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Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 51 (1865) · p. Seite 202

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
51 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 sichre: „Machen Sie sich keinen Scher; mir mir, ich biA kein Kind und liebe kein« Bindereien V* „Nun zur," sagte er begütigend, „so folgen Sie mir." Und odne eine wertere'Erklärung zu geben, stieg er die Srufen zur Thüre des Hausehinan, schellte und rief dem Mädchen, daß die Thüre öffnete, zu: „Ich will dem Herrn die Stube zeigen." Es ging nun drei steile Treppen Hinang dann durch einen dunkle» Gang, und endlich in ein Zimmer hinein. Zch war überrascht- Ein geräumiges, Helles und mit guten Meudeln versehenes Gemach, das alle ^»ünschensr wenden Bequemlichkeiten enthielt, und an welcheein luftiger, Alkoven mir reinlichem Bett und Waschgeräth stieß, empfing unS. Und als. ich ergl an ttn Fenster trat — welche Aussicht! Ueber die nahgelegenen Gärten, über die Häui'ee der Vorstadt, über di, Ruinen einer alten weitläufigen Burg und den blinkenden Strom, der die Stadt von der einen Seite umgürrere, schweifte der Blick über grüne Fluren und Wälder bis;u den blauen Bergen hin, die den Horizont begrenzten. Ich öffnete ha» Fenster, und eitle laue, würzige Luft drang herein, und führte auf ihren Wellen den Gesang der Lerchen zu mir, die fröhlich in . den Lüften jubilirrcn. Ich war in den Anblick wie versunken, und zog mit'Anstrengung meinen . Geist wieder herab in die schnöde Wirklichkeit. Denn ich mußte mir sagen, daß diese- Paradies nicht für mich geschaffen sti. Ich schüttelte daher mit Sem Kopfe, und sprach .dann zaghaft zu dem kleinen Manne: „Za, das ist schön; aber wie viel soll kS kostend" „Nun/' antwortete er schmunzelnd, „Sie bekommen es auf ein Zabr um die Hälfte, was cs eigentlich kostet, nämlich für monatlich drei Thaler." Ein Lächeln des Glückes mochte stch über mein Gesicht gebreiz,r haben, aber Staunen und Zweitel folgten rai'ch, und ich fragte schnell: „Wieso dass Warum dass" ..Ich wiederhole meine Frage: Haben Sic Mukh i Furchte« Sie sich vor Ge'pensternk" Zch Mächte einc'Geb.rde der Ungeduld und sägte etwas unwirsch: Kommen Sie doch endlich;uc Sache, wenn ich meine gute Meinung vcn Ihnen oeball.n ''oll!" „Ich will es," anrwor:.!»' mein Füvrer m:r unerschütterlichem Ernste. ..Woblabt, erfahren Sie, daü m die'.m Zimmer vor vier Wochen an S-u^ent im Du.ll erstechen worden und üinen Geist ausardmere. Sie können die Spuren des vergossenen Blur.S hier noch chein.rten, deun alles Scheuern und Spulen konnte.ste nicht aanzoestitigen. Men'chenbluk hattet fest an Lol; und Stein und Zeug." Ich ipar lief er>'chü:terk und bliev stuinm. Der Mann fuhr fort: „Der Thäter ist glücklich entkommen; es war er« arme: junaer Mann, der zu.meinen Kunden gehörte, und gradezu gedrungen »vorde«, wenn er nicht als Dorer des Hasses fallen 'ollt.. Er wac ein Glaubensgenosse von Zhnen, denn, w.nn ich nicht irre, sind auch Sl»' Einer von der mo'ai''chen Religion. M-r und alle Reliaionen und Cenfelstonen alerch: ich sehe nur aut-den Studiosus, und will ec morn. Dienste baden, ist er mein H.rr. In dieses Zimmer aber will nun Niemand einzigen, unS der Wirtb aie.'l es g.rn um di, Häl l, bin, damit es nur erst wieder oe.robnr w.rdc. Hernab wird d:< Sache vergessen, über Sie st?en, ich r.de Ihnen nicht zu, und bade Eie erst ziemlich zuletzt hergefübrt." Ec blickte nun forschend auf mein Gesicht; ich aber verblieb lange Zeit in Stillschweigen. Meine Phantasie führte mir geschäftig die Ecenen vor, die m diesem Raume gefjKfü haben mußten, den Sturm der Leidenschaften, die hier rege gewesen, die Katastrophe und ihre fürchterlichen Folgen, dir Verzweiflung, die Zingst, die Reue, di, Flucht. Ich schauerte zusammen. Mein Blick schweifte umher, um vom Fußboden, von den Wänden und und 'Geräthen die Schattenriss« der Personen abzulostn, welche in dieser . Tragödie mitgrspielt. Aber die Sonnenstrahlen fielen so ' hell und klar in da» friedlich« Gemach, und ließen nichts weiter sehen, als eben die leblosen Gegenstände in ihrer ganz realen Gestalt; das Leben drang hunderttön,'g von außen herein, und sprach nichts von Kampf und Tod. Ich schüttelte schnell das Grauen von mir ab; die Frage des kleinen Mannes: Haben Sie Mukhi Fürchten Sie Sich vor Gespenstern k ballte höhnisch in mir wieder auf und weckte meinen Ehrgeiz. In der geheimen Tiefe meiner Seele sagte eine Stimme: Hat ein Jude diese Raume durch einen Mord befleckt, so soll «in andrer Jude sie durch Frieden, Pflichttreue und ernstes Studium der Wissenschaft wieder entsühnen! Ich wandte mich zu meinem Führer und sagte kurz und bestimmt: „Ich behalte die Wohnung." Das Männchen lächelte mir freundlich;u: „Das ist Recht, Sie haben da« Herz aus dem rechten Flecke. Sie sollen sehen, ich verlasse Sie nicht. Ich komme dir -ersten Tag« alle Stunden zu Ihnen, und sehe. wie eS Ihnen geht, und plaudere mit Ihnen, wenn Sie wollen." Dieses Versprechen erregte eine viel ’ ernstere . Furcht in mir', als d«e ganze Erinnerung an die Mordgeschilpte, und ich erwiderte schnell: „D mein Lieber, Sir brauchen Sich gar nicht zu bemühen. Lassen Sie uns nur den Handel mir dem Wirrke adschließen und schaffen Sie mir meine Sachen au« dem WirthShause hierher." — Dies geschah denn nun auch und eine Stunde später war ich schon beschäftigt, meinen Koffer und meine Bücherkiste auszupacken und Alles in beste Ordnung zu bringen. Hierauf eilte ich fort, denn die Stunde zur Immatrikulation hatte geschlagen; und nach dieser wollte ich etntue Bekannte und Landsleute aufsuchen. So kam der Ar-end heran, bevor ich nach meiner Wohnung zurückkebrle. Wenn schon den jungen, unerfahrenen Menschen das Eingehen in «ne bis dahin fremde Räumlichkeit als sein nunmehrigezeitweiliges Heim mir einer gewissen Bangigkeit erfüllt, so.war dies noch mehr bei mir der Fall, als ich Zuerst so hoch hinaufstergen mußte, wie in eine einsame. Höhe über alles Leben hinweg, bann durch den dunkeln, unerleuchteren Gang schritt oder, vielmehr rappte, also etwas entfernt von den VorderrLumen des Hauses, wie getrennt von allen lebenden Westn, und vor der verschlossenen Thür meines Zimmers stand. Zch fühlte die Trennung von den ^reinigen noch ein Mal und tiefer und scharfer. Und drinnen schien es lebendig zu sein in unheimlicher Weife. Zch harte die Fenster-offen gelassen, und der Nachtwind zog nun geräuschvoll hinein und rauscht? und pnff in dem Zimmer, daß es wie Seufzen und Stöhnen klang. Ich gestehe, daß meine Hand zillerre, als ich den Schlüssel in da- Schlüsselloch steckte, und ich mochte wohl erst ziemlich laut mir dem Schlüssel an das Schloß.klopfe«, wie es uralte Sitte ist, wenn man die Pforte zur

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