Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 12 (1866) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
12 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4908862-5999396-6026792--3190-4911403
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

47 im Dunkeln, woher dieser Streich gekommen. Es war Messer Leone, der seine ausgrdreiteren Verbindungen hier» zu verwandt und durch alle möglichen Listen diesen Erfolg errungen hatte. Perez war in Verzweiflung. Nicht allein vaß sein edler Plan abermals zu scheitern in Gefahr stand, sondern er wurde bei dem Herzog auf's Schändlichste compromittirt und seine ganze Zukunft vernichtet. Sobald man daher über die Quelle dieses Unheils auch nicht den ge» iingsten Zweifel hegen durfte, begaben sich die angesehensten Israeliten Luccas zu Messer Leone, um ihn anderen Sinnes zu machen. Sie fanden ihn so kalt unö ab» stoßend, wie er immer erschien. Er sagte: ,,Nicht'ich bin dem Signor Perez, sondern ec ist mir in die Quere ge» kommen. Auf meiner Seite stehen eine Million dnd die Juwelen des Herzogs, auf Eurer Seite 50.000 und einige unbedeutende Vorrechte. Wawiegt da mehr-i Uebrtgens aufgeschoden ist nicht aufgehoben. Habe ich mein Ziel erst erreicht, wird auch für Euch die Zeit kommen." Als die Männer auf diese Weise sich völlig abgeweesen sahen, geriethen sie in Wuth, belegten ihn mit den verdieattn! Schimpfnamen, spieen ihm ins Angesicht und hätten ihn ' sicher mißhandelt, wenn nicht die unzerstörbare Kaltblütig» keil des Leone und di« Besonnenheit einiger, die sich zu! beherrschen vermochten, eS verhindert batten. Traurig 1 kehrten sie zu Perez zurück; sie hatten alle Hoffnung auf» « gegeben uno waren rarhlvS. Der sonst so milde Character Perez' konnte seinen Gram selbst.vor seinem zwölfjährigen , Knaben nicht verbergen, bis er Viesen auf dessen Anstürmen zu seinem Mitwisser gemacht, und ihm den Namen seines Feinde« genannt, gegen den sich bas kindliche Herz des > Knaben empörte. Messer Leone aber ging abwartend seines WegeS. Hatte er gar nichtvon Liebe und Gewissenbaf» tigkeit mehr i . . . Für die Welt, für bi« Menschen, für seine Glaubensgenossen selbst — keinen Funken, alles war in ihm erloschen, was damals davon in ihm gebrannt. | Nur für fein Weid und feine beiden Kinder besaß er eine große j Zärtlichkeit, am meisten für sein kleines Töchterchen. Ganz kann die heilige Klamme in keinem Menschenhrrzen erstickt werden. Das alte Lurca lag zu beiden Seiten öe,S Flusses Serchio, in einer reizenden Ebene, die mit üppigen Wein? bergen, grünen Wiesen und fruchtbaren Saatfeldo'rn bedeckt war. Hier und da gewahrte man dichte Wälder von j Kastanien, Oel» und Odstbäumen und lange Alleen von ' Maulbeerbäumen durchschnitten die Fluren. . Im Hinter» gründe erhob sich das Land terrassenförmig und in apsteigen» den Dordergen bis zu der Kette der "ApennineL, deren malerische und grotesk geformte Gipfel hoch aufragten. Der neuere und elegantere Theil der Stadt, dtp sich an bas herzogliche Palais und die verschiedenen Regierungsgedäude anschloß, lag am rechten Ufer des Serchio,. und.haye Vor» sorge getroffen, sich nur so weit' dem Fluße<zunähern, ' daß zwischen den Häusern und dem Ufer) sich ausge» vehnre wohlgepflegte, schöne Gärten befanden'.. Die Me Stadl streckte sich weit hin an der lintey Seite des Stromes, und namentlich da-'Ghetto lehnt«.{!$ dicht an denselben, so baß nur geringe grüne Strejfen'z.wj'schen dessen Hinterfronte und dem Flusse lagen.- So rauschte der Serchio, hier und da in der Stadtnorhdürftig Über» | drückt zwischen den Reihen der Gebäude hindurch, und s schien zwei Welten zu trennen, bereit Wesen, Interessen, n «inander^adlagen.^ Falle dahinschoß und und da bedeutend« Lebensfragen und Thätigker» weit vr Er war ein Gedirgsstroin, der in starkem mit seinen reißenden Wellen hier Tiefen wählt«, wenn er auch sonst weher breit noch tief war. Einer jener herrlichen Märztage sta^d auf der üppig er» blühten Flur, einer jener fyg«, wo in Jwlien die warm« Luft bereit« alle Unbilden der rduhsn Ja reSzeir vrrgessen ge» macht har, ohne di« Hih« schvn zu schn er erträglicher Gluth gesteigert zu haben, wo Himmel ua Erbe im Sooaenglaaz und in der Blüthenpracht ve klärt erscheinen und die Herzen aller Menschen zur Höh« lufjubrin. In einem prachtvollen Tarten an rechten Ufer spielte ei« reizendes' Kind, ein Mädchen ron ungefähr sechs Zähren elegant gekleidet. Sie spielt unter der Aufsicht einer Bonne und läuft in kindlich m Uebermuthe bald die Kiesweg« entünig, bald versteckt sie sich hinter Ole» ander- und Myrlhengebüsche, um sch von ihrer War» terin aufsuchen zu lassen. Auch hat re mancherlei Spielzeug zur Hand, mit dem sie umhertä! delt, Kugeln, die sie rollt, Reifen, die sie schleudert. Au' einem Balkone an der Hinterseite des Hauses, von dem nan eine entzückende Aussicht über den Garten, den Fluß, die gegenüderliegen» den Häuser, die Fluren, die Wälder dis zu den Bergen genießt, sitzt ein langer hagerer Mann in schwarzem Sam» met gekleidet, einen Degen an der lir ken Seit«, und liest in einem Buche, von welchem er dam und wann aufblickr, um auf das spielende Kind zu schau n. Das^Kind verlangt nach Speise aber Trank, und bi Bonn« eilt in da» HauS, um da» Gewünschte zu holen Da, von der oft vd um so lebhafter, hinab, drängt ssD7 bllrch das Gebüsch, lästigen Aufsicht befreit, springt da» K und rennt aufjauchzend den Garten wa« ihm sonst , so streng versagt war, steht am Ufer d,S FlußeS, wirft ein, seiner Kugeln hinein und bückt sich hinab, um sie wieder zu erhaschen. Ein Fall, ein Aufplätschern de» Wasser»; «in durchdringender? Schrei . . . das. Kind war in den Strom gestürzt, die Wellen schlagen über dasselbe zusammen; es kommt in die Höhe, seine Kleiber tragen es eine kui ze Weile, bann stntrF ««.unter. Der Herr auf.dem Balkon« harte, von dem Inhalte seine« Buches gefesselt, lan je nicht hinuntrrge» blickt. Da vernimmt ,r das Geraus h der Wellen, und drn Schrei des Klnde». Aufgeschreckt sieht er hinab, der Gatten ist leer, auf dem Wasser sieht er einen Au Anblick das Kleidchen de- Kindes. Er weiß, es ist se i n Kind and die Wasser reißen es hinunter. Mit einem furchbaren Aufschrei nach Hülfe springt er auf, stützt durch die Zimmer, die Trepp« hinunrer, den Garten entlang an da« Ufer. Aber eine kostbare Zett ist darüber verflossen; die Wellen fließen wei er, die überhäng,nden Weiden bedecken sie weiter hinab, von dm Kind« gewahrt er nichts. Er schreit, er rauft sich das spä liche graue Haar. .. Dem prächtigen Garten schräg gegenüber lag hinter einem alten Haufe de« Ghetto eine k eine Graswiese mit wenigen Odstbäumen besetzt. Hier stand zu derselben Zeit ein zwölfjähriger Knahe, schön und kräftig, mit blühendem Antlitz, großen dunkeln Augen und schwarzem Lockenhaar. Er sah nach dem Garten hinüber, au' das spielende Kino auf den lesenden Herrn auf dem Balkone. Sein Mund zuckte, seine Augen 'sprühten, seine Kaust bkllte und hob sich gegen den Mann hinüber. Der Knabe wußte, daß es der Feind feines Vaters und dies sein Aind sei, der Feind,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.