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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 13 (1866) · p. Seite 51

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
13 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 voll daher kam. Es war der CHasan 'der Gemeinde, der, obgleich man bereitim Anfang April stand, in einen dicken lange« Flauschrock gekleidet war, und «inen mächtigen wollenen Schawl um den Halgewickelt hatte, um sich vor jedem Luftzuge zu schützen, denn die Ostertag« waren nahez und da mußte seine Kehle reingestimmt sein. „Herr Kantor, rief ihm der Briefträger entgegen, daist schön, daß ich Sie treffe, Sie können mir am besten Aufschluß geben; ich habe da einen Brief an Mose- J-rael, sagen Sie mir, wer ist der Mann, und wo wohnt er?" — Der Kantor sann nach: „Mosrs Israel? so heißt eigentlich Keiner hier. Aber warten Sie; ja, da ist der Mose- Schneider, der heißt eigentlich doch Mose- J-rael. So wird ec nemlich im Tempel benannt. Aber warten ^Sie, da ist noch einer, Most- Kolbau, der heißt auch Most- J-rael. Ja, so ist es, beide heißen so." Der Briefbote guckte seinen Mann ganz verdutzt an. ^,Den Schnickschnack verstehe Einer; erst heißt Keiner so, und nun heißen gar Zwei« so." „Ja, dawill ich Ihnen erklären; . — „Lassen Sie mich Herr Kantor milJhrer Erklärung. Dazu habe ich keine Zeit. Wem soll ich denn nun diesen Brief bringen?" — „So gehen wir zuerst, antwortete der geduldige Kantor, zu Mo« ses Schneider, und fragen ihn, ob der Brief an ihn fei." — ,,Ei,der Tausend, dawäre! Da müßte er ja erst den Brief auf« machen und lesen, wenn ec lesen kann. Nein, dageht nicht; der Brief ist noch dazu von der kurfürstlichen Regierung, und ich muß ein« Bescheinigung über die richtige Ablieferung unterschrieben bringen. Dakönnte mir den Dienst kosten, wenn ein Jrrlhum geschähe. Wissen Eie wa-, Herr Kantor, begleiten Sie mich zum Herrn Bürgermeister, dem übergebe ich den Brief, er unterschreibt mir den Schein, und dann gehe ich meine- Wege-. Sie aber können ihm Ihre Erklärung geben." — Der Kantor war diezufrieden, und sie gingen miteinander zum Bürgermeister, der sich auch der Angelegenheit oflichtgrmäß unterzog. Der Be» Herrscher de- Fleckenbat nun den Dorbeter um die Er» klarung. „Ja, sagte dieser. Sie wissen, Herr Bürger» Meister, wir Juden führen eigentlich keine Familiennamen, sondern nur Vornamen, denen wir in der Synag-ge und bei Verträgen den Vater-namen hinzufügen. Da nun die Kin» der immer nur nach den Namen verstorbener Verwandten genannt werden, so steht unnur eine klein» Anzahl Namm zu Gebote, die istimer und immer wiederkehren. Der Eine heißt Mose- Sohn Aron'-» der, Andere Aron Sohn Most-, und da trifft esich denn sehr leicht, daß mehrere Per» sonen dieselben Namen haben, ohne daß sie nur irgend mir einander verwandt wären. Im gewöhnlichen Leben hilft man sich durch Bei» und Spitznamen, so heißt der Eine Mose- Schneider, weil er ein Schneider ist, der Andere Moft- Kolbau, weil er All,- und Jedetreibt, und nicht-ordentlich. In der jüngsten Zeit ist freilich ein« andere Mod« aufge» kommen, und man fängt an, Familienname« aazunehmen; auch bei unist dieschon eingedrungen und wir habe« Blumenthal, Rosenthal, Lilienthal, Löwenthal, Blumenfeld, Rostnfeld, Lilienfeld, Löwenfeld, Blumenderg, Rosenberg, Lilienderg, Löwenberg und so weiter.. Aber die beiden Leutchen, die hier zufällig Mose- J-rarl heißen, thatm dienoch nicht, und so heißen sie noch immer Most- Schneider und Mose- Kolbau, und Sie, Herr Bürger» meister, kennen ja wohl beide." L/lestc antworte,«: „Da hilft weirir nicht-, wir müssen sie beide holen laffen. Sie aber, Heri Kantor, müssen die Güte haben, mir den Rabdmer zu Irufen. Denn dies» muß mir amtlich bezeugen, daß diese heute wirklich Most- J-rael heißen, da ich sie unter diesem Namen nicht kenn,." Alle Drei kamen zur Stelle; all, Drei gestanden zu, daß die Beiden Most- J-rael hießen!; beide Moscsse^e« standen aber, baß si» kein Anliegen bei hochkurfürstlicher Regierung hätten, und daher nicht wüßte«, an wen'von ihnen da- Schreiben gerichtet sti. „Da hilft denn nichtweiter, sagte der Bürgermeister, als >daß ich amtlich da« Schreiben eröffne, ob wir vielleicht tas Nähere darauersthen." Die beiden Mostwaren bleich vor Schrecken, und zitterten fast an allen Gliedern. Der Schneider lief im Geiste die letzten Jahre durch, ob er vielleicht von de« Maaren, die ihm -zur Verarbeitung übergeben waren, allzu große Stücke in die Hölle geworfen j der andere, ob er vielleicht in irgend eine Zunft hinein gepfuscht hätte,- und darüber beklagt wäre. Da- Gewissen Beider sprach sie von derartigen Vergehen, nicht lo-. Der Bürgermeister hatte umerdeß das Schreiben geöffüer und gelesen; er schien von dem Inhalte betroffen, «nd wie eine Rothe stieg ein seinem Gesichte auf. Er sah Beide Mosemir durchdringenden Außen an. Dann hob er an ^„Most- Schneider, habt Ihr einen Bruder, t^rr nach Amerika gegangen?" — Der Angeredete horchte auf und fühlt« sich sehr erleichtert, denn keine-wegharte! er ein solche- Stück Maare in die „Hölle" geworfen. „Ju, antwortete er, ich Litte einen Bruder, der David hieß, Und der ist vor kan» gen, langen Jahren in die Welt gelaufen, wohin aber, weiß ich nicht."! „Dann seid Ihr ewohl nicht, den« der Mann nannte sich John Jackson. Hattet Ihr,vielleicht, redete er den Anderen an, einen solchen Bruder?" — „Nun, antwortete dieser, ich habe zwei BrüderIebabt, und alwir nach dem Tode unsre-'Vaterau- Rawicz gingen, wanverten wir «ine Zeitlang! zusammen, trennten undann,; und kamen niemals wieder zusammen, außer daß der eine, der Gerson hieß, mich einmal zufällig traf, und einige Tage bei mir zubrachte. Oaist wohl zwan» zig Zahle her.. Dann ging er fort u Id ich hörte niemals wieder von ihm. John Jackson hiiß er natürlich nicht. Aber dakönnte wohl ein angenommener Name sein." ' *„Jch sthe» sagte der Bürgermeist« r. Ihr, Kolbau, seid nicht auf den Kopf gefallen. Mit dem angenommenen Na» men ist eklar. Nun hört: in dem E täblchen Whitehaven in Nordamerika ist ein Mann gestubm, der sich John Jackson nannte, und auf seinem Tidtenberre durch ein regelmäßiges Instrument seinem Brul er Most- Z-rael im Flecken B. im Kurfürstenthum Hesselt 36,000 Dollar-, dasind also ungefähr 50,000 Thaler vermacht hat. Wer ist also der glückliche Mose- J-rael?' Da standen die Beiden wie voi t Schlage getroffe»; keiner vermochte ein Wort hervvrj ibrmgea, und jeder hielt nur den Arm au-gestreckt, wie >m zu bezeugen, daß er der glückliche Mose- J-rael sti. Der Bürgermeister sprach: „Ich will euch di« Sache au-einandersttzen. Eine Abschrift de- Testament» übergab di/ Nordamerikanische Regierung dem \ reußischen Gesandten, und dieser schickte sie an di« kurfürstl che Regierung. Da-

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