Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 13 (1866)
- Issue
- 6 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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hatte sich d(m Kind«»herzen so lief ekngefenkt, daß <» ihn mit aller Scharfe gegen un» wandte. Wo er mir meinem Knaben zusammcnrraf, schimpfte und schlug er ihn, und dieser, obgleich etwaälter und starker, ertrug es auf mein Zureden eine Zeitlang. Als aber brr Bursche einst auch mein, damals noch so kleines Mädchen mißhandelte, züchtigte ihn mein Jakob, der ein« unbegrenzte Liebe für sein vier Jahre jüngeres Schwesterchen halte, in derber Weis«. DieS wiederholte sich mehre Male und odschon . die Frau v. S. die Schuldlosigkeit meiper Kinder kannte, -brachte «S doch bald eine Erkaltung zwischen unS. Es kam hinzu, daß nach einigen FriedenSjahren die Familie der Frau v. Ssich ihrer wieder anzunehmen begann. Das kleine Hau» wurde niedergerissen und an dessen Stelle das stattliche erbaut, das jetzt steht, der Garten, brr an den mcinigen stoßt, prächtr'g^ausgeschmückt, rS gab wieder Gesellschaft im Hause und so blieb denn die Judenfamilie bei Seite und wurde vergessen. Wie die Dinge einmal standen, war mir die» auch nicht unlieb. Ich hatte da» Detailgeschäft meine» Manne» fortgeführt und ernährte damit, wenn auch mühsam und spärlich, meine theuren Kinder. Leider mußte ich bald erfahren, daß die Freundschaft der Frau v. S. sich in da» Gegentheil gewandelt; sie machte mir unter ihren Bekannten viele Kunden abspenstig, was mir zu fühlbarem Nachtheil geriekh. So blieben denn auch die Angriffe und der Schabernack de» ^jungen Herrn v. S. gegen meine Kinder, ja gegen mich, mein Hau» und mein Gärtchen nicht au», da die Mutter ihrem auSartenden Jungen Schutz dabei gewahrte. Nahrung erhielt sein Haß, als die beiden Knaben in das hiesige Gymnasium gekommen. Der Junker halte viele Begabung, aber sei« Leichtsinn und seine Trägheit ließen sie nichb aufkommen, während mein Jakob mit Ernst und unermüdlichrm Fleiße feine vielleicht geringeren Talente pflegte und sich da- Lob seiner Lehrer und die Achtung seiner Mitschüler erwarb. Dir» war für jenen tollen Jungen das größte Aecgerniß und jede Auszeichnung meines Sohne» machte ihn würhenb. Er verbitterte meinem armen Kinde di« Schuljahre auf's Empsinblichste. Denn er wußte immer eine Rotte ungesitteter Kinder gegen ihn zu Hetzen, die ihn mit Schmähungen überhäuften, nicht selten auch 'Mißhandelten. Beim besten Willen konnten die Lehrer diesem Unwesen nur wenig steuern; eS mußte ertragen werben. In den höheren Klassen wurde dies ander»; ein besserer Geist, der darin wallett. schützte fortan Jakob; von außen her durfte der tückische Junker keine Hülfe erwerben, ohne sich den Züchtigungen der ganzen Klasse, die auf deren Ehre hielt, auSzufetzen, und persönlich wagte er e» nicht mehr, da Jakob ihm einmal nachdrücklich die Wucht feiner Faust batte fühlen lassen. Während de» letzten Schuljahres meine- Sohne-, al» 'der hinter ihm zurückgebliebene Herr v. S. in die ^rima gekommen, änderte sich da- Benehmen des letzteren sichtlich. Ec ging öfter» vor unferm Hause vorüber und grüßte höflich. Bald sollten wir die Ursache erfahren. Blumensträuße, die de» Morgen» in unsren Fenster lagen, herrliche Gewächs«, die wir in unsrem Garten fanden, ver« riethrn bald, baß diese Freundschaftsbeweise meiner Tochter galten, die sich sehr frühzeitig zu einem, lassen Sie,S mich sagen, liebenswürdigen Mädchen entfaltet hatte. E» versteht sich, baß die Sträuße äuf die Straße geworsin wurden, die Gewächse über die Gartenmauer zuiückwandercen. Der junge Mann ließ sich nicht abschrecken; eine- Morgen» fand meine Tochter neben den Blumen rin Briefchen, sofort zerriß sie e» und übergab die Stücke dem Wind«. Aber der Herr v. S. verfolgte sie auf Schritt und Tritt, f« daß sie ohne Begleitung ihre- Bruders nicht au-zu» gehen wagt«. Auf viele» Billen Jakob'» hall« meine Tochter eingewilligt, den Abiturientenball bei seinem Abgang von der Schule zu besuchen, und hier war jener Mensch so frech, sie zum Tanze aufzuforben. Meine Tochter lehnte e» ab, da er ihr nicht vorg«stellt.sii. Fast wären hierau» arge Händel entsprungen, wenn nicht Bekannte dazwischen getreten wären und mein« Kinder den Ball frühzeitig verlassen hätten. Um so mehr brütete der Herr v. S. auf Unheil. Er verbreitete die schändlichsten Gerüchte über mein unschuldige» Kind. Wir erlrugrn es ruhig. Wer un« kannte, ober wer nur einen Blick auf meine Tochter warf, wußte, daß e» schändliche Derläumdüng war. Noch mehr. Eines Abend» hatte meine Tochter mit einer Freundin einen Besuch gemacht, und sich dabei etwa» verspätet. E» war dunkel geworden, und unsre kleine Stabt hat noch heute eine sehr mangelhafte Beleuchtung. Kaum haltrn die beiden Mädchen die Hälfte der etwa» entlegenen und menschenleeren Straße zurückgelegt, al» au» einem finstern Thorweg drei Kerle von hinten auf sie loSfpcangen, ihnen dichte Tücher über die Köpfe warfen, um sie am Hülferufen zu hindern, die Eine frsthielten, die Andere, nämlich meine Tochter, forrzuschleppen begannen. Welche» ihr Schicksal gewesen wäre, wenn dieser Schurkenstreich gelungen wäre, wage ich nicht zu denken. Glücklicher Weife halte Jakob, al» er von feiner Fechtstunde nach Hause gekommen und Amalie nicht getroffen, sogleich sich entschlossen, sie abzuholen oder wenigsten» ihr entgegenzurilen. Er war kaum noch 20 Schritte entfernt, al» der Ucberfall vor sich ging. Er hörte da» Geräusch, bemerkte bald, was geschah, und stürzte in Riesensprüngrn mit dem Rappier, da» er noch bei sich trug, auf die Kerle lo», zugleich laut um Hülfe rufend. Ein Hieb, den er auf einen der Menschen führte, und da sich bereit» einige Fenster öffneten, reichte aus, die verruchten Handlanger eine» Bosewicht» in die Flucht zu jagen und man hörte alsbald einen Wagen, der in der Nähe gehalten, davon rasseln. Sir können sich denken, welchen Lärm dieser unerhörte Vorfall in dem Städtchen hervorrief. Man war über den Urheber nicht zweifelhaft, noch dazu, da man bald hörte, daß der junge v. S. an einer Hiebwunde .krank läge. Wir waren Willens, die Sache bei der Polizei anhängig zu machen, und e» wäre die» dem bösartigen Jüngling gar schlecht bekommen. Ein Brief der Frau v. S. ließ un» davon abstehen; e» bedurfte ihrerseits keiner Ueberredungrkunst, denn wir wußten, wa» wir dem Andenken der Väter schuldig seien. Sie versprach ihre« Sohn au» der Stadt zu entfernen, und hielt Wort. Er kam nach der Residenz, wo er da» Gymnasium zu Ende absolvirte, und sein erste» Studienjahr verbrachte. Bald darauf starb die Frau v. S., da» Hau» wurde verkauft, und von fremden Leuten bezogen. Wir athmrten frei auf, und genossen erst von da ab unser,» friedlichen Glucke», da» uv» keine Beschwerden und Ent» brhrungen bemerken und fühlen ließ. Dann und oiann kam auch rin Gerücht von dem bösen Wandel de» Herrn