Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1865-01-01 · 48 (1865) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
12 (1865)
Issue
48 (1865)
Date
1865-01-01
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4908862-5999392-6026773--3103-4911333
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I —.!190 — mir jedem Fehltritt verbunden ist. Eine grenzenlose Wuirh bemächtigte sich daher, als die Sache kündbar wurde, der Muner und des Bruders Levy's, so wie «der Verwanden Hanneles, und diese Wuth entlud sich Rchin, daß Be.lde aus dem Hause geworfen und hülflos ihrem Schicksal überlassen würden. In^ trotzigen und verbitterten GerNüthern hat aber jede Strafe die Wirkung, daß sich ihnen ihr Unrecht und ihre Sünde verbirgt, und sie sich n«ch dazu im Rechte und als schuldlos Verfolgte dünken. So kam cS,' daß sich das Her; des jungen Mannes den Seinigen gänzlich abwanore und holl Zornes und Rachedurstes gegen sie wurde. Vorerst aber fühlte er, daß! er Alles für Hännele aufopfern müßte. Ec brachte sie bei ordentlichen Leuten unter und bezahlte die Kosten. Er darbte und arbeitete, um ihr das Nötkige zu schafffn. Thcils überstieg aber dieses seine Kräfte, tkcils hatte Hkn das Glück verlassen, jedoch namentlich dadurch, daß has üble Gerücht übcc ihn, wir eS in kleinen Städten und auf dem Lande geschehen pflegt, sich verbreitet, wohl auch vergrößert hatte, und man ihn deshalb aus vielen Häusern verbannke, wo er sonst Zutritt und Absatz gefunden. Bald verkleinerte sich sei:r Waarenvorrath, da das geloste Geld nicht für den Einkauf neuer verwendet wurde, und nur npch kurze Zeit,, so war all feine Haoe Pie Wachs vor der Iuliionne zerflossen und zerronnen. Da war er denn auch bepHännele nicht mehr willkommen, sie fing an, ihn isift Vorwürfen zu überschütten, daß er sie unglücklich gemacht und ihre ganze Zukunft un ergraben habe, l Noch hielt er! an sij,; düster und in ich versunken ließ er Alles über sich ergehen. Als er a>er e^nes Morgens am Grade eines todtgeborenen Kin >es stand, und die Verzweiflung alle Raume seines jugendlid en Herzens füllte, ging er vom Friedhofe auf die La ldstraße, und weiter und weiter, so lange seine Füße hn trugen, ohne sich bewußt zu fein, wohin und was er wolle. In dumpfem Brüten saß er auf einem Sr inbaufen am Rande dcc Strafe, als ein langer - ug von Leircrwagjen, mit Kisten, Trüben und Korden belak ea, an ihm langsam vorüberfubc. Ländlich gekleidete Menschen allen Alters und Geschlechtes yilgerren den Wa;en zur Seite, nur bay hier und da eine Mutter mit ih! em Säugling auf dem Wagen Platz genommen. Levy scheute auf und las auf einigen dieser Kisten das Wort „AaSwandrerour." Wie ein Blitz fuhr es durch feine Siele. Brauchte er sich doch nicht erst von der Heimath lor zulösen, sondern er war bereits von ihr ausgestoßen. Aach er müsse .in die Ferne, auch er über den weiten Rü ken des Dceans. um jenseits desselben ein neue« Leben zu beginnen. Der Gedanke und der Entschluß waren die Sache eines Augenblickes. Wie vom Winde gercacea, cilre er nach der Sravt zurück, raffte seine geringen Hrbi'eligkeitcn zusammen ustd folgte den. Auswandrern mch. Von Niemandem hatte er Abschied zu nehmen, Niemant em zu sagen, wo man ihrt in Zukunft zu denken und' zu finden hätte-. Er war seitdem verschollen, und keine S ele kümmerte sich darum. Hannele fand mit Mühe eilten Dienst bei geringen Leuten und konnte sich erst nach vielen Jahren durch Thärigkeil und Pflichttreue den Eingang ‘ rn bessere Häuser als Bedienstete gewinnen. Wie Levy über das Meer gelangte? Den mittellosen Juden stehen noch immer besondere Mittel zu Gebot«. In der ersten großen Stadt wandte er sich an den Rabbiner , trug ihm seine unglückselige Lage . so wie seinen nunmehrigen Plan vor, und erhielt ein empfehlendes Bittgesuch um Unterstützung. Die Gaben stoffen dem Auswanderer nicht allzu kärglich zu., "To pilgerte er von Stadt zu Stavr; die andern Rabbinen unterschrieben das Zeugniß des ersten, indem sie sich auf dessen Aussage verließen, und als Levy in Amsterdam anlangte, hatte er genug um seine Stelle im Zwischendeck eines Segelschiffes zu bezahlen und den Boden Amerikas mit einigen geringen Mitteln zu betreten. — . Mehr als zwanzig Jahre waren verflossen. Levv hatte sie mit unaufhörlicher Thätigkeit, mir rastloser Arbeit, so wie mit erfinderischem Geiste und großer Geschäftsgewandbeit verbracht. Seine unglückliche Jugend hatte -ihn den Werth des Geldes allzu sehr kennen gelehrt, so daß er mehr, als sparsam, daß er habgierig und geizig geworden. Sein früher Fehltrittc und die schweren Folgen desselben harten sejnn Sitten streng, seinen Ckrakter abgeschlossen gemacht. ' Ä kannte nur ein Vergnügen — Thätigkeit. nur eiwe Lust — Vermehrung seines Vermögens. So war er reich, sehr reich geworden. Aber er stand auch allein, einsam in der ungeheuren Menschen,- flulh, ec konnte sich keine Freunde erwerben und sein Gei; hielt selbst die Schmeichler und Schmarotzer von ihm fern. Ec verfiel in eine Krankheit, und mußte in einem öffentlichen Krankenhaus« seine Zuflucht suchen. Ec genaS, aber trug in ferner Brust einen gefährlichen Keim davon. In der Schwäche, die ec lange Zeit nicht überwinden konnte, kam das Heimweh über ihn, und dies ist ein Gast, der, wo ec ein Mal eingekehrt, nicht wieder von dannen gebt und sich nach und nach alle Räume des Hauses unterthan macht. Levy faßte den Entschluß, nach seinem Daterlande zurückzukehren, und führte ihn aus. Auf der mehrwöchentlichen Rückfahrt hatte ec Zeit, sich auszu-enken, auf welche Weise er in der Heimath auftreten wolle. Merkwürdiger Weise war ihm in'der langen Zeit feiner Abwesenheit Niemand aus jener begegnet, und da er sich niemals versucht gefühlt hatte an die Seinigen zu schreiben, so wußte er von ihnen gerade so viel, wie sie von ihm. Hatte sich jetzt seine Gesinnung gegen sie geändert? Allerdings. Seiner Sittenstrenge konnte bas Sündhafte seines frühern Lebenswandels nicht mehr entgehen; er fühlte seine Schuld in ihrer ganzen Größe. Aber feinem Blicke entging es auch nicht, in dem Verfahren der Seinigen gegen ihn die wesentlichste Ursache seiner Verirrungen suchen zu müssen. Lebte daher in ihm das Bcdürfniß, wieder gut zu machen, worin er sich vergangen, und den Rest seines Lebens ■ in Eintracht und Liebe mit denen zu verbringen, welche! die Hand Gottes seinem Herzen nahe gestellt; war er auch entschlossen, hier die Fesseln seines Geizes zu brechen ' und jene an dem Reichthum. den er sich erworben, ge- 1 nitzenden Antheil nehmen zu lassen: so stand es doch auch in ihm fest, zuvor zu erfahren, ob auch ihre Herzen sich gewandelt und einen bessern Geist in sich ausgenommen. Nicht sein Reichtbum sollte die Quelle des Einverständnisses sein, und nicht erkaufen> wollte er die Liebe. Er nahm sich daher.vor, die Glücksgüterrzu verschweigen, die mir ihm über das Meer zurückfuhren, und wenn.auch nicht als Dürftiger, doch von sehr beschränkten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.