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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 4 (1866) · p. Seite 14

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
4 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 siebt, fobalO w.r die Briefe zu Gesichte bekommen. Ader sehen ^ie, das war cs. Rosenthal hielt Kisten und Kasten , auf's Strengste verschlossen, besorgte seine Briefe alle selbst, und sogar der Briefträger konnte unS nichts verrathen, denn der junge Mann haue sich eia Fach auf der Post bestellt. Nur das weiß ich, daß ec nicht weit von hier, etkva ein« Tagereise, zu Haus« war; dran als er ein Mal zu den Ferien nach den Seinen reiste, bedauerte ich ihn über bie Mühseligkeiten der Reise, und da antwortete rr wir, daß diese nicht lo groß seien, denn er wäre AdendS schon zu Hause. Dies ist alles, was ich weiß, und aus meiner Offenheit, mir der ich diese ärgerliche Unwissenheit bekenne, ziehen Sie den Schluß auf bas Vertrauen, dessen ich würdig bin." Ich machte dem Manne einen Bückling und entließ > ihn. Wo ich nun weiterhin nach Erkundigungen suchte, überall schlug e» fehl. Za, bie Sache wurde noch dunk- , ler. Zn da», damals noch lateinisch geführte Studenten- . verzeichniß, war er als Schlesier eingeschrieben, und dies widersprach wieder der Aussage des SlirfelfuchsrS, denn. Schlesien niar wohl -sechs bis sieden Tagereisen von K. Wahrscheinlich war er dort gebürtig, und seine Familie später in die nähere Stadt verzogen. Von denen, bie ihn gekannt, wußte Niemand etwas Näheres. Studenten kümmern sich unter einander darum nicht, wenn sie nicht ganz enge Freunde werben. Zch ging weiter; ich machte in der Weinstube mit dem Akkuarius des CriminalgerichteS Bekanntschaft, denn in den UnlersuchungSakten mußten doch die Personalien ermittelt seien. Ader auch dies schlug fehl, denn bie Akten waren, wahrscheinlich in Folge eineS Gesuches hochgrstMer Verwandten des Getödketen vom Zustizminister eingeforderk, um.sich zu überzeugen, daß die Untersuchung regelmäßig und vollständig geführt worden sei. Bon dort kehrten sie wohl niemals wieder. Akluarius selbst halte aber alle Einzelheiten vergessen, dmn wenn ein solcher Schreiber sein V. G. U. unter das Protokoll geschkiedra, ist ihm der Inhalt aus dem Gedächtnis gekommen und er kümmert sich "weiter nickt darum. So vergingen Monate. Allmalig ward auch mir die Sache gleichgültiger. Zch hatte mich an mein Zimmer gewöhnt; mein Geist wurde von meinen Studien völlig in Anspruch genommen; die Gefühle der Bangigkeit, die schrecklichsten Traumbilder und Phantasien wurden immer schwacher und seltener, und da em Bekannter in dasselbe HauS gezogen, rückre ich, sobald es mir in der Einsamkeit etwaängstlich «wurde, auf dessen Stube. Schon nährte sich das Ende des Semesters, und ich dachte bereits an die Ferienreise nach dec Heimalh, als ich eines Tages, da mir mein Schuhmacher eine Rechnung j gebracht, von der ich einige Posten schon bezahlt glaubte, in meinem Schreibschrank unter meinen Papieren nach der Quittung des Mannes suchte. Da ich sie nicht fand, dachte ich, daß sie wohl hinter die Schublade — es war ( Alles klein ünd eng an dem Schranke — sich verschoben. haben könne. Ich nahm jene heraus, und richtig, da . staken mehrere Papiere dahinter, nämlich meine Quittung j und einige Briefe. Es waren k-ine Briefe, bie an mich j gerichtet waren, sondern an den — slud. med. Rosen» : thal . . . Zch stand also auf dem Punkte, daß mein Zn»! trresse, Andere werden sagen, meine Neugierde befriedigt! würde, und sonderbar genug, diefo-wachte aus dem Schlum» ' nur, in den si, verfallen, und brr in einen völligen Todes» schlaf überzugehen bereits begonnen, mit einer wahren Mächtigkeit wieder auf. Zch empfand ordentlich ein Herz» klopfen, als die Briefe in meiner Hand waren; dies aber brachte mich gerade zur Besonnenheit zurück,- und ich faßt« sofort den Entschluß, ruhig und gewissenhaft zu Wege zu gehen. Die Briefe waren wahrscheinlich von dem. welcher die zurückzelassenen Effekten des Flüchtlings auSzuräumen gehabt, übersehen oder nicht gefunden worden. ES waren deren vier und die Aufschrift von einer und derselben, etwas ungeübten und augenscheinlich noch jugendlichen weiblichen Hand. Das Postzeichen war O., und hiermit bie Mtttheilung meines StiefelsuchseS bestätigt. Werben mein« Leser es glauben? Zch -war entschlossen, die Briefe nicht zu lesen, da sie nicht mein Eigenlhum waren und ich auch nicht bie geringste berechtigende Veranlassung dazu hatte, sonbern nur einen Blick, auf die Unterschrift zu werfen. Und werden meine Leser eS mir noch weiter glauben? Zck habe Wort gehalten. Zch will mir daraus kein Verdienst macken. Meine lieben Eltern hatten mir von Kindheit an eine große Achtung vor dem Briefgeheimniß eingefloßt; und dazu kam eine besondere Scheu, bie mir der Gedanke an den unglücklichen Flüchtling und seine trauernde Familie in bie Seele brachte, und welche mich verhinderte mich zwischen dieselben zu dran, gen. Zch öffnete daher bie Briefe, und beschränkte mich auf bie Unterschrift zu blicken, und diese war stets: „Lebe wohl, theurer Bruder, Deine treue Schwester Amalie." Aoer so viel trafen meine Augen hierbei noch, daß auch stetvon der Liede und dem Segen Ser Mutter bie Rede war, bie also wahrscheinlich des Schreibens unkundig war. Was ich zu thun hakte, war leicht gefunden. Zch mußte bie Briefe der Familie zurückstellen. Zch schrieb ' daher an Fräulein Amalie Rosenthal in O-, daß ich die Wohnung inne habe, welche ihr Bruder bewohnt hatte, wie ich diese Brief« gefunden und sie selbstverständlich , ohne sie zu lesen, als ibr Eigenlhum übersende. Ich unterließ dabei nicht das hohe Interesse auszudrücken, welches mir bas Schicksal ihres Bruders «ingeflößt, und daS in bex Gleichheit deS religiösen Bekenntnisses eine natürliche Verstärkung fände, und wie mich dies zu der Bitte , veranlasse, mir, wenn es die Verhältnisse erlaubten, etwaüber baS Geschick ihres Bruders jmseilS des OceanS miczutheilrn. Ich weiß nicht, ob mir in meinem Briefe ein wärmerer Ton als gewöhnlich -aus dem Herzen geflossen, ich erhielt umgehend Antwort, von derselben, etwas steifen Hand geschrieben, aber von dem wärmsten Danke erfüllt. Die Schwester schilderte beredt den grenzenlosen Schmerz, den ihre Mutter und sie über den traurigen Vorgang empfunden, und daß die Verzweiflung, wie ihr tadelloser Bruder so unschuldiger Weise zu einem Makel gekommen und aus seiner Laufbahn, dir für die unglückliche Wittwe so viel versprechend gewesen, heraus» gerissen worden, nur durch die glückliche Rettung des Verfolgten eine Minderung erfahren. Ihr Brudlr sei ohne welkere Gefahr in Amerika angrlangt, habe bei einem Der» wandten seine erste Zuflucht gefunden, bann in Philade!, phia sich niedergelassen und derekls einige Praxis als Arzt erlangt, so daß die Aussichten für die Zukunft recht günstig wären. Sie erhielten recht oft Briefe vor» ihm, und diese bildeten den Trost der Mutter, ble ihren einzigen

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