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Jüdisches Volksblatt · 1866-01-01 · 2 (1866) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
13 (1866)
Issue
2 (1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 Herr M., der Wirrh. Hckuses.-. Ksmmen Sie mir mir in Ihr Zimmer; »S har große Eile, jede Minute dringt Gefahr. Verbieten Sie aber streng, daß stch irgend wer aut dem Hause entferne." Ich erfüllte sein Verlangen; und nun erzählte er mir in höchster Eile, daein Herr v. S., auch ein Medltiner, mit dem Rofenthal in einen ditlern Streit gerathen, und diesen gefordert bade. Der Rofenthal habe sich zu schlagen geweigert, ohne aber die, freilich von seinem Gegner provozirte Gegend,schimpfuag zurückzunehmen. Darauf sei der Herr v. S. mit ihm alt Sekundanten und einem Paukdoktor dem Rosenthal auf die Stube gerückt. sie hatten die Waffen mitgedracht und endlich trotz wiederholter Weigerung den Rofenthal gezwungen, sich zu schlagen. Herr v. S. erhielt einen Stich in die Brust, der wahrscheinlich einen tödtlichen Verlauf herdeiführen würde. Der Paukdoktor und Rosenthal seien mit dem Verwunderen beschäftigt. Ader es käme jetzt Alledarauf an, baß der Rofenthal Keil zur Flucht erhalte. Vor dem Tbore fiebe ein Wagen mit zwei guten Pferden, der ihn in zwei Stunden über die Grenze bringen könne. Rofenthal aber besitze keine Mittel, und Herr M. müsse ihm 200 Thlr. vorfchießen, für die er, der Sekundant, sich verbürgen wolle. Mir war bei dieser Erzählung zu Murd«, als ob ich selbst der Thäcec gewesen, und mein Herz schlug mir. als ob ich der Rettung bedürfte. Auch hatte ich den unglücklichen Rofenthal viel zu -lieb, um nicht etwas sür ihn zu wagen. Ich ging 'schnell zu meinem Pulte und holte da» Geld heraus. In * diesem Augenblick« kam der arme jung« Mann die Treppe herunter. Ich werde dies« Jammergestalt niemals vergessen. Der ' sonst blühende und kräftige junge Mann sah selbst wie ein Todter aus, bas Gesicht aschgrau und verzerrt, die Augen stier , und wie irrsinnig, seine Haare zu Berge gesträubt, seine Ge» italt gebrochen. Als wir ihm entgegenlraren, stich er aus dem schaumbedeckten'Munde nur di, Worte aus: „Tobt/ er ist rodl, lodl!" und fiel in meine Arme. „Schnell, schnell! ermanne dich, Rosenthal, folge mir. Du darfst keinen Augenblick verlieren!" schrie der Sekundant, ließ sein Rappiec zur Erde fallen, ergriff den Arm des Unglücklichen und wollte ihn mit sich fortreißen. Ebenso schnell hatte ich die Kassenanweisungen ihm in bi« Brustrasche gesteckt, stülpte ihm meinen eigenen Hut auf den Kopf und raume ihm ins Ohr: „Denken Sie an Ihr« Mutter, an Ihre unglückliche Mutter!" . . . Bei diesen Worten sprang der arme Mensch in die Höhe, und rief aus: „Meine Mutter! Meine Mutter, ja ich muß fort, komm schnell! Im Nu waren die beiden jungen Leute verschwunden; ich schloß bialrcihnen die Thüre wieder, und stieg langsam, denn die Kniee zitlertett unter mir, die Treppen zu dem Zimmer, dem Schauplatz der unseligen That, hinauf." „Als' ich einrrar, fand ich das Unglück vollständig bewahrt. Die MeubleS.lagen in Unordnung wirr durcheinander, der Fußboden war mit Blut bedeckt; auf dem j Sopha ' lag die halb enlkl/idere Leiche eines jungen Mannes, welche eine klaffende Wunde auf der Brust («igf« und in allen Zügen den soeben vollendeten Tobeskampf verrietd. Neben dem Tische stand «in junger Arzt, welcher seine Jnstrmnenre und Bandagen langsam auf der i TisH ausbreicete und ordnete, als ob er mir denselben n dem Lerchn«v noch sperieren wtzttte. Ich schlug die Hände über den Kopf zusammen, Und rief in namenloser Verwirrung: „Was ist hier geschehen!" . . . Aber der Doktor schien an solche Scenen gewöhnt, und antwortete langsam: „Es ist ein Unglück geschehen,, aber nicht zum ersten und nicht zum letzten Male. Dir können nichts weiter thun, als es beklagen; es zu verhindern, war unmöglich." — „Ader eS kann doch nicht so bleiben; wir müssen doch . . „Wir müssen, lieber Freund." fiel der Doktor ein, „zuerst für den Lebenden sorgen, und dann erst für den Tobten . . . Unser erste» Geschäft muß daher sein, noch einen Arzt herbeizuruftn, den man aber, verstehen Sie mich recht, erst nach langem Suchen finden wirb. Wenn er kommt, wird er mich mit dem Verwundeten noch beschäftigt finden. Hat er seine Untersuchung beendet, so wird er verlangen, baß bei der Polizei Meldung geschehe. Diesem werben wir Folge leisten müssen. Kommt dann die Polizei, so wird sie vor Allem eine Untersuchung des Thatbestandes vornehmen, nach deren Beendigung sie auch die Absicht kunbgedrn wird, nach dem Thäter zu fragen und ihn zu verfolgen. Darüber werden wohl an die zwei Stunden verfließen, und mehr brauchen wir nicht. Es muß Allenur sofort, abermit gehöriger Rübe geschehen. Wir sind dann für nichts verantwortlich, und erreichen doch-, was wir wünschen." „Ich sah die Richtigkeit aller Bemerkungen de» jungen Arztes ein und eS .geschah, wie er eS gewünscht. Das Glück begünstigte unS hierbei. Die nahe wohnenden Aerzre fand man nicht zu Hause, es dauerte wohl eine Stunde, bevor «in Arzt herbeigeschafft war. Nicht minder langte der Polizeichef erst nach langer Zeit an, und es brach die Nacht herein, «he die ersten Maaßregeln zur Verfolgung des flüchtigen Thätrrs geschahen. WaS Wunder, daß die Flucht gelungen, und 1-ß Tage später ein Brief des Ur. Rofenthal aus London mir seine Abreise nach Amerika, die Verfügung über seine Effekten und seinen Dank brachte. Die tiefste Wehmulh sprach auS dem Briefe; ich würde Ihnen denselben zu lesen geben, abec ich habe ihn an den Untersuchungsrichter abgeliefert." So theilt« mir mein HauSwirth mit, und ich wunderte mich damals über die gelungene Flucht durchaus nicht, denn man hatte damals weder Telegraphen, noch Eisenbahnen, noch Auslieferungsverträge zwischen den einzelnen Staaten, und die Grenze des Landes war auch gewöhnlich die Grenze der Verfolgung. Allein hiegmir hatte ich doch nur erst das traurige Ende d«S unseligen Vorgangs kennen gelernt, und ich ersuchte daher den freundlichen wohlwollenden Mann mir über die Ursache und die Natur de- Streites, der dahin geführt, mirzurheileo, was er wisse. „Auch das will ich thun, mein lieber junger Freund," antwortete der Witth, „und ich kann dies um so mehr, a/s es von dem Untersuchungsrichter aktenmäßig festgestellt worden." (Forsetzung folgt.)

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