und ihre Habsucht machte sie berüchtigt; — keind Wucher» . zinsen zu nehmen (Deut. 23, J9.), und Geldwuchet wa» j ihr vornehmster Erwerb. Die große Verbesserung in ihrem Gottesdienste, die '■ man jetzt bemerkt, hattet vom Jahre 1841. Längere Zeit! schon batten viele der aufgeklärten Juden sich mit dcrrj j Gedanken getragen, daß eine Verbesserung im Belhaus^ Bedücfniß fei; nur hegten sie alS Laien einiges Bedenken;! auf einem Gebiete, das eigentlich den Rabbinern gekörte; 1 den ersten Schritt zu thun. Da aber die Rabbiner keinf j Lust zeigten thatig einzugreifen, so beschloß rin eisiflußreichet . Israelit, Sir Isaak Goldsmid Bart., im Bund« mit! 'nock mehreren gewichtigen Männern der Gemeinde, den An» fang zu machen. Sie gewannen auch die Mitwirkung; eines jungen Theologen von großer Einstcht und Gelehrt samkeir, der nach gewissenhafter Prüfung in ihre Absichten; «inging. ES ist dies der jetzige Rabbiner Marks, Pret• diger tn der Synagoge in Margareth» Street, Cavendisß!. Square. Dieser Mann ging mit großer Thatkraft ans, Werk, und schon kurze Zeit nachher ward in einem j Zimmer in der Gegend von Bedford Square ein« kleinj j Synagoge eröffnet. Die Bewegung erregte'anfangs bei den orthodoxen Juden große Erbitterung, ja man dezeichnete bi, Neuerer nicht selten als Abtrünnige. Diese aber ließen sich nicht irr« machen, und hatten bald die Befriedigung, neue Mitglieder an sich zu ziehen. Ihr Vorhaben war, lediglich die Bibel in ihrer reinen Gestalt alS Führer zu erkennen,'- die unwesentlicheren Gesetze und Bräuche beS Talmuds fahren zu lassen und nur die zeitgemäßeren bei, zudehalten. Vom protestantischen Standpunkte hegen wir die An» sicht, daß die angestrebte Form ihren Glaubensgenossen großen Dortheil versprach. Die müßigern Formen warfen sie mit großer Geschwindigkeit bei Seite, wahrend sie über schwierigere Punkte erst nach gründlicher Berathung einen Beschluß faßten. Manche von ihnen durchgesührte Neuerung mochte der großen Masse der Juden alS ein kühnes Wagniß erscheinen, und auch unS, alS Christen, nimmt ihr muthigeS Vorgehen Wunder. Wir wollen den Leser nicht durch di« Darstellung der bloS theologischen Reformen ermüden; da aber die zeitliche Wohlfahrt der Menschen in der jüdischen Theologie stets eine große Rolle spielte, so wollen wir einen Punkt hervorheben, worin daS geistliche und weltliche Element seltsam gemischt erscheinen. Die Zeit der jüdischen Feste wurde jedesmal, nach dem Neumonde bestimmt, und der genaue Moment, wann Neumond ,intrat, war daher von großer Wichtigkeit; da aber eine astronomische Wissenschaft unter den Juden kaum «xistirte, so waren sie auf persönliche Beobachtung anzr» wiesen. Um den genauen Zeitpunkt zu erfahren, ging der Rath des Sanhedrin oder eine Deputation desselben eine Strecke weit azts Jerusalem um von dem Gipfel der Berge die Erscheinung deS Mondes zu beobachten. Sobald er sichtbar war, so ward dies durch Feuer und andere Zeichen nach der heiligen Stabt gemeldet und der Anfang der Festzeit darnach berechnet. Da aber der Mond vom Sanhevrin früher gei'ehin ward, als man in Jerusalem Kunde davon hatte, so war anzunehmen, daß noch ent» ferntere Theile Palästinas diese Gewißheit noch viel später erhielten, und so nach Derhältniß wuchs die Verspätung mit der Entfernung. Damit nun die entfernter wohnen» den Juden ihr«. Fest« nicht zu spat begannen, verordnrten die Radbinen, baß ein weiterer Tag jedem Feste hinzuzu» fügen fei.') In Palästina griff diese Einrichtung nur wenig in ba6 bürgerliche Leben ein; unter der chrisi» mithelien, hat! bas Leben Dort: die große Masse dagegen schleppj sich zeitlebens im Bann der Mittelmäßigkeit, uud nicht klein in die Zadl der Verkümmerten. Der Baum der Freiheit ist eist stolzer Dunderbaum, in desien Lchatten alle« Kräftige herrlich gedeiht, denen Wurzeln aber aus tau'end lebensunfähigen, ert flickten Leimen ihr« Laste treiben. . I * Hierin liegt zugleich das tbeilweiie Verfehlte dieser Richtung. Tenn indem die^neue Gemeinde ein ent'chiedene» confer. varioeS Bewußriein an den Tag legt, hat sie ttrir der Verneinung der Tradition ein Princip .betont, - paSi vom Ltaüdpnnsie des bistcrt'chen Judentbums als unhaltbar/ ericheinen muß. Mil Recht sagt daher Jost von ihre „Einev'klarausgesprochenen Grundsatz vermögen wir in ihrer Reform nicht zu erkennen." (Geich, d. Judenth., III, S. 373/ — . **) Len Kenner des jüdischen ÄlterthumS brauchen wir nicht erst zu erinnern, daß obige Angaben in vielfachem Widerspruch zu dem wahren Sachverhalte, stehen, sowie auf MiSverständniß deS'tlben beruhen. \2o. war eS gerade umgekehrt von Jerusalem, d. h. vom Lelberg, daß die Feuerzeichen anSgingen (Roseh, haaebana 22 b.). Die HinzufügnngdeS zweiten Festtag» betraf ursprünglich nicht' einmal die Jiwen in Babylonien (der Gola), r sondern die viel weiter wohnenden KleinasiepS, Aegyptens usi w. (die Dia'pora). Bzl. Lewvsobn, Geich, u. s. w. des jüd. Kaley. derwefen», 2>. 10. 11.; Gray. Geich, d. Juden, IV., S. 81. si; Jost, Geich, d. JudenrhumS. 1., Z. 189 f. .

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